Maurins Wort von der Statusgesellschaft bezieht sich auch, aber nicht nur, auf den hohen Kündigungsschutz im französischen Arbeitsrecht. An Bourdieu knüpft er an, wenn er eine aristokratische Mentalität kritisiert, nach der gesellschaftliche Ränge schon sehr früh und quasi auf Lebenszeit vergeben werden. "Die Erbfolge der Ämter ist mit der Revolution verschwunden, soziale Würde bleibt aber nichts desto weniger mit der Eroberung und dem Erhalt eines Status verbunden."

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Familienbande stellen bei diesen gesellschaftlichen Rangkämpfen nach wie vor einen kapitalen Wettbewerbsvorteil dar. Die Republik zieht sich eine "noblesse d'état" (Bourdieu) heran, deren Habitus zwar auch Handwerkerkinder nach bestandener Aufnahmeprüfung auf einer Grande École erlernen können. Im Regelfall wird er aber schon aus dem Elternhaus dorthin mitgebracht.

Aristokratische Muster

Nicolas Sarkozy hatte seine Amt mit dem Versprechen angetreten, solche Kontinuitäten zu zerbrechen. Die wie programmiert verlaufende Karriere seines Sohnes Jean, dreiundzwanzig Jahre alt und noch nicht mal Elite -, sondern Bummelstudent im dritten Fachsemester Jura, rief eine derartige Entrüstung hervor, dass der Präsidentensohn sich am Donnerstag zum Opfer einer Desinformationskampagne erklärte und nun demonstrativ auf den Vorsitz der Epad-Gesellschaft verzichten will, die in La Défense im Westen von Paris eines der größten Geschäftsviertel Europas betreibt.

Das französische Statusdenken ist unverwüstlich und hat sich in den letzten vierzig Jahren von einer Rezession zur anderen nur verfestigt, wie Maurin in seiner statistisch unterfütterten Analyse darlegt: Der Ölschock beendete in den Siebzigern den Nachkriegsaufschwung und stellte eine Gesellschaft, deren Wohlstand auf Wachstumsraten zwischen fünf und sechs Prozent beruhte, vor völlig neue ökonomische Aufgaben. Um Massenarbeitslosigkeit und Lohndumping vorzubeugen, erhöhte der Staat den Kündigungsschutz und koppelte den gesetzlichen Mindestlohn an die Durchschnittslöhne. Diese Mechanismen sind im Prinzip bis heute unverändert, denn, so Maurin, sie schaffen eine Hierarchie von Protektionen, die von den Franzosen quer durch alle Lager vehement verteidigt wird.

Die Wirtschaftskrise von 1992/1993, zu der die derzeitige Rezession sich bislang zumindest am Arbeitsmarkt parallel verhält (wenn sie auch gefühlsmäßig viel gravierender erscheint), war die erste nach der Demokratisierung der Universitäten. Seit Beginn der achtziger Jahre hatte die sozialistische Bildungspolitik für eine Verdopplung der Absolventenzahlen gesorgt, um dem wirtschaftlichen Strukturwandel gerecht zu werden. Das funktionierte dank einer dynamischen Privatwirtschaft auch sehr gut, aber nur bis zur Krise.

Als plötzlich die Jobs für Hochschulabsolventen wackelten, kam es zu einem Ansturm ohne gleichen auf den öffentlichen Dienst. Dieser rekrutiert selbst einfache und mittlere Beamten durch "concours administratifs", Aufnahmeprüfungen, die zwar inhaltlich spezifiziert, ihrer Form nach aber dem Zentralabitur und den Aufnahmeprüfungen der Grandes Écoles nachempfunden sind (mit entsprechenden Vorteilen für deren Absolventen).

Boom der Beamten

Nach der Krise enspannte sich der Arbeitsmarkt für Akademiker wieder, aber noch 2003 schlugen mit über einem Drittel aller Absolventen viel mehr Hochqualifizierte eine Beamtenlaufbahn ein, als das System überhaupt gebrauchen kann. Die Folge ist gefühlte Deklassierung auch bei denjenigen, die sich in den begehrten concours durchsetzen. Sie landen trotz Bestnoten auf Positionen, die dem erhofften Status nicht entsprechen. Höhere Jobsicherheit bezahlen sie mit geringeren Aufstiegschancen, während im privaten Sektor, wo mehr Führungspositionen zu vergeben sind, die Abstiegsangst gedeiht.

Aus der Mechanik der Angst heraus entwickelt Maurin auch eine kohärente Lesart für andere Ereignisse wie die Ablehnung der EU-Verfassung 2005 oder die wüsten Studentenproteste im Frühjahr 2006, die erst nachließen, als die Villepin-Regierung ihre Pläne zur Aufweichung des Kündigungsschutz für Berufseinsteiger wieder beerdigt hatte. Erstaunlicherweise kämpfen gerade die Jungen für den Erhalt einer Statusgesellschaft, deren Ränge sie nur durch einen immer härteren Ausscheidungswettbewerb erreichen können, der heutzutage schon im Vorschulalter beginnt.

Maurin besitzt genügend Geistesschärfe, um Kritiker abzufangen, die in ihn seiner Schrift eine simple Apologie des angelsächsischen Modells vermuten. Weniger Protektion von Arbeitsplätzen bedeutet mitnichten automatisch eine niedrigere Arbeitslosigkeit, dazu gibt es stapelweise Forschungsliteratur. Aber - und das arbeitet Maurin mit Verve und Formulierungsgabe heraus - er verkürzt die Dauer der Arbeitslosigkeit und verringert vor allen Dingen die lähmende Angst vor Sozialabsturz. In Dänemark zum Beispiel, wo Arbeitnehmer fast gar nicht und Arbeitslose besonders vom Staat protegiert werden, gedeiht die Zuversicht.

Nun weiß auch Maurin, dass Franzosen einfach keine Dänen sind und dass internationale Vergleiche immer genau dort hinken, wo sie allzu schnell über Nationaltypisches hinweggehen. Die Fixierung auf soziale Ränge hat in Frankreich geschichtliche und kulturelle Wurzeln, aus denen die subtilsten Formen gesellschaftlicher Distinktion hervorgegangen sind und auch die bewundernswert nuancierte Analyse derselben. Das kann man nicht nur bei Bourdieu, sondern schon bei Proust und Stendhal nachlesen.

Dass gewisse aristokratische Muster die allgemeine Erosion zu überdauern scheinen, könnte zumindest diejenigen zufriedenstellen, die sich bei uns Sorgen um sozialen Stolz und erniedrigte Leistungsträger machen. In Frankreich speist sich allerdings der Zorn, den rituelle Streiks und Proteste ventilieren, weniger aus einem basisbourgeoisen Ehrgefühl denn aus einer ganz und gar nicht großmütigen Angst.

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  1. Mechanik der Angst
  2. Sie lesen jetzt Franzosen sind keine Dänen
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(SZ vom 28.10.2009/rus)