Keine Frage: Wenn Kevin erzählt, daß er mit Jacqueline zusammen war, aber gleichzeitig mit Doreen gevögelt hat, besitzt dies nichts mehr vom lustvollen Imaginären. Sexualität verkommt vielmehr zu einem gefallenen Gut, mit dem kein kultivierter Mensch mehr etwas zu tun haben möchte. Eine in diesem Zusammenhang interessante Tatsache: Setzten die Privatsender am Anfang ihres Schaffens noch auf ein buntes, wenn auch zum Teil trashiges fiktionales Erotikprogramm, haben sie dieses heute fast vollständig aus ihrem Programm verbannt; stattdessen gibt es Bikini-Castings am Strand und Dokus aus dem Swingerclub. Ausgerechnet das ZDF hält mit den milden montäglichen Sommernachtsphantasien als letzter Sender noch an der Kraft des Erotischen fest.

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Woher aber rührt die immer weiter verbreitete Genußfeindlichkeit? Hier bringt Pfaller den Wiener Vater der Seelenforschung und seine Theorien des Analen ins Spiel. Sigmund Freud behauptete, kulturelle Analität setze an die Stelle verpönter Lust eine sich als Tugendhaftigkeit aufspielende Abwehr dagegen. Diese Abwehr ist zwar nicht mehr so deutlich lustvoll, erlaubt aber auffälligerweise dasselbe Maß an interessierter Beschäftigung mit dem Schmutz.

Pfaller hat im Fernsehen ein anschauliches Beispiel parat: die äußerst erfolgreiche amerikanische Krimiserie CSI. In ihrem "Schmutz der Spuren" sieht er eine klare Brücke zu Freudschen Gesetzen der Analerotik: "Anders als in früheren Zeiten wird Verbrechen nicht mehr auf seinen sozialen Tatbestand hin überprüft, eben entsprechend dem Gedanken, daß der Verbrecher nur durch die Gesellschaft kriminell wird. Stattdessen werden naturwissenschaftlich generierte Fakten in den Mittelpunkt gerückt. Die Helden sind reine, strenge Seelen, die sich ganz der positivistisch motivierten Spurensuche hingeben. Das Sezieren sterblicher Überreste dient in Wirklichkeit der Verschließung und Abwehr weitaus ekligeren und bedrohlicheren Fragen, nämlich denen nach der gesellschaftlichen Dimension des Verbrechens."

Vorbei also die Zeiten, als die Vorzeichen im deutschen Tatort noch umgekehrt daherkamen: Ein sich lustvoll schmutzig gerierender Horst Schimanski suchte sehr vehement nach dem "sozialen" Verbrechen.

Ein weiteres, die Freude am Spielerischen einschränkendes Phänomen ist für Pfaller der zunehmende gesellschaftliche Narzissmus. Dieser rufe unter anderem eine ich-konforme, asketische Feindseligkeit gegenüber unerreichbaren Idealen hervor. Etwa dem Ideal des glamourösen Stars. Pfaller denkt an die Ära von Diven wie Gina Lollobrigida oder Sophia Loren zurück, die heute wie nostalgische Reliquien durchs Programm gereicht werden: "Im kulturellen Narzissmus wird der Star feindselig betrachtet, weil er uns etwas voraus hat. Früher gab es eine spielerische Freude, mit dem Ideal einer Brigitte Bardot zu wetteifern und, wenn nötig, zu verlieren." Eine narzisstische Gesellschaft hingegen reagiere gekränkt auf die Grandezza echter Stars. Damit aber, so Pfalle, verkneife sie sich ein wertvolles Recht: "zu träumen".

Die Konsequenz ist bekannt. Den Bildschirm bevölkern Durchschnittstypen, die selbst durch eine aufgeblasene Deutschland sucht den Superstar-Kulisse nicht ansatzweise Glamour ausstrahlen. Ähnlich, sagt Pfaller, verhalte es sich mit dem Humor. Auch hier werde nicht selten Verzicht auf Vergnügen zugunsten einer oft eitlen Vernunft geübt. Nicht nur 3sat- und Arte-Moderatoren unterliegen ihm zufolge gerne dem Trugschluß, dass Lustiges nicht wahrheitsfähig sei: "Da herrscht ein fataler Irrtum, dahingehend, daß Humor ein Privileg derer sei, die sich über das Leben keine Sorgen machen müssen. Das Gegenteil ist der Fall."

Was wünscht sich Robert Pfaller vom Fernsehen? "Mit Sicherheit eine gewisse Entschleunigung und mehr Mut zur Einfachheit auf hohem Niveau. Das augenblicklich vorherrschende schnelle, gewinnorientierte Kopieren von Erfolgsformaten schafft im Grunde nur einen geringfügigen Vorteil, aus dem schnell ein großer Nachteil werden kann."

Aber wie klug kann eine Massenkultur sein? Unterschätzen die Macher ihr Publikum, wenn sie "Fernsehen für die Bäckereifachverkäuferin" machen? Ein Satz, den Kreative in den letzten Jahren oft zu hören bekamen.

Pfaller nickt: "Ich hatte kürzlich zwei Auftritte in sehr spät ausgestrahlten, ambitionierten Kultursendungen. Auf das eine sprach mich eine chinesische Kellnerin an, auf das andere meine kroatische Hausmeisterin." Da schmunzelte Herr Pfaller und bestellte noch: einen weißen Spritzer.

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  1. Zielloser Stress
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(SZ vom 22.07.2009/jeder)