Die erste Himmler-Biographie Das Monster

Weniger antisemitisch als antichristlich: In einer gründlichen Biographie zeigt Peter Longerich, dass der kontrollsüchtige Heinrich Himmler nicht austauschbar war.

Von Franziska Augstein

Als Deutschland in Schutt und Asche lag, konstatierte Hermann Göring: "Wenigstens zwölf Jahre gut gelebt!" So etwas hätte Heinrich Himmler nie gesagt. Der berief sich auf seine "Anständigkeit". Wie Peter Longerich zeigt, war es eins seiner Lieblingswörter.

Berühmt wurde es durch Himmlers "Posener Rede", die er am 4. Oktober 1943 hielt und in der er den Massenmord so beschrieb: "Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht."

Heuchlerisch und sexuell verklemmt

Erstaunlich ist es, dass ein zutiefst heuchlerischer und sexuell verklemmter Zyniker wie Himmler erst jetzt in einer Biographie geschildert wird. Longerich hat lange an seinem Buch gearbeitet, entsprechend lang ist es geworden, entsprechend sorgfältig ist es ausgefallen. Für alle, die sich nicht nur für Faktengeschichte interessieren, sondern auch für die psychischen Umstände, die einen Menschen zu seinen Taten treiben, muss Himmler eine interessante Figur sein.

Doch was Longerich über Himmlers Kindheit und Jugend zutage fördert, reicht - er selbst stellt es fest - nicht hin, um zu erklären, warum der Reichsführer-SS ein menschliches Monstrum wurde.

Der Vater, ein katholischer Schulleiter in München, war streng und deutschnational, doch wandte er sich seinen Kindern mit durchaus liebevollem Interesse zu. Als der 1900 geborene Heinrich fünf Jahre alt war, kam ein dritter Sohn zur Welt. Von nun an litt er das Schicksal der mittleren Kinder, die im Familiengefüge oft ein bisschen zu kurz kommen. Der Vater hielt die Söhne an, Ferientagebücher zu schreiben und kontrollierte diese dann auch. Die Mutter liebte ihre Kinder und ließ sich vom jungen Heinrich anstandslos Vorhaltungen machen, wenn sie dem Offiziersanwärter nicht ganz so oft in seine Kaserne schrieb, wie er es zu brauchen meinte.

Der gute Sohn

Longerich schreibt in der Bilanz seines Buchs, eine "Auflehnung gegen den strengen Vater" sei nicht wahrnehmbar gewesen. Vielleicht war es aber nicht Auflehnung, was Himmler bewegte, vielleicht wollte er seinem Vater, dem autoritären Schulleiter, beweisen, dass er ein guter Sohn war und auch erfolgreich sein konnte? Dafür spräche immerhin, dass Vater Himmler seinen Sohn in den zwanziger Jahren zu einigen Veranstaltungen der NSDAP begleitete und ihn dann für seine Karriere in der SS bewunderte.

Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde der Teenager Offiziersanwärter. Ins Feld schickte man ihn nicht. Longerich spekuliert: Er möge den Vorgesetzten nicht reif genug erschienen sein. Nach dem Krieg, mit neunzehn Jahren, verliebte Himmler sich hier und da, wurde aber nicht erhört. Anhand der Lektüreerlebnisse, die der gescheiterte Offiziersanwärter minutiös in seinem Tagebuch festhielt, schildert Longerich die Entwicklung zu einem der martialischen, bindungsunfähigen Jungmänner, die Klaus Theweleit in seinem Buch "Männerphantasien" dargestellt hat.

Arbeitsloser Agronom

Zu dieser Entwicklung passt auch, dass Himmler sein Studentendasein 1922 aufgeben musste, weil der Vater ihn im Gefolge der anhebenden Wirtschaftskrise nicht mehr finanzieren konnte. Himmler stand als arbeitsloser Agronom auf der Straße. Sein "Entschluss", sich ganz der Parteiarbeit der NSDAP zu widmen, war auch aus der Not geboren.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Himmler Befugnisse an sich raffte, wo er nur konnte.