Von Ijoma Mangold

Früher war das einfach: Amerika stand für Masse, Europa für Klasse. Doch inzwischen sind die USA einfach in allem besser - sogar beim Wein.

Die Rollenverteilung, mit der beide Seiten leben konnten, sah so aus: Amerika ist stark und unbesiegbar in der Massenkultur, aber die Hochkultur, die Verfeinerung, die Avantgarde, die ist in Europa zu Hause.

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In der "Artesa Winery" im Napa Valley: Kalifornische Tropfen sind bei Blindverkostungen inzwischen vorne. (© Foto: AFP)

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In dieser Kultur-Rivalität verhielt sich Europa gegenüber Amerika so, wie sich altes Geld gegenüber einem Parvenü verhält. Man rümpft die Nase, lässt sich gleichwohl auf dessen superlativische Bankette einladen, lästert aber am nächsten Morgen darüber, dass es an Understatement und Klasse gefehlt habe. Während der Parvenü, obwohl er für alles bezahlt hat, unglaublich stolz ist, wenn ihn irgendwann einmal eine Gegeneinladung in das verfallene Schloss mit dem undichten Dach ereilt.

Nur hat die Wirklichkeit dieses Rollenklischee schon immer Lügen gestraft. Denn Amerika war stets beides: Massenkultur und Avantgarde. Natürlich war Amerika Hollywood, war "Terminator 2" und "Die hard 3", aber es war eben genauso Robert Altmann, Jim Jarmusch, Jonas Mekas oder George Lucas (zumindest der frühe, sehr artifizielle).

Zwei der größten Formkünstler: natürlich Amerikaner

Amerika hat die Pop Art erfunden, und ein Jeff Koons hätte wohl in keinem anderen Land gedeihen können. Aber es ist eben auch das Land von Frank Stella, Tony Oursler und Sol LeWitt. Und wenn der breit und lebenssatt erzählte, plotgetriebene große amerikanische Roman auch zum internationalen Unterhaltungs-Standard geworden ist, so sind doch zwei der größten Formkünstler, die die Grenzen des Romans noch einmal ganz im Sinne der klassischen Moderne "strapaziert" haben, William Gaddis und Thomas Pynchon, natürlich Amerikaner.

Kurzum, Amerika ist das Land der Massenkultur und der Avantgarde. Weil es nämlich nach dem Prinzip tickt: Man kann doch das eine tun, ohne das andere lassen zu müssen. Amerika glaubt an Addition, an das unendliche Nebeneinander, während die europäische Distinktionskultur über Ausschluss funktioniert: Man kann das eine nur glaubhaft rühmen, wenn man das andere von Herzen verachtet.

Mehr noch als in der Welt der Künste herrschen diese Stereotypien in der Welt des kulinarischen Genusses. Amerika war Fast Food, Europa Nouvelle Cuisine.

Das quantifizierende Prinzip stand dem qualifizierenden gegenüber: Während auf dem alten Kontinent die Essensmenge mit steigender Qualität immer kleiner wird, wird in der Neuen Welt das Beste gerne extra verdoppelt.

Typisch dafür ist ein Gericht wie Surf 'n' Turf. Weil doch in der Welt des Leckeren zwei Dinge wirklich superlecker sind, nämlich Steaks auf der einen und Hummer auf der anderen Seite, ist es doch logisch, um den wirklich unüberbietbaren Superlativ herauszukitzeln, beides nebeneinander auf einen Teller zu legen: Surf 'n' Turf, Steak und Hummer. Das Prinzip Addition in reiner Fresskultur...

Die letzte Bastion alteuropäischer Überlegenheit war der Wein. Noch heute gehört es in besseren halbgebildeten Kreisen zum guten Ton, über Weine aus Kalifornien die Nase zu rümpfen.

Auch in der Elite ein Aufsteiger

Richtig ist: Das amerikanische Markendenken hat den Wein in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem Massenprodukt gemacht. Klare Rebsortenidentität statt komplizierter Lagenklassifizierung, und ein Geschmacksprofil, das auf Wiedererkennbarkeit aus ist. Auf diese Weise eroberte fetter, stark vanillig schmeckender Chardonnay aus dem Golden State enorme Marktsegmente.

Aber das ist nur die eine Seite des kalifornischen Weinwunders. Denn neben der Massenproduktion war Amerika eben auch in der Elite, im vornehmsten Kreis der Weinaristokraten ein erfolgreicher Aufsteiger: 1976 schlugen bei einer Blindverkostung kalifornische Rotweine erstklassifizierte Bordeaux-Gewächse.

Es war ein Schock für Frankreich. Aus dem es sich auf typisch adlig-dünkelhafte Weise herausredete: Ja, hieß es, die jungen Kalifornier mögen die jungen Franzosen schlagen, aber sie haben anders als ein klassischer Bordeaux kein Alterungspotential. Lasst uns die selben Weine noch einmal in zehn Jahren verkosten, dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Zehn Jahre später wurde die Blindverkostung wiederholt: Auch diesmal gewann der Parvenü.

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(SZ vom 04.11.2008/pak)