Das überwältigende Gefühl einer Entfremdung und des Hasses auf den amerikanischen Kultur-Mainstream, auf die leerlaufenden Formalismen der Spätmoderne, beförderten in der New Yorker Szene eine experimentelle Gegenkultur des aggressiven Dilettantismus, der brachialen Dissonanz als Ausdruck einer unversöhnten, ungeheilten Welt. Der Spiegel dieser Welt war New York selbst, eine kaputte Stadt am Rande der Pleite, welcher Präsident Gerald Ford 1975 die berühmten Worte "Drop Dead" zugerufen haben soll, fall' tot um - so jedenfalls zitierten ihn damals die Daily News.

Anzeige

Beeinflusst von prägenden Gegenkulturen des 20. Jahrhunderts, von den amerikanischen Beat-Poeten der Fünfziger, von John Cage oder von Dada und Fluxus, entwickelten Sonic Youth damals, gleichsam in einer Art Konzeptkunst-Ansatz, ihren einzigartigen Scordatura- und Feedback-Sound der achtziger und neunziger Jahre. Hinter den Lärm-Mauern, erzeugt von Schraubenziehern und Schlagzeugstöcken, mit denen die Gitarren traktiert wurden, sowie von bis zum Anschlag aufgedrehten Verstärkern, verbargen sich jedoch wunderschöne Melodien - sowie lyrics, die sich Charles Manson ("Death Valley 69") als auch der bulimischen Schlagersängerin Karen Carpenter widmen konnten ("Tunic"). Eine Band wie Nirvana ist ohne Sonic Youth nicht denkbar.

In love with Madonna

Gleichzeitig aber bekannten sich Sonic Youth früh dazu, vom Pop-Kunstgeschöpf Madonna fasziniert zu sein. Madonna, hinter deren Selbstinszenierung sich kein Kern, keine Substanz mehr zu verbergen schien, war eine perfekte Ausgeburt des Postmodernismus - und wurde gerade darum schnell zur Galionsfigur der "Ausgelöschten" aus den Kunstschulen und Proberäumen.

Die Vertreter der blank generation sogen als "leere" Empfänger die verschiedensten kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Schlüsselreize in sich auf und verleibten sie ihrem Kosmos aus anarchischem Dilettantismus und kollektivem Experiment, der Do-it-yourself- und Improvisationskultur ein.

Und so wurde auch Mike Kelley, der zusammen mit Sonic Youth auf frühen Performances aufgetreten war, zu einem der prägendsten Künstler unserer Zeit: indem er, als postmodern "Entfremdeter", der einen großen Erzählung, dem einen Stil oder der Konzentration auf eine künstlerischen Disziplin entsagte und stattdessen die vielen kleinen, abseitigen, verdrängten Mini-Mythen und untergründigen Energien und "Intensitäten" Amerikas erforschte - und in den verschiedensten Medien, in Zeichnung, Video, Performance, Installation und Malerei neu bebilderte.

Verloren

In Düsseldorf dokumentieren Sonic Youth die tausend Plateaus ihrer Gegen- und Mikro-Kulturen der frühen Jahre in zahlreichen Paraphernalia wie Flyern, Plattencovern (von Gerhard Richter stammt die Kerze auf dem Album "Daydream Nation"), Videos, Postern oder Fanzines: Die Bandmitglieder wirken hier, sehr zeitgemäß, gleichzeitig als Musiker, Kuratoren, Sammler und Künstler. Im Münchner Haus der Kunst treten sie am Donnerstag aus Anlass der dortigen Richter-Schau auf.

Mike Kelley dagegen hat sich, wie in der Sammlung Goetz zu sehen, zum Multimedia-Experten entwickelt. Der Intellektuelle hält Vorträge über Camp-Ästhetik und Cross-Dressing, produziert CDs als Soundtracks seiner Ausstellungen, arbeitet sich an Trauma-Theorien ab - und erzeugt düstere Installationen über die Schattenseiten der amerikanischen Mythen, wie sie in Hollywood produziert werden: die heile Familie und ihre Infantilität, die Absurditäten der High School, die Superhelden, das Ausgrenzen der Freaks und Lyotard'schen "Verrückten".

Die "Entfremdeten" sind jetzt allerdings allesamt in ihren Fünfzigern. Es sind mittlerweile ergraute Respektpersonen, an denen sich eine nächste Generation orientiert. An Verlorenheit könnte diese es mit den 1978-ern aber durchaus aufnehmen.

"Sensational Fix", Kunsthalle Düsseldorf, bis 10. Mai. Katalog (Buchhandlung Walther König) 24 Euro. www.kunsthalle-duesseldorf.de. "Mike Kelley", Sammlung Goetz München, bis 24. April. www.sammlung-goetz.de. Konzert Sonic Youth im Münchner Haus der Kunst, 23. April (ausverkauft).

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Intensiv unseriös
  2. Sie lesen jetzt Hass auf den Mainstream
Leser empfehlen 

(SZ vom 22.4.2009/rus)