Von Tobias Kniebe

Die große Frage ist: Wer beutet eigentlich wen aus in der Verfilmung von Dan Browns "Da Vinci Code"?

Gleich ein Dutzend Fernsehteams aus aller Welt lauern am späten Dienstagabend vor dem Festivalpalais in Cannes. Es ist eine warme und windstille Nacht. Die Bruderschaft der internationalen Filmkritiker ist zusammengetreten, ein strenger und verschworener Orden, und verhandelt wird nicht weniger als das größte Geheimnis des Christentums:

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Wie, in Herrgottsnamen, ist der Film geworden? Der Kalender der Filmfestspiele nennt das Ereignis eine Pressevorführung, aber das ist stark untertrieben.

In Wahrheit wird ein Werk enthüllt, das bis dato noch nie das Licht der Öffentlichkeit erblickte, schon heftig umrankt von Legenden, gehütet wie der Heilige Gral des Kinosommers: "The Da Vinci Code - Sakrileg".

Die Fernsehteams hoffen auf Statements, Enthüllungen, Informationskrumen. Doch die Kritiker, sind sie nicht selbst nun Geheimnisträger, gebunden an die heilige Pflicht, nur ja nicht zu viel zu verraten? Ach, zur Hölle damit. Was wollt ihr wissen?

Ganz oben auf der Liste der Fragen natürlich: die Werktreue. Ein Buch mit ungefähr 50 Millionen Lesern weltweit, die meisten davon Fans. Darf man die verärgern, darf man denen ein paar unerwartete Überraschungen servieren? Besser nicht. Schon gar nicht mit dem Autor Dan Brown als Wächter und Executive Producer. Erlaubt sind also nur marginale Straffungen, Zusammenfassungen, kleine Abkürzungen.

Es beginnt also ganz einfach mit der Szene, mit der auch das Buch beginnt:

Es ist Nacht im Pariser Louvre, ein alter Kurator hastet angsterfüllt durch die Gänge, zerrt einen Caravaggio von der Wand, die Sicherheitsgitter donnern herab und trennen ihn von seinem Verfolger, aber der Mörder, ein furchterregender Albino in Mönchskutte, richtet seine Pistole auf ihn, sagt exakt die Worte, die er auch im Roman sagt, und schießt. Der Sterbende nutzt seine letzten Minuten, um einen Code zu schreiben, den Schlüssel zu einem Rätsel, das nur er noch kennt, zur größten Verschwörung des Abendlands . . .

Aber halt! Kenner des Romans brauchen das wirklich nicht noch einmal zu hören. Und wer den Rat von Freunden, Verwandten und Arbeitskollegen, doch endlich mal dieses spannende Buch zu lesen, bisher beharrlich ignoriert hat, der freut sich jetzt vielleicht auf die Chance, ganz unbelastet in den Film zu gehen. Es wird auf jeden Fall eine sehr komprimierte Erfahrung.

Informations-Overkill

Den Anspruch des Autors, eine maximale Fülle von Wahrheiten, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien auf jede Buchseite zu packen, übersetzt der Film in einen wahren Informations-Overkill. Hier wird in geradezu atemberaubenden Tempo referiert, kombiniert und geschlussfolgert.

Das Abendmahl, die Tempelritter, die Kreuzzüge, Kaiser Konstantin, alles rauscht vorbei, auch als Flashback, alles wird ein einziger Fluss, dann Strom, dann Brei von Symbolen und Namen, und merken kann man sich vor allem dies: Die katholische Kirche war mal sehr böse, und besonders böse war sie zu den Frauen. Und ja, Gott lebt in Frankreich, ganz ohne Witz, zumindest seine direkten Nachfahren - auch wenn ein paar Ungläubige an dieser Stelle kichern. Das ist im Zusammenhang mit einer Weltpremiere in Cannes nicht uninteressant.

Weitere Fragen? Die langen Haare von Tom Hanks fallen weniger unangenehm auf, als Plakate und Fotos vermuten lassen. Die braunen Knopfaugen von Audrey Tautou versehen zuverlässig ihren Dienst, sie blicken mal smart, mal entsetzt, aber immer wunderbar unschuldig. Es könnte sogar möglicherweise eine Art von Chemie zwischen den beiden geben, wenn nur die Zeit dafür da wäre.

Daraus wird aber nichts, denn es müssen Kirchen, Schlösser, Museen, Grabstätten und Bankschließfächer in Paris, Versailles, London und sogar in Schottland besucht werden, das alles in allerkürzester Zeit, mit Hilfe von Autos, gepanzerten Geldtransportern, öffentlichen Nahverkehrsmitteln und sogar Privatjets, da die bleibt kaum Zeit zum Luftholen. Die Erschöpfung und auch der Widerwillen, mit dem sich der Held des Romans dieser Tortur unterzog, fehlen dem Film leider sehr: Tom Hanks ist immer eifrig dabei, ein perfekter und dennoch recht blasser Erfüllungsgehilfe der Handlung.

Gibt es nun einen Grund für die katholische Kirche und besonders für die innerkirchliche Organisation Opus Dei, die sehr schlecht wegkommt, den Film noch mehr zu verdammen als das Buch? Entschieden nein. In der Verdichtung auf zweieinhalb Stunden werden die Konventionen des Thrillers, die dem Stoff zu Grunde liegen, stärker spürbar.

Mancher Twist wirkt nun unnötig und übertrieben, manche Aktion unglaubwürdig (muss Audrey Tautou alias Sophie Neveu, neben all ihren anderen Qualitäten, auch noch eine perfekte Stuntfahrerin sein?) - und wenn der Film die Hosen herunterlässt und sein zentrales Geheimnis offenbart, dann gleicht das doch sehr dem üblichen Hokuspokus aus Hollywood.

Die Form des Romans, der immer einen Vorsprung an Gelehrsamkeit und Faktentreue behaupten kann, bleibt die perfekte Form für diese Geschichte. Was der Film hinzufügt - die visuelle Präsenz der ganzen Zeichen, Symbole, Gemälde - steht sofort unter dem Generalverdacht der Manipulation, der heutzutage jedem Kinobild anhaftet.

Dan Brown, der Regisseur Ron Howard, der Komponist Hans Zimmer und ihre ganzen Mitverschwörer: Soll man ihre durchsichtigen Absichten geißeln, die Art, wie sie die ganze christliche Kultur als Selbstbedienungsladen begreifen, geschickte kleine Parasiten, die von den Leistungen ihrer Ahnen und Urahnen zehren?

Ach was. Es gibt Momente, im Buch wie im Film, wo man den kühlen Hauch der Ehrfurcht spürt; dieses Gefühl, dass man zum Beispiel beim Anblick des alten Marmorbodens in einer Kirche empfindet, den die Schuhe der Gläubigen über Jahrhunderte abgewetzt haben; diese Erkenntnis, selbst Abkömmling einer vieltausendjährigen Tradition zu sein, Teil eines Kontinuums, das jede eigene Vorstellungskraft sprengt.

Aber es ist nicht Dan Brown als Ausbeuter der alten Meister, den wir da spüren. Es sind die alten Meister selbst, die unsterblichen Denker, Künstler und Architekten der Geschichte. Und in Wahrheit beuten sie, das wird nun endgültig klar, auch eher Dan Brown aus: Als Medium, als erfolgreichen Marktschreier, als Pausenclown vor den Tempeln ihres ewigen Ruhms.

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(SZ vom 18.05.2006)