Von wegen "most ashamed of": Briten pfeifen auf den Literaturkanon und haben noch nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei. Und welches ist Ihr ungelesenstes Buch?
Das "Ways with Words-Literaturfestival im beschaulichen Darton, Schriftsteller und Professoren diskutieren eine Woche lang über Bücher, Autoren, Einflüsse und flanieren durch die geistesgeschichtlichen Epochen mit einer Souveränität, als streiften sie durch ihre Hausbibliothek.
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So wenig Zeit und so viele Bücher: Eine Mitarbeiterin des Goethe-Schiller-Archivs in Weimar. (© Foto: dpa)
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Da kommt ein Reporter des Daily Telegraph und stellt allen Gästen dieselbe Frage: "What's the book you're most ashamed of never having read?", zu Deutsch etwa: Was ist Ihre schlimmste Leselücke.
Alle geben bereitwillig Auskunft, "Ulysses", die Bibel, Darwin . . . Das Ganze krankt nur daran, dass die Autoren ihr Geständnis jeweils beginnen müssen mit der Formel: "Am meisten schäme ich mich dafür . . .". Meist zeigt sich nämlich, dass sie sich ganz und gar nicht schämen.
Symptomatisch Laura Thompson, die sagt, sie kenne Rushdies Romane nicht "und ich werde sie auch bestimmt nie lesen." Hat sich da generell was geändert in Sachen Bildungskanon? Oder sind die Briten einfach lockerer und haben ein weniger dräuendes kulturelles Über-Ich als andere Nationen?
Der Künstler Julius Deutschbauer richtete 2001 im Wiener Museumsquartier die "Bibliothek der ungelesenen Bücher" ein, eine Schrankwand, in die Menschen ihr jeweils "ungelesenstes Buch" stellen konnten. Sie mussten ihm dafür einige Fragen beantworten: Warum ist dieses Buch ihr ungelesenstes Buch? Wie oft haben sie es nicht gelesen?
Im Verlauf der Aktion bildete der Schrank immer genauer den Literaturkanon der Moderne ab: Fünfmal stand da "Zettels Traum", sechsmal "Das Kapital", dreimal "Der Zauberberg" und "Krieg und Frieden", wodurch schon ablesbar wird, dass auf all den Menschen, die diese Bücher abgaben, ein steinschweres Über-Ich lastete, das sie oft von der Lektüre dieser auratischen Bücher abhielt.
So sagte eine Frau über ihr ungelesenes "Kapital": "Viele meiner Freunde hatten Marx' Gesammelte Werke. Da dachte ich, ich bin wahnsinnig ungebildet und muss das auch lesen." Deutschbauer verglich die Gespräche mit einer Beichte: "Ich gebe, wenn ich den Rekorder ausschalte, die Absolution, man braucht dieses Buch nicht mehr zu lesen, man kann es bei mir abgeben."
Absolution scheint heute glücklicherweise keiner mehr zu benötigen: Der Telegraph bat seine Leser, ebenfalls kleine Geständnisse zu posten, derjenige, der die "beschämendste" Leselücke bekenne, bekomme ein Buch. Genereller Tenor der Antworten: Beschämend? Ihr seid ja dermaßen Nineties, behaltet doch Euer Buch, Ihr bescheuerten Kanoniker.
(SZ vom 24.7.2008/mst)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
"man sagt, ein mensch könne in seinem leben etwa 3000 bücher lesen. wie kann dan herr reich-rainicki ca. 30.000 werke so deziidiert rezensieren ? - ein phänomen !"
Nein: Das Lesen ist sein Beruf.
Während andere Menschen pro Tag 8 Stunden arbeiten, lliest er diese Zeit... Das sind 240 Seiten pro Tag, also etwa 0,75 Bücher, die er jeden Tag mehr lesen kann, als normal Arbeitende...
Ich versuche auch pro Tag mindestens 50 Seiten zu lesen...
Und 3000 Bücher dürfte ich auch bald erreicht haben...
Trotz Studium, Arbeit, Fernseh- und Internetkonsum...
""Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
klingt das für mich sehr spannend und ich will wissen, was denn nun eigentlich passiert ist und wie es weitergeht."
Aber wenn man sich dann auf Seite 350 immer noch fragt, was denn eigentlich passiert ist und vom ersten Satz bis dahin nichts passiert ist, dann ist das durchaus grässlich.
Nach dem Proceß habe ich beschlossen von Kafka nichts mehr zu lesen... (Außer vielleicht noch Die Verwandlung vielleicht...)
Ähnlich geht es mir mit Hesse... Von dem hieß es immer, er sei so toll und man müsse ihn lesen. Nach der Lektüre von Unterm Rad, Siddharta und Steppenwolf kann ich das nicht verstehen...
Goethe ist ähnlich...
Thomas Mann hingegenen schreibt einfach schön, und ich bin froh, endlich Buddenbrooks gelesen zu haben...
Prinzipiell denke ich aber, dass man nicht sagen kann und soll, dass man Werke eines Autroren nicht lesen wird und sie grässlich sind. Das kann man erst sagen, wenn man zumindest ein Werk "ausprobiert" hat...
Außer vielleicht bei Unterhaltungskrams für den mir meine Zeit zu schade ist... Ich werde nie Dan Brown und Tommy Jaud lesen...
man sagt, ein mensch könne in seinem leben etwa 3000 bücher lesen. wie kann dan herr reich-rainicki ca. 30.000 werke so deziidiert rezensieren ? - ein phänomen !
Da interpretierst Du aber ganz schön viel in ihren Kommentar rein. Sie hat geschrieben, dass es ihre größte Leselücke ist und ihn folglich nicht gelesen. Und mal ehrlich, beim "Prozess" geht es mit dem ersten Satz gleich richtig los und das ist ziemlich spannend. Ich meine wenn eine Buch anfängt mit
"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet."
klingt das für mich sehr spannend und ich will wissen, was denn nun eigentlich passiert ist und wie es weitergeht.
Und über die Interpretationen kann man ja streiten, man muss sie aber gar nicht lesen. Dafür kann ja auch Kafka im Ergebnis gar nichts. Es ging ja hier nur um die "ungelesensten Bücher" und nicht die "ungelesensten Interpretationen". Ich für meinen Teil muss nicht unbedingt Interpretationen lesen um Bücher gut oder schlecht zu finden. den "Prozess" fand ich jedenfalls gut und er hat mich nachdenklich gemacht. Hast Du "Die Verwandlung" denn nun gelesen oder nur die Interpretation?
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