"Die Liebenden" im Kino Zirkel des Begehrens

Hier wird gesungen und getanzt. In "Die Liebenden" lässt Regisseur Christophe Honoré nicht nur eine vergessene Tradition des französischen Films aufleben, sondern es gelingt ihm auch ein veritabler Besetzungscoup: Catherine Deneuve und ihre Tochter Chiara Mastroianni begeben sich in der "comedie musicale" als Mutter-Tochter-Duo auf eine komplexe Zeitreise, beginnend in den 60er Jahren, dem "Goldenen Zeitalter der Liebe".

Von Rainer Gansera

Bunt, leicht, märchenhaft der Beginn: frühe sechziger Jahre in Paris, weite Petticoats und rote Schuhe, die "das Leben einer jungen Frau verändern". Die Frau heißt Madeleine (Ludivine Sagnier), arbeitet als Schuhverkäuferin und entwendet eines Tages die eleganten Schuhe, indem sie sie unter ihrem Petticoat versteckt. Diese Schuhe sind rosenrot wie die Glücksverheißungen der Liebe und symbolisieren den tänzerischen Rhythmus, in dem die Erzählung voranspringt.

Es wird gesungen und getanzt in Christophe Honorés fünftem Film, der bei der Abschlussgala der Filmfestspiele von Cannes 2011 seine Uraufführung erlebte. Reminiszenz an Jacques Demy, den Meister der comédie musicale, dessen "Die Regenschirme von Cherbourg", der 1964 in Cannes prämiert wurde und Catherine Deneuve zum Star machte.

Erinnerung an prägende Erfahrungen des cinephilen Regisseurs (Jahrgang 1970), Fortschreibung einer fast vergessenen großen Tradition des französischen Kinos. Wie innere Monologe sind zwölf Chansons (komponiert von Alex Beaupain) eingefügt und gliedern die Erzählung, die kokette Zeitsprünge absolviert.

Madeleine entdeckt, dass sie als Gelegenheitsprostituierte ihr Verlangen nach Eleganz und Luxus bequem befriedigen kann, sie verliebt sich in einen ihrer Freier, den smarten tschechischen Arzt Jaromil (Radivoje Bukvic), lässt sich von ihm nach Prag entführen, wird von ihm betrogen und kehrt just in dem Moment, in dem sowjetische Panzer den Prager Frühling niederwalzen, mit ihrer kleinen Tochter Véra nach Paris zurück.

Dort heiratet sie einen Polizisten, und nach weiteren dekadischen Zeitsprüngen kommen Catherine Deneuve und Chiara Mastroianni, sie ist Deneuves Tochter im wirklichen Leben, ins Spiel: nun verkörpern die beiden das Mutter-Tochter-Duo, ein doppelter Besetzungscoup, für eine komplexe Zeitreise über 45 Jahre hinweg.

Mutter und Tochter repräsentieren je eine Epoche

Catherine Deneuve ist so schön, dass ein Film, in dem sie die Hauptrolle spielt, fast darauf verzichten könnte, eine Geschichte zu erzählen", schwärmte einst François Truffaut, für den die Deneuve Muse und Ikone war. Für Chiara Mastroianni gilt in "Die Liebenden" dasselbe: Sie schenkt der Véra-Figur bezwingende Strahlkraft.

Bislang kennt man sie in Rollen, die das Naive und Mädchenhafte betonen, jetzt offenbart sie die Attraktion einer reifen, schönen und verletzlichen Frau. Und die Story gerät zur Nebensache, wenn die Kamera sie mit Blicken der Bewunderung verfolgt. Bewunderung für eine Präsenz, die die Wunden unglücklicher Liebe spürbar werden lässt. Die bedingungslose Liebe, das war für die Filmemacher der Nouvelle Vague in den Sechzigern Teil ihrer Revolution, der filmischen wie der gesellschaftlichen. Véras Liebe produziert einen Überschuss an Zeichen und wahrt doch immer ihr Geheimnis.

Konzeptionell geht Honoré von einem Generationenkontrast aus, der eigenen Erfahrungen entspringt. Die sechziger Jahre sind für ihn nicht nur das "Goldene Zeitalter des französischen Kinos", auch das "Goldene Zeitalter der Liebe". So repräsentiert die Mutter eine Epoche, in der Liebe umhüllt war von exemplarischer Leichtigkeit, die Tochter aber steht für eine Zeit, in der sich dunkle Schatten über die Liebe legen: Angst, Todesdrohungen sogar (Aids), fundamentale Existenzzweifel.

Deshalb der leichtfertige Start in den sechziger Jahren, der "den Frauen auf die Beine schaut" wie Truffaut mit seinem "Mann, der die Frauen liebte" - der mit voller Überzeugungskraft ausrief: "Die Beine der Frauen sind die Zirkel, die den Erdball in jeder Richtung durchmessen und ihm derart sein Gleichgewicht und seine Harmonie schenken." Für Tochter Véra ist es vorbei mit Gleichgewicht und Harmonie, und die Erzählung selbst hat es nicht leicht, vom Komödiantischen ins Tragische hinüberzuschwenken.

Das Liebesdreieck und seine scharfen Kanten

A liebt B, der/die C liebt . . . In allen seinen Filmen dekliniert Christophe Honoré das gefährliche Liebesdreieck. Es lässt sich durchaus eine muntere Ménage-à-trois daraus gewinnen, eine Komödie - der Mutter gelingt das, wenn ihr Ex-Ehemann Jaromil (nun im Alter gespielt von Milos Forman, dem Regisseur von Filmen wie "Hair" oder "Einer flog übers Kuckucksnest", die den rebellischen Geist der Sechziger feierten) wieder auftaucht.

Wenn aber das Liebesdreieck seine scharfen Kanten zeigt, wenn es auf den "ausgeschlossenen Dritten" hinausläuft, dann entsteht Tragisches. So bei Véra: Sie verliebt sich in London in einen Musiker, der aber schwul ist und möglicherweise krank . . .

Véra hat ihn zum "imaginären Ehemann" erkoren, will an ihm festhalten, und lässt die Avancen eines jungen Schriftstellers (undankbare Rolle, aber faszinierend präsentiert von Louis Garrel) ins Leere laufen. Die verschlungene Story sucht sich für jedes Liebesabenteuer eine eigene Stadt (Paris, Prag, London, Montreal, Reims) und ein historisches Ereignis (vom Prager Frühling bis zum Terroranschlag auf die Twin Towers am 11. September 2001). Wobei die Synchronisierung mit der Historie meist etwas blass und ungelenk bleibt.

Was Mutter und Tochter eint: Beide halten sie fest an der Unbedingtheit der Liebe. "Die Liebenden" zelebriert nicht einfach Nouvelle-Vague-Nostalgie, sondern konturiert mit der Geste der Erinnerung aktuelle Erfahrungen. "Ich kann ohne dich leben", heißt es in einem Chanson, "aber ich kann nicht leben, ohne dich zu lieben."

LES BIEN-AIMÉS, F/GB/Tschechien 2011 - Regie, Buch: Christophe Honoré. Kamera: Rémy Chevrin. Musik: Alex

Beaupain. Mit: Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Milos Forman, Chiara Mastroianni, Louis Garrel, Paul Schneider, Radivoje Bukvic. Senator, 135 Minuten