Von Holger Gertz

Kathrin Lenzer ist seit Januar Chefredakteurin der Westfälischen Rundschau. Sie will Veränderung, Modernisierung. Ihrem Team ist sie fremd geblieben.

Kathrin Lenzer hat sich noch nicht richtig eingerichtet in ihrem neuen Büro. "Ich kann Ihnen im Moment nichts anbieten, was auf meine Persönlichkeit schließen ließe", sagt sie. Der Schreibtisch kommt raus, eine neue Sitzecke wird herangeschafft, die Bilder werden ausgetauscht, und einen anderen Schreibtischstuhl wird sie auch kriegen. Rot wird der sein, knallrot. Wie das Logo der Westfälischen Rundschau (WR), und ein bisschen wie die Gesinnung, die das Haus durchweht, in dem die Zeitung untergebracht ist.

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"Ich kenne andere Regeln", sagt Kathrin Lenzer. (© Foto: dpa)

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Dortmund, Brüderweg 9. Die WR ist ein Regionalblatt mit sozialdemokratischer Tradition, die SPD-Medienholding DDVG ist noch immer mit 13,1 Prozent an ihr beteiligt. Die alten Möbel werden zum Monatsanfang abgeholt, man könnte das Ganze also unter das schöne Arbeiterkampfmotto "Heraus zum 1. Mai" stellen, es könnte alles wunderbar passen in der Beziehung zwischen Kathrin Lenzer und der Zeitung, deren Chefredakteurin sie seit Anfang des Jahres ist.

Aber es passt nicht wunderbar. Der Journalismus, gerade im Printbereich, ist immer noch eine Männerwelt. Frau Lenzer, 36, wusste, dass es schon deshalb nicht leicht werden würde. Aber es ist alles noch komplizierter. Sie war vorher Ressortleiterin bei der Rheinischen Post. Die Rheinische Post ist konservativ und sitzt im schicken Düsseldorf. Die WR ist eher rot und sitzt im eher grauen Dortmund. Kathrin Lenzer ist die Tochter von Christian Lenzer, früher Bundestagsabgeordneter der CDU. Sie war Stipendiatin der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung.

Bei der Rheinischen Post war der eher konservative Ulrich Reitz ihr Fan und Förderer, inzwischen ist Reitz Chefredakteur der WAZ. Weil die WR zur Essener WAZ-Gruppe gehört, hatte Kathrin Lenzer gleich mit einem Verdacht zu leben, den sie für ein Vorurteil hält. Sie sei das U-Boot von Reitz. Die WR-Leute wollen aber keine U-Boote der WAZ in ihrem Laden haben, sie wollen eine eigenständige Zeitung bleiben. Die WR-Leute sind stolze Dortmunder, die sich nicht von Essen aus lenken lassen wollen. Kathrin Lenzer hat eine Chance bekommen, als sie den Job übernommen hat. Und sie hat sich eine Menge aufgeladen. Sie spürt jetzt dieses Gewicht.

Mann, Frau, Angorakaninchen

Kathrin Lenzer trägt eine Löwenmähne, ist sehr dünn und redet manchmal wie eine Mischung aus Managerin und MTV-Moderatorin, gesetzt und schnoddrig zugleich. Gelegentlich baut sie Vergleiche oder Beobachtungen aus dem ergiebigen Fundus des Tierreichs ein. "Am Ende des Tages interessiert es mich nicht, wen ich vor mir habe, Mann, Frau, Angorakaninchen. Mich interessiert, ob jemand seine Arbeit gut macht."

Sie verfügt über eine ziemlich lässige Stimme, die nach den Zigaretten klingt, die sie auch während des Gesprächs raucht. Lord extra, und wenn keine Lord extra zur Hand ist, kann es auch eine Kim sein. Beides Marken, die ihre große Zeit erlebt haben, als es noch Partykeller gab und bei Borussia Dortmund Kostedde, Lippens und Burgsmüller im Angriff spielten. Sie raucht diese alten Zigaretten und spricht von einer neuen Zeit und einer neuen Zeitung, einer WR, die eine moderne, aktivierende Heimatzeitung sein soll. Das bedeutet: Raus gehen zum Leser, Podiumsdiskussionen machen, die jungen Leute an die Zeitung binden und sie nicht dem Internet überlassen.

Man kann den Jugendlichen Fotoapparate in die Hand drücken, damit sie ihre Lieblingsplätze in der Stadt fotografieren; man kann Plätze schaffen in der Zeitung für diese Fotos. Sie hat jede Menge Projekte angeschoben, seit sie da ist, sagt sie; eine Jugendredaktion soll aufgebaut werden, nur ein Beispiel. Sie raucht und erzählt, zwischendurch holt sie ein großes Schaubild, auf dem das sehr heterogene Verbreitungsgebiet der WR in farbige Flächen eingeteilt ist. Da ist es ländlich, da städtisch. Siegen ist anders als Halver. Sie besucht deshalb die Lokalredaktionen und hört sich an, wo ein Schlupfloch sein könnte, durch das man das jeweilige Publikum noch besser erreichen kann als bisher.

Das fehlende Schlupfloch

Manchmal braucht man aber auch erstmal ein Schlupfloch, durch das man die Redakteure erreichen kann; manchmal findet man so eins nicht, oder nicht sofort. "Die meisten Leute bei der Westfälischen Rundschau haben hier als freier Mitarbeiter gearbeitet, haben bei der Westfälischen Rundschau volontiert, sind schließlich bei der Westfälischen Rundschau Redakteur geworden. Sie sind Westfälische Rundschau. Ich komme aus einer anderen Welt, ich kenne andere Regeln, habe beim Fernsehen andere kennengelernt als bei der Zeitung, und bei den Buchprojekten wieder ganz andere als bei Radio und Agenturen."

Auf der nächsten Seite: Warum nicht alles Gold ist was glänzt - und warum Kathrin Lenzer im eigenen Haus fremd bleibt.

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