Die Kirche zur NS-Zeit Heiliges Entgegenkommen

Die Kirche hat nicht nur zu wenig gegen die Judenverfolgung getan - sie hat sie sogar gefördert, wie ein neues Buch zur Kirchlichen Amtshilfe bei Ariernachweisen zeigt.

Von Carsten Dippel

Mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 gestand die Evangelische Kirche ein, sie habe nicht genug gegen die Verfolgung der Juden getan. Ausgeblendet hat sie dabei, dass sie selbst aktiv an deren Ausgrenzung beteiligt war. Das zumindest legt ein vom Berliner Kirchenhistoriker Manfred Gailus herausgegebener Band zur Kirchlichen Amtshilfe bei der Ausstellung von Ariernachweisen nahe.

Für den Wahn einer rassereinen Volksgemeinschaft benötigten Millionen Deutsche einen Nachweis über ihre "arische" Abstammung. Möglich war dies nur über Auszüge aus den Kirchenbüchern. Für das "böse Spiel von völkischer Inklusion und Exklusion" (Gailus) hatten die Kirchen als Eigentümer dieser Quellen den entscheidenden Schlüssel in der Hand.

Anhand von Fallbeispielen zu ausgewählten Landeskirchen machen die Autoren deutlich, wie dieser "Kampf um das Kirchenbuch" konkret aussah. Das ernüchternde Fazit: In nur wenigen Fällen haben Pfarrer die Herausgabe brisanter Informationen verweigert. Selbst die Gemeinden der Bekennenden Kirche, die grundsätzlich den Arierparagraphen ablehnte, haben einem protestantischen "Beamtenethos" folgend, korrekte Angaben gemacht. Erst durch diese Kenntlichmachung war es den Nazis schließlich möglich, über die etwa 500 000 "Glaubensjuden" hinaus Arier von Nichtariern zu scheiden. Zu ihnen zählten Christen jüdischer Herkunft ebenso wie "Mischlinge". Zu Recht spricht der Herausgeber von einer "Christenverfolgung innerhalb der Kirche".

Über das zum Teil willfährige Entgegenkommen bei der Ausstellung von Ariernachweisen hinaus gab es eigene kirchliche Sippenforschung in beträchtlichem Ausmaß. Johann Peter Wurm zeigt am Beispiel der "Mecklenburgischen Sippenkanzlei" eindrücklich, wohin die obsessive Sippenforschung eines deutsch-völkischen Pfarrers führen konnte. Auf Initiative des Pastors Edmund Albrecht wurde in Schwerin eine zentrale Sammelstelle für alle Kirchenbücher der Region eingerichtet.

Die "rassische" Zusammensetzung

Ähnliche Fälle auf Gemeindeebene lassen sich auch andernorts finden. Besondere Aufmerksamkeit widmet Gailus dem Berliner Sozialpfarrer Karl Themel. Dieser richtete eine "Kirchenbuchstelle Alt-Berlin" ein. Ziel war es, über die "rassische" Zusammensetzung der Bevölkerung in der Reichshauptstadt Bescheid zu wissen, wozu eine regelrechte "Verkartung" aller Berliner Kirchenbücher seit 1775 durchgeführt werden sollte. In seinem Eifer wusste sich Themel mit dem Chef der Reichsstelle für Sippenforschung (RfS), Kurt Mayer, einig.

Überzeugend werden von Gailus die engen Verflechtungen zwischen völkisch-nationalen Pfarrern und Mayers Ministerium offengelegt. Die biografische Skizze zu "Sippen-Mayer", wie der Genealoge von SS-Kollegen genannt wurde, zeigt zudem das Entwicklungspotential eines aus einer pietistischen Pfarrerfamilie stammenden Historikers zu einem der gefürchtetsten NS-Rassenpolitiker. Die Beiträge handeln aber auch vom Ausbleiben der innerkichlichen Beschäftigung mit dem unbequemen Thema nach 1945. So konnte der Pfarrer Themel bis 1970 unbehelligt für das kirchliche Archivwesen wirken.

Der kleine Sammelband versteht sich weniger als Überblick einer zu dieser Problematik erst seit etwa 15 Jahren intensiv betriebenen Forschung. Man kann die spannend zu lesenden Beiträge eher als Anregung für weitere, von den Autoren als dringend notwendig erachtete Studien verstehen. Hierin liegt zugleich der einzige Schwachpunkt des Buches: Es bietet nur eine kleine Auswahl, namhafte evangelische Landeskirchen wie die Württembergische fehlen. Und völlig ausgeklammert wurde die Katholische Kirche. Eine den "Deutschen Christen" vergleichbare protestantisch-völkische Bewegung kannte sie zwar nicht. Bei der Ausstellung von Ariernachweisen dürfte sie indes kaum nachsichtiger gewesen sein.

MANFRED GAILUS (Hrsg.): Kirchliche Amtshilfe. Die Kirche und die Judenverfolgung im "Dritten Reich". Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008. 223 Seiten, 19,90 Euro.