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Die CDs der Woche - Popkolumne Ehrlich bewegend

Das Debütalbum von The Strypes ist fast punkig, während Toy in "Join The Dots" mit psychedelischen Geräuschexzessen experimentieren und Seawolf mit wehmütiger Elektronik überzeugen. Die Popkolumne - zum Lesen und Hören.
Von Max Fellmann

The Strypes

An dieser Stelle gibt es ja auch die Retrokolumne, in der wiederveröffentlichte Klassiker vorgestellt werden. Manchmal würden aber auch Neuerscheinungen eher in etwas passen, das Retrokolumne heißt.

Ein echter Schnappschuss ist das Debütalbum der irischen Band "The Strypes"

Zum Beispiel das tolle Debütalbum "Snapshot" der irischen Band The Strypes (Mercury). Vier Jungs, alle Teenager, die nach eigener Aussage schon seit fünf Jahren zusammen spielen - da muss Sänger Josh McClorey dann wohl elf Jahre alt gewesen sein - und einen mauligen Bluesrock raushauen, als sei es 1973 und sie müssten dem Quartett Dr. Feelgood zuvorkommen.

Brutal simple Akkorde, eine Gitarre, bei der nicht viel zum Punk fehlt, und ein Gesang, der so sehr nach "Ihr könnt mich alle mal" klingt, dass man sich wundert, warum der junge Mann überhaupt ans Mikro tritt. Dazu Pilzköpfe und Wuschelfrisuren, schmale Anzüge und alte Instrumente. In den Texten wird die Lässigkeit vorgetäuscht, von der viele 16-Jährige träumen, damals wie heute.

"Blue Collar Jane" zum Beispiel richtet sich an eine Nachbarin, die leider immer nur klingelt, wenn sie Zucker für den Tee braucht. Wilko Johnson, der großartige Gitarrist von Dr. Feelgood, dessen Vorlagen die Strypes praktisch alles zu verdanken haben, sollte nach Prognose der Ärzte bereits im Sommer an Krebs gestorben sein, aber er verweigert jede Therapie, stattdessen gibt er Konzerte - unter anderem mit den Strypes. Die Briten feiern ihn dafür. Dass der Mann jetzt noch erleben darf, wie lebendig sein Erbe ist: Das ist ehrlich bewegend.

Wenn Sie diese Songs nicht hören können, melden Sie sich bitte bei Spotify an.

Toy

Und gleich noch einmal das Gefühl, man würde in der Zeit zurückreisen, auch in die 70er Jahre, aber in eine ganz andere Richtung, nach Köln, in das Studio der Krautrocker Can. Danach noch weiter zurück zu den frühen Pink Floyd. Eine Reise, bei der einem der Rückspiegel immer zeigt, wo man gerade herkommt: aus einer Gegenwart, die auch Punk und New Wave und Shoegazer-Pop schon kennt.

Toy sind ein Quintett aus Brighton, "Join The Dots" (Pias) ist ihr zweites Album, und wie schon beim ersten entsteht der Eindruck, die Songs dienten der Band nur als Vorwand, um nach dem zweiten Refrain abbiegen zu können in einen Lavastrom aus Rückkopplungen, Hall-Experimenten, Geräuschexzessen und aufregendem Lärm. Gute Gelegenheit, das verstaubte Wort "psychedelisch" wieder rauszukramen.

Was Toy machen, ist der beherzte Gegenentwurf zu Designer-Pop und Casting-Show: Hier wird gerade mal das Allernötigste festgelegt, danach kommt nur offenes Gelände. Besonders auffällig im Titelsong "Join The Dots": Erst verhaltener Gesang und vertraute Akkorde, im Probenraum vermutlich Kerzenlicht und Syd Barett-Poster, dann bricht alles auf, donnert, fließt, dröhnt, schäumt. Kein Wunder übrigens, dass die Band ihr Album mit "Conductor" eröffnet, dem besten Stück: ein Instrumental, ein Lärmbad für sieben Minuten und acht Sekunden, das ganz ohne Songstruktur auskommt. Manche Menschen nennen so etwas Kiffermusik, aber das ist Unsinn, die Musik ist Rausch genug.

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Sea Wolf

Zuletzt ein Album, das seinen Weg in diese Kolumne gefunden hat aus einem Grund, der eigentlich nicht ganz zulässig scheint: nur wegen des schönen Fotos vorn drauf (darf man doch mal zugeben, oder? Wer behauptet, er würde CDs nie nach der Optik beurteilen, macht sich was vor).

Die Musik der Band "Sea Wolf" kann mit dem großartigen Cover mithalten.

Zu sehen ist auf dem Cover von "Old World Romance" (Devilduck/Indigo), dem dritten Album der Band Sea Wolf, düster wogendes Meer, Wolken, irgendwo dahinter die Sonne. Große Stimmung, fast wie ein Gemälde von William Turner. Die Musik kann mit dem Cover mithalten, zum Glück. Sea Wolf ist das Projekt des Sängers Alex Brown Church aus Los Angeles, der mit wechselnden Musikern arbeitet. Sein Metier sind die zarten Folksongs, ab und zu mit Pop-Appeal.

Dieses Album hat Brown Church selbst produziert, beim letzten hat er sich von Mike Mogis helfen lassen, der war schon tätig für Bright Eyes, Monsters of Folk und M. Ward - das macht die Richtung ziemlich klar. Sanftmut, Zurückhaltung, die Kunst der Miniatur. Am spannendsten wird die Musik von Sea Wolf, wenn kalte Elektronik auf akustischen Wohlklang trifft, oft beginnen die Songs mit harten Drumcomputern, für einen Moment scheint alles in Richtung Elektropop zu kippen, aber dann legen warme Akustik-Gitarren darüber, dazu wehmütiger Gesang. Geht auf. Eine Mischung, die tatsächlich oft so klingt, wie das Album aussieht. Never judge a book by its cover? Ach was!

Fortlaufende Popkolumne der SZ. Auf der rechten Seite finden Sie mit der Maus den (sehr kleinen) Scrollbalken. Wenn Sie nach unten scrollen, finden Sie die Alben, die in den vergangenen Wochen in der Popkolumne besprochen wurden und gleichzeitig bei Spotify enthalten sind.