Bilder eines Krieges, der in den Fugen des Zivilen operiert
(SZ, v. 13.09.2001)
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Pearl Harbor, sagten die Kommentatoren immer wieder, es sei wie Pearl Harbor. Dabei ist der Schlag für Amerika noch viel beschämender. Weil er nicht einen fernen Militärstützpunkt traf, sondern die Zentren des politischen und wirtschaftlichen Lebens: das Herz der Vereinigten Staaten. Und weil der Gegner unsichtbar und unerkannt blieb.
Seit Dienstagabend steht der Westen im Krieg. Nur weiß er zu seinem Unglück nicht, mit wem. Im Fall von Pearl Harbor war nach Sekunden klar, dass dies der Krieg und vor allem: wer der Feind war. Diesmal hingegen blieb der Feind unsichtbar und unerkannt. Dennoch behauptete der Westen, nicht nur durch den Mund von Alexander Haig, ihm sei der Krieg erklärt worden. Auch Bundeskanzler Schröder sprach noch am Abend von einer "Kriegserklärung an die gesamte zivilisierte Welt" und wiederholte dieselben Worte am nächsten Morgen im Bundestag. Sogar von einer "Kriegserklärung an die freie Welt" sprach er, und verwies auf seine Telefongespräche mit Chirac, Blair und - tatsächlich, Putin. Eine schöne freie Welt.
Es hat schon einmal einen 11. September gegeben. An diesem Tag vor 39 Jahren warnte die Sowjetunion die Ver einigten Staaten davor, Kuba anzugreifen. Ein solcher Angriff werde unfehlbar zum Krieg der Weltmächte führen. Zu diesem Zeitpunkt stand die eigentliche Raketenkrise noch bevor. Alles, was damals als Schreckensszenario durch die Köpfe der Menschen, vor allem der Amerikaner, geisterte, scheint seit Dienstag Realität geworden zu sein: ein Angriff auf die Zentren der amerikanischen Macht, das Inferno in Washington und New York. Die Terrorschläge vom Dienstag scheinen die Welt um vier Jahrzehnte zurückversetzt zu haben. Dort, wo wir bis gestern die Zukunft wähnten, öffnet sich die Vergangenheit.
Unwillkürlich fragt man sich, wie die Menschen in Europa den Juli 1914 erlebt haben mögen. Wie empfanden sie die sonnenschweren Tage des Hochsommers, in denen das Unfassliche heranschlich? Wie jene ersten Augusttage, als die Welt begriff, dass der Lauf der Dinge unumkehrbar geworden war? Was wissen wir an Bord unseres Vergnügungsdampfers noch vom Gefühl des Unumkehrbaren? Lag es an diesem Dienstag schon in der Luft? Oder lauert es noch wie ein Tier im Dunkeln, um uns anzuspringen, wenn wir nicht mehr damit rechnen, dumpf, schwer und heimtückisch? War die Luft vor dem Ereignis wieder unheilschwanger wie im Sommer 1914, ahnte jemand, dass der Dampfer auf den Katarakt zuglitt? Und wie nah ist seit Dienstag die Welt dem Krieg?
Seit diesem Tag interessieren sich nicht mehr nur Historiker und Polemologen dafür, wie Kriege beginnen. Jedermann will es wissen, jeder lauscht auf Ahnungen. Aber das Gefühl bleibt stumm. So als hätten wir den Sinn für den Einbruch des Tragischen in die Geschichte, das Gespür für die dramatischen Augenblicke der Weltgeschichte verloren. Und niemand weiß, ob Zeit sein wird, diesen Sinn wieder zu schärfen. Zugleich lehrt die Erfahrung vom Fall der Berliner Mauer, dass er vermutlich auf immer stumpf bleiben wird: Irgendwie ist der Zeitgenosse immer vorbereitet auf den Eintritt des Ereignisses, und irgendwie bleibt es ihm letztlich unvorstellbar. Auch diesmal hatte niemand etwas voraus gesehen.
Um so schneller sprang der Motor der Verarbeitung an. Der 11. September hat den universalen Augenzeugen geschaffen. Der starrte wie betäubt auf die endlos wiederholten Filmsequenzen des eindringenden und explodierenden Flugzeugs und des wie ein Fahrstuhl abgleitenden und in sich zusammensinkenden Turms. Und mit jeder Wiederholung stabilisierte sich vor seinen Augen der Selektionsprozess der Bilder, die bestimmt sein sollten, dem Ereignis die emblematische Kontur zu geben, unter der es ins Menschheitsgedächtnis eingehen würde. Da saß nicht mehr Thukydides, der den Griffel spitzte, um die Peripetien eines großen Krieges für die Nachwelt aufzuzeichnen, da stand eine Weltöffentlichkeit, die als universaler Augenzeuge die Entstehung und Speicherung eines weltgeschichtlichen Ereignisses verfolgte und durch ihre Gegenwart unterstützte. Der universale Augenzeuge erlebte das Ereignis - und spürte schon bei der ersten Wiederholung der Bilder den Griff der Geschichte im Nacken.
"Jeder wird sich daran erinnern, wo er in dem Augenblick war, als die Katastrophe eintrat", sagte der Sprecher von CNN, "wie bei der Ermordung Präsident Kennedys." So wie die Welt gelernt hat, mit dem Namen einzelner Monate das Gedächtnis an den Anfang der Revolution oder das Ende der Schreckensherrschaft, an nationalen Zusammenbruch oder eine Nacht des Terrors zu verbinden, so wird sie künftig mit dem September die Erinnerung an den Terror verbinden. Thermidor, die Oktoberrevolution, der fatale deutsche November verblassen momentan gegenüber der Dimension des Schreckens, die sich künftig mit der Erinnerung an den 11. September verbindet. Daran ist weniger die zeitliche Nähe der Ereignisse schuld als die Tatsache, dass an diesem Tag etwas Ungeheures geschah. Durch die Pforte des Terrors ist das Phantom des Krieges eingetreten. Und das Gespenst sah anders aus, als man es sich, außer in Hollywood, vorgestellt hatte.
Anders als zur Zeit der Kubakrise und lange danach erwartet, griff der unbekannte Feind nicht mit militärischen Raketen an, sondern mit Maschinen der zivilen Luftfahrt. Die Überraschung war scharf kalkuliert. Weil die Abwehr angesichts einer erwartbaren Drohung schneller und gezielter reagiert hätte, wäre in diesem Fall das technisch überlegene Gerät, die Rakete, das relativ langsamere gewesen. Auf eine vergleichsweise langsam anfliegende zivile Maschine dagegen reagierte die Abwehr extrem langsam und gleichsam unschlüssig. Daher der seltsam verstörende Eindruck völliger Passivität, mit der die militärische Supermacht die Schläge hinnahm. Das Neuartige an der Kriegführung der Terroristen war, dass sie fast ausschließlich zivile Mittel gegen zivile Ziele richteten. Einige Messer, vollkommen atavistisches Kriegsgerät, genügten ihnen, um die großen zivilen Massen- und Energieströme dergestalt umzuleiten, dass ein Maximum an Schaden die Folge war.
Noch nie ist der Krieg so minimalistisch geführt worden, reduziert auf ein Minimum an Waffen, dem allerdings ein Maximum an Logistik korrespondiert - ein Minimum an Hardware bei einem Maximum an Software. Und noch nie ist es dem Gott der Schlachten gelungen, sich so klein zu machen, dass er gewissermaßen in die Ritzen des zivilen Lebens passte, um dort eine maximale Destruktionskraft zu entfalten. Wenn das, was sich am Dienstag ereignet hat, wirklich ein Krieg ist - und nicht "nur" ein multiplizierter und in ungeheurer Dimension geführter Terroranschlag -, dann ist dies tatsächlich ein neuer Typ von Krieg, der gewissermaßen abstrahiert, "dekonstruiert" und mit Elementen des Terrors, die letztlich aus der alten Tradition des Anarchismus und der Guerilla stammen, neu kombiniert wurde. Ein Krieg, der vielleicht, weil er mit seinen rostigen Messern und seiner grausamen Intelligenz in den Fugen des Zivilen operiert, nicht mehr das vertraute Gesicht eines bekannten Gegners und erklärten Feindes braucht.
Seit zweihundert Jahren haben in der politischen Geschichte des Westens, aber auch in seiner Selbstwahrnehmung, Revo lutionen eine größere Rolle gespielt und tiefere historische Zäsuren gelegt als alle Anschläge und Terrorakte. Die Re volutionen - und daneben die Kriege - waren die Lokomotiven der Welt geschichte; die Anschläge der Anarchisten und Terroristen dagegen brachten den Weltlauf kaum ernsthaft aus dem Tritt - es sei denn, sie lösten eine Kettenreaktion aus, deren brisante Elemente lange vorher bereitgelegen hatten: so die Schüsse von Sarajewo. Der Einschnitt, der von den Terroranschlägen - oder den Kriegshandlungen - von New York und Washington ausgeht, das empfinden die Zeitgenossen richtig, ist größer als sämt liche von den Revolutionen des letzten halben Jahrhunderts bewirkten Zäsuren. Denn die Schläge vom Dienstag waren keine Erhebungen mehr, sie waren eine Enthauptung.
Alexander Kluge, der intellektuelle Schattenspieler des deutschen Kinos und der deutschen Literatur, wird achtzig. Jetzt lesen ...
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