Die Kunst der Erdvermessung Wie man die Welt versteht

Als "Altkarten" bezeichnen Bibliothekare bis 1850 hergestellte Karten. Manchmal werden dafür sechsstellige Summen gezahlt. Das wissen leider auch die Fälscher.

Von Rudolf Neumaier

Das Mittelmeer und seine Häfen, Felsenküsten und Golfe sind so exakt gezeichnet und beschrieben, wie das alles nie zuvor eine Karte dargestellt hat. Das verspricht der Hersteller. Produziert hat er die knapp 60 Zentimeter hohe und 1,49 Meter breite Karte für die Armee des britischen Königs. Abgebildet und koloriert sind kleine Ansichten wichtiger Inseln und Hafenstädte, Malta, Tunis, Genua - damit die britische Marine nicht erst fragen muss, wo sie gerade angekommen ist. Der Amsterdamer Romain De Hooghe zählte im Jahr 1694 zu den besten und zuverlässigsten Kartografen der Welt. Sein Kupferstich ist heute 28 000 Euro wert. Zu diesem Preis bietet ihn jedenfalls der Regensburger Antiquar Robert Berg an.

Der Altkarten-Markt ist wesentlich überschaubarer als der Markt mit Gemälden oder Briefmarken. In Deutschland mag es vielleicht ein gutes Dutzend Händler geben, die sich wie Berg stark auf dieses Segment konzentrieren. Spezielle Karten-Versteigerungen veranstaltet das Auktionshaus Reiss & Sohn in Königstein im Taunus. Schätzungen, wie viele Sammler es gibt auf der Welt, wären einigermaßen unseriös. Aber so viel lässt sich sagen: Die Zahl geht in die Zehntausende. Ein Teil von ihnen trifft sich auf einer der drei Karten-Messen, Robert Berg zum Beispiel besuchte gerade die Miami International Map Fair, als Höhepunkt in Europa gilt die London Map Fair im Juni.

Als "Altkarten" bezeichnen Bibliothekare Karten, die bis zum Jahr 1850 hergestellt wurden. Ihr Wert richtet sich nach der Häufigkeit: Viele Stücke sind schon für zweistellige Beträge zu haben. Einen Preis von 28 000 Euro wie für Romain De Hooghes Mittelmeerkarte bezeichnet der Königsteiner Kunstantiquar Clemens Reiss als "ziemlich selten", sechsstellige Euro-Beträge als "sehr selten". Und es kommt sogar vor, dass eine alte Karte für eine Millionen-Summe die Besitzer wechselt. Die Waldseemüller-Karte der Münchner Staatsbibliothek war ein solches Objekt.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass es sich um eine Fälschung handelt. Im Jahr 1990 hatte die Bibliothek das Stück für zwei Millionen Mark erworben. Waldseemüller - dieser Name hat unter Kuratoren von Kartensammlungen einen Klang wie Rubens und da Vinci für Museumsleiter. Angeblich stammte diese Karte aus dem Jahr 1507. Das Besondere an Waldseemüllerkarten ist, dass auf ihnen der gerade entdeckte Erdteil jenseits des Atlantiks erstmals als "America" bezeichnet wird. Durch einen Vergleich mit einer als Fälschung enttarnten Waldseemüllerkarte, die in diesem Frühjahr bei Christie's in London versteigert werden sollte, kam ans Tageslicht, dass es sich auch bei der Münchner Karte um eine Fälschung handelt. Hergestellt wurde sie vor etwa 60 Jahren mit einem fotomechanischen Verfahren. War's ein Scherzbold oder ein Bösewicht - ahnen lässt sich jedenfalls, welche Konjunktur Altkarten seit vielen Jahrzehnten haben, auch wenn es die Miami Map Fair erst seit 25 Jahren und die Londoner Messe erst seit 1980 gibt.

Die Kartografen der Frühen Neuzeit verstanden sich als Wissenschaftler, die das Weltenrund oder einen Ausschnitt davon dokumentierten. Bei der Ausgestaltung gestatteten sich einige von ihnen künstlerische Freiheiten, zugleich war bei der Herstellung der Karten auch handwerkliches Geschick gefragt. Der bayerische Kartograf Philipp Apian arbeitete im 16. Jahrhundert schon so genau, dass seine Werke bis ins 19. Jahrhundert als Standard galten. Die Geometrie, was aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen "Erdvermessung" bedeutet, gehörte zu den septem artes liberales, den Sieben Freien Künsten. Große Namen, gleichsam Pioniere der Erdkunde waren Jacopo Gastaldi, Schöpfer einer "Cosmographia universalis", und Antonio Lafreri, der als Herausgeber individuell kompilierter Atlanten Erfolg verbuchte. Vom 17. Jahrhundert an dominierten Kartografen der Seefahrernationen den Markt.

Die Berliner Staatsbibliothek verfügt über etwa eine halbe Million Altkarten, in der Münchner sind es gut 93 000. Beide Einrichtungen halten Ausschau nach Stücken, die ihren Sammlungen noch fehlen könnten. "Wenn besondere Stücke auftauchen, bieten seriöse Händler sie erst einmal der öffentlichen Hand an", sagt Wolfgang Crom, der die Kartenabteilung in Berlin leitet. Wer zuerst möglichst zahlungskräftige Sammler als Käufer gewinnen will, orientiert sich als Händler international. In den USA beteiligen sich Milliardäre am Geschäft. Der Regensburger Robert Berg hat welche kennengelernt.