Norbert Bolz, 54, ist Professor für Medienwissenschaft an der Technischen Universität Berlin mit dem Forschungsschwerpunkt Massenmedien. Der studierte Philosoph und Religionswissenschaftler sieht in den Massenmedien auch einen Religionsersatz.
SZ: Herr Bolz, schauen Sie Deutschland sucht den Superstar?
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Norbert Bolz: Ich muss zugeben, dass es mich schon lange nicht mehr interessiert. Anfangs fand ich es verblüffend und erfrischend, aber mittlerweile erscheint es mir sehr stereotyp.
SZ: Kritiker wie der Verband Bildung und Erziehung werfen DSDS "eine destruktive Botschaft" vor. Haben Sie Verständnis für diese Kritik?
Bolz: Ich finde diese Institutionen schon als solche ziemlich peinlich, insofern wundere ich mich nicht, dass sie solche Kritik artikulieren. Sie ist nur ein Ausdruck von Naivität, man erkennt nicht, dass die Sprüche im Sendeformat selber angelegt ist, ein Format, das alle Beteiligten weiß Gott gut kennen, das für keinen, weder für Teilnehmer noch für Zuschauer, überraschend ist.
SZ: Wenn es für niemanden überraschend ist, was ist dann das Faszinosum, was führt zu den hohen Einschaltquoten?
Bolz: Ich glaube, es ist einfach das Erlebnis der Selektion, die Lust an der Auswahl. Dem Zuschauer wird suggeriert, dass er gottgleich darüber entscheiden kann, ob der Kandidat zum Superstar wird oder als namenlose Niete zurück nach Bottrop geschickt wird. Es geht überhaupt nicht um die Qualität dessen, was da angeboten wird, was ja jämmerlich genug ist, sondern es geht um dieses Ausgesetztsein, die "Kultur des Exponiertseins", wie es ein amerikanischer Kulturwissenschaftler einmal genannt hat. Es geht über den Voyeurismus hinaus.
SZ: Geht es auch übers Fremdschämen hinaus?
Bolz: Natürlich kann man stellvertretende Gefühle entwickeln, das gehört ja bei einem Massenmedium wie dem Fernsehen dazu. Ich glaube aber, dass das Moment der Schadenfreude noch größer ist.
SZ: Es spielt also keine Rolle, ob die Leute, die auftreten und sich die Blöße geben, prominent sind oder unbekannt.
Bolz: So ist es. Medienwissenschaftlich betrachtet finde ich die ganz Unbekannten natürlich noch viel interessanter, weil man da vorführen kann, was bisher Gott vorbehalten war: die creatio ex nihilo, also die Schöpfung aus dem Nichts: Ein absolutes Nichts taucht auf - von der Physiognomie, vom Namen, von der Herkunft - und kann durch relativ wenige Selektionsschritte zum Superstar erhoben werden - oder zumindest den Andy-Warhol-Ruhm von 15 Minuten erreichen. Das ist ein Zauber, der sehr viel tiefer geht als alles, was alle TV-Formate bisher geboten haben.
SZ: Die Show läuft nach einem Mechanismus: Skandal wie der gerade zusammengebrochene Kandidat, Bohlen entschuldigt sich, sagt aber, es liege nicht an seinen Sprüchen, Show läuft weiter, nächster Skandal. Sollte es eine Grenze geben für Dieter Bohlen?
Bolz: Dieter Bohlen redet nur und entscheidet. Solange keine Grundgesetze verletzt werden, bleibt es im Rahmen des Zivilen, auch wenn man es noch so sehr verabscheuen mag. Die spannende Frage ist: Kann man mit dem Fetisch Menschenwürde hier irgendetwas anfangen? Das haben die Leute, die jetzt protestieren, nicht verstanden: Das ist die Eintrittsbedingung für solche Veranstaltungen: der Verzicht auf Menschenwürde. Aber das gilt für eine Fülle von Fernsehformaten.
SZ: Also sind die Kritiker scheinheilig, wenn sie Dieter Bohlen Scheinheiligkeit vorwerfen.
Bolz: Bei Bohlen kann ich keine Scheinheiligkeit erkennen. Er redet Klartext, und was er über sein Geschäft sagt, ist realistisch. Die Kritiker sind scheinheilig, denn sie implizieren, dass es in anderen Bereichen der Unterhaltungsbranche menschenwürdig zuginge. Aber überall werden Leute zu jedem Preis vermarktet. Wenn man nun versucht, das politisch an die große Glocke zu hängen, erzeugt man damit nur einen gigantischen Marketingeffekt. Bei Big Brother damals hat man nach Zensur gerufen, was dazu geführt hat, dass Big Brother in aller Munde war. DSDS könnte also gar nichts Besseres passieren, als dass es jetzt irgendein SPDler oder Grüner zensieren will.
SZ: Ein abgewiesener Kandidat meinte mal über die Jury: Das sind alte Leute, die versuchen, sich die Zeit zu vertreiben. Geht es bei DSDS in Wahrheit um einen Generationenkonflikt, darum, dass Ältere den Jüngeren die Leviten lesen?
Bolz: Ein interessanter Aspekt, über den ich so noch gar nicht nachgedacht habe. Als Universitätsprofessor kann ich aber bestätigen, dass die Jungen heute zwar unglaubliche Dinge beherrschen, dass sie in einer Sache aber unfähig sind: Kritik zu akzeptieren. Dann sehen sie sich sofort in ihrer Existenz bedroht. Das wäre natürlich ein genialer Mechanismus: Die Alten spielen die uralte Kritikkarte aus und erzeugen damit einen wahnsinnigen Medieneffekt, weil die Jungen, also die Kandidaten, damit nicht umgehen können.
Interview: Viola Schenz
(SZ vom 06.02.2008)
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