Die Krimi-Kolumne Aus der Unheilanstalt

Max Bronski: Mad Dog Boogie. Kriminalroman. Verlag Antje Kunstmann, München 2016. 208 Seiten, 14,95 Euro.

Verrückte Idee, einen Mord von Verrückten aufklären zu lassen, die in einer offenen Nervenheilanstalt in Oberbayern leben. Max Bronski aber verfolgt diese verrückte Idee konsequent in "Mad Dog Boogie".

Von Rudolf Neumaier

Verrückte Idee, einen Mord von Verrückten aufklären zu lassen. Und zwar von echten Verrückten, verbrieft durch ärztliche Atteste beziehungsweise rechtskräftige Urteile. Sie leben in einer offenen Nervenheilanstalt in Oberbayern. Sehr idyllisch. Der eine, Alex, hat vor Jahrzehnten im Drogenrausch eine allseits begehrte Aktionskünstlerin getötet, jedenfalls glauben das alle, und er selbst hat die geringsten Zweifel daran. Der andere, der Punk Ben, dreht schnell durch, Tourette-Syndrom. Als dann Ben der krankhaften Versuchung nicht widerstehen kann, dem Kollegen und Ex-Junkie Alex beim Friedhofsgärtnern eine Schaufel übers Haupt zu ziehen, geht die vergnügliche Exposition in die heiße Phase, der Therapeut der beiden steigt in die Geschichte ein, und der Krimi beginnt. Wer hat die schöne Aktionskünstlerin wirklich auf dem Gewissen?

Verrückt oder zumindest gewagt ist in Franz-Maria Sonners "Mad Dog Boogie" auch die Idee des Autors, der seine Kriminalromane unter dem Pseudonym Max Bronski zu schreiben pflegt, einen Weltstar der Rockmusik als Protagonisten in der Provinz zu sedieren, einen Star, dessen Songs populär sind wie eh und je. Was wie ein Regionalkrimi in einer Wasserburger Eisdiele anfängt, wird zu einem Rock'n'Roll-Roman mit Schauplätzen an der italienischen Mittelmeerküste, in Glasgow und Oberfranken. Die Zeitsprünge von Alex' Gegenwart als Patient mit eigenen Gartenbeeten in seine Vergangenheit als Rockstar und in die Mordnacht meistert Sonner so klug und charmant, wie sein Psychoanalytiker mit den Patienten umgeht. Für Leser mit langer Leitung setzt er die von handelsüblichen CD-Playern bekannten Tastensymbole für Abspielen, Rück- und Vorwärtslauf über die kaum mehr als vier Seiten langen Episoden.

Nach dem Schaufelhieb liegt Alex im Koma. Die Ärzte sind sich nicht sicher, ob sie ihn durchbringen. Als er dann doch wieder zu sich kommt, ist er ein neuer Mensch. Ein Klaps auf den Hinterkopf erhöht das Denkvermögen, und ein Schlag mit der Schaufel weckt die Erinnerung. Also beginnt sich der immer noch weltberühmte Musiker zu fragen, wie das damals war, als sich die allseits begehrte Aktionskünstlerin zu ihm kuschelte und er viel zu bedröhnt war, um mit ihr zu schlafen. Es dämmert ihm und vor allem seinem Therapeuten jetzt: Er könnte auf seinen Trips zu viele schlechte Horrorfilme angeschaut haben.

Therapeuten und Anwälte zweifeln naturgemäß länger als Richter. Und sie stellen die offenen Fragen, bis sie eine schlüssige Antwort finden. Denn Wahrheiten müssen nicht erlebt werden - das ist ein alter Hut -, sie lassen sich auch erfinden. Bronski/Sonner hat ausgiebig recherchiert, um die Figur des Psychoanalytikers zu unterfüttern. Hatte das Opfer eine Blinddarm-Narbe oder nicht? Das müsste sich eigentlich auf einem Bild des mäßig talentierten Szene-Fotografen erweisen lassen, der in der Mordnacht knipste. An der Frage nach der Narbe entscheidet sich, ob Alex seine Tat nur fantasiert hat oder nicht. Er lag ja in seinem Delirium neben der Toten, und DNS-Analysen gab es damals in den Siebzigern noch nicht. Als Täter kommen mehrere Männer in Frage. Mit Ben, dem Tourette-Punk, macht sich Alex auf die Suche nach dem Mörder.