Von SUSAN VAHABZADEH

Alles bleibt, wie es immer gewesen ist: Vier Gewinner machen keinen echten Sieger - und die Academy hat es sich mit souveräner Nicht-Entscheidung leicht gemacht. Zu leicht.

Den Anfang hätte man wirklich für verheißungsvoll halten können. Als Moderator hatte sich die Academy erstmals Jon Stewart geholt, der mit politischer Comedy erfolgreich wurde und einigermaßen subversiv ist fürs amerikanische Fernsehen, und dafür bekannt, dass er gerne mal den Mitgliedern der amtierenden US-Regierung ein paar scharfzüngige Gags um die Ohren haut. Zum Auftakt witzelte er darüber, dass man draußen im Land sage, Hollywood habe den Kontakt zum Mainstream-Amerika verloren. Und dann kam gleich ein Knaller: George Clooney wurde als bester Nebendarsteller ausgezeichnet für seine Rolle in "Syriana". Und als er auf der Bühne stand, sagte er, dass er genau darauf stolz sei: einem Club anzugehören, der manchmal auf den Mainstream pfeift. Der 1940, lange bevor es so was wie eine Bürgerrechtsbewegung gab, die schwarze Schauspielerin Hattie McDaniel ausgezeichnet hat. Und dann war, die Veranstaltung lief noch keine Viertelstunde, Schluss mit der Subversion. Hollywood bleibt Hollywood, da helfen keine Filme.

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Diese Dame hat bei der letzten Verleihung zwar keinen Oscar bekommen, aber Himmel!, so sehen Göttinnen aus: Uma Thurman, aufgenommen bei einer After-Oscar-Party im Anschluss an die Verleihung. (© Foto: AFP)

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Fangen wir mal mit dem Moderator an: Björk, kicherte Jon Stewart ganz am Anfang, könne nicht kommen (sie war bei früherer Gelegenheit mal als Schwan verkleidet da), weil sie ihr Oscardress anprobiert habe und dabei von Dick Cheney (der unlängst einen anderen Jäger angeballert hat) erschossen worden sei; es blieb Stewarts einziger Republikaner-Gag, und auch ansonsten litt sein Auftritt unter der üblichen Gastmoderatorenkrankheit: Wer nicht selbst ein Hollywood-Star ist, den packt, wenn er dort oben steht vor diesem Saal voller Filmlegenden, dann doch die Ehrfurcht.

Was nun die Filmlegenden angeht: Die Academy sei modern geworden, hat es geheißen, als sie Ende Januar eine Nominierungsliste für die 78. Oscarverleihung herausgab, die kontroverser und politischer war als irgendeine je zuvor. Gestern Nacht nun wurden Entscheidungen präsentiert, die so lahm und unpolitisch sind, wie es aufgrund dieser Liste überhaupt möglich war. Von dem Heldenmut, den Clooney im Saal vermutet zu haben scheint, war nichts mehr zu spüren - alles konsensfähig. Bester ausländischer Film wurde nicht die palästinensische Selbstmordattentäter-Story "Paradise Now", auch nicht die deutsche "Sophie Scholl", sondern der südafrikanische Favorit, "Tsotsi". Erwartungsgemäß gewann Reese Witherspoon für "Walk the Line" als beste Schauspielerin. Gegen ihr liebevolles Porträt der Country-Sängerin June Carter hatte Felicity Huffmans grandioser Auftritt als Transsexueller in "Transamerica" keine Chance. Auch ein Favoritensieg: Philip Seymour Hoffman als bester Schauspieler, der sein Versprechen brach, die Dankesrede zu bellen; der mimte in "Capote" zwar einen Schwulen, aber doch wenigstens einen zwielichtigen. "Crash" als bester Film, das ist der gemeinsame Nenner, auf den sich die Academy mit dem Mainstream einigen kann. Die Mitbewerber waren schließlich eine Schwulenlovestory ("Brokeback Mountain"), ein Pamphlet für die freie Rede in Zeiten blinden Patriotismus' ("Good Night, and Good Luck") und ein Gebet für den Frieden als Antwort auf Terrorismus ("Munich"). Es ist kein Fehler, ein Rassismus-Drama mit dem wichtigsten Filmpreis der Welt auszuzeichnen - es ist halt nur so, dass dieser Film, nicht gerade ein subtiles Werk, auf der zu Verfügung stehenden Liste der einzige ist, mit dem man weiteren Diskussionen aus dem Weg geht. Dass Hollywood auf keinen Fall rassistisch sein will, ist nicht neu. Ob es auch Bush-kritisch ist, Gewalt als politisches Mittel ablehnt oder mit schwulen Cowboys leben kann - darüber müssen die Mitglieder der Academy noch zwanzig, dreißig Jahre nachdenken. Über Robert Altman, der seinen Ehrenoscar cool und unbeeindruckt entgegennahm und kurz erwähnte, dass wohl kaum alle im Saal seine Filme gemocht hätten, haben sie schließlich mehr als dreißig Jahre nachgedacht.

So kam es dann, dass es keinen richtigen Sieger gab, sondern das Gießkannenprinzip waltete. Aller guten Dinge waren drei, drei Oscars für "Crash", drei Oscars für Ang Lees "Brokeback Mountain" - für die Musik, Lees Regie und das Drehbuch von Diana Ossana und dem alten Meister Larry McMurtry, der schon vor 34 Jahren hätte gewinnen sollen für "The Last Picture Show". Und jeweils drei Oscars - in Nebenkategorien, in den wichtigen waren sie nicht nominiert - für die einzigen echten Blockbuster, die überhaupt vorkamen auf den Listen in diesem Jahr, "King Kong " und "Memoirs of a Geisha", die aus gutem Grund im Vorfeld nur am Rande erwähnt wurden. Dass sich die Academy, die Repräsentanten der Branche, nicht drauf einigen konnten, was das größte Ding des Jahres gewesen sein könnte, ist ein Zeichen von Ratlosigkeit in Zeiten der Krise. Hollywood leidet unter Besucherschwund - und immer wieder wurde in dieser Show darauf hingewiesen, wie überlegen die Leinwand dem DVD-Bildschirm-Abklatsch ist, immer wieder gab es Ausschnitte aus alten Filmen, bis man einen Anflug von Geisterbeschwörung zu erahnen meinte in den Verweisen auf bessere Zeiten. Weder "King Kong" noch "Memoirs of a Geisha" sind Filme, von denen man noch in fünfzig Jahren sprechen wird; die Abkehr vom Mainstream, auf die Clooney so stolz war am Beginn des Abends, kann aber nicht der Weg aus der Misere sein. Wenn Jon Stewart sich die Republikanerscherze verkneift, "Good Night, and Good Luck" und "Munich" leer ausgehen, "Brokeback Mountain" doch nur im Mittelfeld landet, dann hat das auch damit zu tun, dass die Academy-Mitglieder konservativer und verknöcherter (und älter) sind, als einen mancher öffentlich zur Schau getragene Lebenswandel glauben macht. Aber es liegt nicht nur daran. Wenn Hollywood nicht mehr Mainstream ist, dann steht die Filmindustrie vor einem Scherbenhaufen.

Es ist kein Fehler, ein Rassismus-Drama auszuzeichnen. Aber drei Oscars für "Brokeback Mountain", genauso viele für "Memoirs of a Geisha" und keiner für "Munich" und "Good Night, and Good Luck" - das ist keine neue Ära, in der die Academy Zeichen setzt, sondern Hollywood, wie es immer gewesen ist. Die wichtigste Frage ist, was Kasse macht, alles andere steht dahinter zurück. Den Oscar, den Hattie McDaniel bekam, lange bevor sie jedes Lokal hätte betreten dürfen, das ihr gefiel, hat sie nicht für einen Außenseiterfilm erhalten, sondern für "Vom Winde verweht" , nach wie vor der erfolgreichste Film aller Zeiten.

"Brokeback Mountain", für unter 15 Millionen Dollar gedreht, hat locker das Zehnfache seiner Kosten eingespielt, und somit mehr Kasse gemacht als viele 200-Millionen-Dollar-Dinger, die am Ende nur ein paar Millionen mehr machen, als sie gekostet haben. Die Studios werden nicht ablassen von den Blockbustern; vielleicht hat sich die Welt um sie herum aber so verändert, dass es die massentauglichen Gemeinsamkeiten, die sie gern hätten, gar nicht mehr gibt. Und stattdessen tausende von Wahrheiten und Weltanschauungen und cineastischen Vorlieben nebeneinander existieren. Seine Helden, hat Ang Lee gesagt, als er seinen Oscar entgegennahm, hätten uns gelehrt, wie großartig die Liebe an sich ist. Wer sich darauf nicht einigen mag, der hat eben Pech gehabt.

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