Die Linke und der Antisemitismus Möglicherweise

München, Reichenbachstraße, 13. Februar 1970: Bei einem Brandanschlag auf das Altenheim im Vordergebäude der Israelitischen Kultusgemeinde sterben sieben Menschen. Zahlreiche andere erleiden Verbrennungen und Rauchvergiftungen. Das Bild zeigt die Bergung einer Verletzten an diesem Tag. Bis heute ist unklar, wer den Anschlag verübte. Das besprochene Buch wagt sich an eine These.

(Foto: DPA)

Wie man Geschichte konstruiert, indem man die Welt im Konjunktiv betrachtet: Wolfgang Kraushaar versucht, die Münchner Tupamaros und Kommunarden als Antisemiten zu entlarven und sie nachträglich zur Hilfstruppe der Palästinenser zu erklären.

Eine Kritik von Willi Winkler

Warum eigentlich nicht gleich Wim Wenders? Der war nicht immer weltberühmt, sondern lebte 1969 in einer Kommune in der Münchner Metzstraße. In demselben Haus wohnten zeitweise Personen, die damals weit bekannter waren als er ("legendär" nennt Wenders sie): Fritz Teufel, Brigitte Mohnhaupt, Rolf Heißler, Irmgard Möller, das sogenannte Busenwunder Rosy Rosy. Der junge Wenders, der eben seine ersten Kurzfilme gedreht hatte, gehörte zu dieser Szene, aus der auch die "Tupamaros München" sowie mehrere Mitglieder der späteren RAF hervorgingen.

In einem an entlegener Stelle erschienenem Prosagedicht erinnert sich Wenders an die beginnende Militanz: "Die Demos aus dem Vorjahr hatten sich irgendwie abgenutzt, / die politischen Happenings und sonstigen Aktionen ebenso, / und im Raum standen neue Strategien." Von gewaltsamen Aktionen wurde geredet, und vielleicht war es nur ein schlimmer LSD-Trip, der Wenders daran hinderte, sich am Werfen "irgendwelcher Brandsätze oder 'Bomben' / die nachts irgendwo losgehen sollten", zu beteiligen. Trotzdem: Wenders war es mutmaßlich nicht.

Bis heute ist nicht bekannt, wer am 13. Februar 1970 im Vordergebäude der Israelitischen Kultusgemeinde in der Münchner Reichenbachstraße Benzin im Treppenhaus ausgegossen und dann angezündet hat. Sieben Menschen starben bei diesem Anschlag. Sie hatten Auschwitz überlebt und mussten jetzt elend verbrennen. Die Täter wurden nie entdeckt. Es konnten Rechtsradikale getan haben, linke Anarchisten wurden verdächtigt, es konnte ein privater Racheakt gewesen sein - aufgeklärt wurde der Anschlag trotz eines Jagdaufrufs in der Bild-Zeitung, trotz umfangreicher Ermittlungen in den vier Jahrzehnten seither nicht.

Wolfgang Kraushaar kann den Fall auch nicht aufklären, deshalb arbeitet er mit Unterstellungen und Behauptungen. Schon im Juli wurde in der ARD-Dokumentation "München 1970: Als der Terror zu uns kam" von Georg M. Hafner, in der Kraushaar auftrat und auch als wissenschaftlicher Berater mitwirkte, ohne den geringsten Beleg behauptet, der Kommune-Gründer und unheilbare Gaudibursch Dieter Kunzelmann sei nach seiner Palästina-Reise im Sommer 1969 "der Strippenzieher für die Al Fatah in Deutschland" geworden.

Obwohl Kunzelmann sich wiederholt drastisch antisemitisch geäußert hat - sein Satz von der "heiligen Kuh Israel", die es endlich zu bekämpfen gelte, liefert den Titel -, gibt es keinen Beweis dafür, dass er bei diesem Anschlag die Strippen gezogen hätte oder gar beteiligt gewesen wäre. Schon nach dem Hafner-Film sprach Michael Wolffsohn von "Kaffeesatzleserei". Und wirklich dürfte es wenige Bücher geben, in denen so viel zu sein "scheint" oder auch nur "offenbar" zu sein scheint, alles Mögliche "wahrscheinlich" ist oder "nicht auszuschließen", in denen Täter "mutmaßliche" Täter sind (und in einem Fall sogar "mutmaßliche Brüder") und in denen der oder jener "möglicherweise" mit irgendwas zu tun hat.