Von Alex Rühle

Mit Taschen fing alles an. Nun werden die Bildbände immer größer. Von der De-Intellektualisierung des Kunstbuchs - und seiner Verehrung als Fetisch.

Einer der schönsten Orte hier im Feuilleton ist das Büro unserer Bildbandredakteurin. Als sei der Boden ihres Büros imprägniert mit einem geheimnisvollen Kunst-Dünger, wachsen immer neue Folianten in die Höhe.

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Taschens hypermonumentaler "Michelangelo"-Band: ein dickes Ding. (© Foto: Taschen Verlag)

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Fast wie in der Bibliothek, von der Origines träumte, in der die Bücher wachsen "wie das Gras und die Blumen an jedem Tag".

Seit einiger Zeit aber ist eine beängstigende Mutation zu beobachten. Es ist, als würden die Bildbände neuerdings mit Steroiden aufgepumpt. Das sind keine Bücher mehr, geschweige denn Gras oder Blumen. Das sind Module. Möbel.

Als gäbe es ein Wettrüsten unter den Bildbandverlegern. Als hätte jemand das Wort Coffeetable-Book falsch verstanden und allen Ehrgeiz darangesetzt, Bücher zu drucken, groß wie Serviertischchen. Kommt eine Lieferung vom Taschen Verlag, kann man die Kollegin mittlerweile nur noch erahnen hinter einer Mauer aus Pappe und Papier.

Banscheibenzerquetschend

Taschen. Damit fing alles an. Der Kölner Verleger überschwemmt seit den Neunzigern den Markt mit bandscheibenzerquetschenden Bänden. "Sumo" von Helmut Newton, 30 Kilo, 464 Seiten, wurde mit Beistelltisch geliefert.

Drei Jahre später kam "Goat", eine Hommage an Muhammad Ali, 34 Kilo schwer, 830 Seiten dick, 3000 Euro Stückpreis. Bei jeder Besprechung wurden gebetsmühlenartig erstmal diese Maße genannt, wie beim Autoquartett. Der Inhalt verschwand selbst in den Besprechungen völlig hinter dem Staunen über die Form.

Nun sind ja dicke Bücher nicht zwangsläufig schlecht. Taschens hypermonumentaler "Michelangelo"-Band brachte erstmals das Gesamtwerk des Renaissancekünstlers zum Leuchten und fasste in ausnehmend kompetenten Texten den Forschungsstand zusammen.

Die meisten Taschen-Bücher sind aber unnötigerweise fette Werke, Pose in Papierform. Herrlich selbstreferentiell ist in der Hinsicht der Taschen-Band "Package Design Now". Der Verlag, der das Buch als reine Verpackung erfunden hat, zeigt auf 400 Seiten nichts als Verpackungen.

Dennoch brachte so gut wie jede Zeitung ihr Interview mit Taschen himself, in dem dann die Geschichte erzählt wird vom mutigen Selfmademann, der den Kunstbuchmarkt revolutionierte. Dass die Bücher nicht selten trashig gemacht sind, scheint weder in den Interviews noch auf dem Buchmarkt zu stören.

Angeben

Oftmals wundert man sich, dass der Buchmarkt so viele fette Fetisch-Bücher hervorbringt. Dabei ist das nur Hinweis darauf, dass all diese Bücher selbst funktionieren wie Fetische: Sie werden als leblose Gegenstände verehrt.

Walter Keller vom Scalo-Verlag seufzte mal, es gebe eine "De-Intellektualisierung im Bereich des seriösen Kunst- und Designbuchs." Alex Neuhaus, Kunstbuchhändler in Berlin, sagt, Bildbände seien heute "Must-haves für jüngere Zielgruppen, sie sind zum Angeben da." Eben. Beim Angeben geht es darum zu zeigen, wer den Längsten, Dicksten, Schwersten hat.

Und da machen immer mehr Verlage mit. Schirmer Mosel brachte im Herbst einen Sammelband mit "Magnum"-Fotografien, der Prestel-Verlag stemmt zehn Kilo "Klimt" auf den Markt, Rolf Heyne illustriert "Fellinis Buch der Träume" in Cinemascope, und National Geographic warf zu Weihnachten einen "Bibelatlas" auf den Markt, der schwerer sein dürfte als die steinernen Gesetzestafeln, mit denen Moses vom Berg Sinai kam.

Taschen, "the King of Coffee-Table" (Times), selbst feiert den "Circus". Zur Verteidigung dieses Bandes muss man sagen, dass solche Bücher schlichtweg nicht gemacht werden für kleine Büros, schließlich spricht der Verlag seine Kundschaft längst da gezielt an, wo er sie vermutet: In Oldtimersalons und Juweliergeschäften.

Wenn man sich also als Normalverdiener solch einen Band in die eigene Butze bestellt, muss man sich nicht wundern, wenn man sich vorkommt wie nach dem Kauf eines Ikeaschranks, der ganze Boden ist bedeckt von den riesigen Pappkartons und Zellophanhüllen, in denen der Band steckt.

Was aber den Inhalt des Buchs angeht, all die hässlich zusammengeramschten, verwaschenen Plakatreproduktionen - das Wort Fetisch kommt von facticius, was soviel bedeutet wie nachgemacht oder unecht.

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(SZ vom 06.08.2008/pak/rus)