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Die CDs der Woche - Popkolumne Amerikanische Landschaften

Auf dem Album "Warp And Weft" macht Laura Veirs Folkmusik wieder zu dem, was es mal war: einem Informationsmedium.

(Foto: Bella Union/Rough Trade)
Die fragile Brillenträgerin Laura Veirs lässt ihren Mäuschengesang gegen musikalische Mauerbilder prallen und beschwört amerikanische Landschaften. Das Duo The Civil Wars passt sich dem Country-Markt an und Stromae versucht sein Comeback mit Disco-Beats und Ibiza-Fanfaren. Die Popkolumne - zum Lesen und Hören.
Von Joachim Hentschel

Laura Veirs

Folkmäuschen, das ist der erste Reflex. Bevor man sich vergegenwärtigt, dass das Genre heute so wunderbar metrosexualisiert ist wie kaum ein anderes. Dass Sänger wie Bon Iver, Scott Matthew und Matthew E. White ihren Kolleginnen in nichts nachstehen, wenn es um Buschwindröschenhaftigkeit oder Zitterpathos geht. Dass es keinen größeren Irrtum geben konnte, als das Verhaucht-Introvertierte in der Songwritermusik irgendwie als weiblichen Zug zu verstehen.

Laura Veirs (39, fragil, blond, Brille) nicht zu kennen, obwohl sie nun schon ihr neuntes Album veröffentlicht, ist dennoch verzeihlich. Die charakteristische Stimme fehlt ihr, musikalisch wie poetisch, auch wenn ihr Projekt vorbildlich erscheint, fast schon zu korrekt: der Gang durchs amerikanische Erbe, betrachtet mit den Sternenaugen einer Portland-Studentin. Nachdem Veirs zuletzt eine Platte mit Folksongs für Kinder macht, ist "Warp And Weft" (Bella Union/Rough Trade) ihr bisher faszinierendstes Werk.

Weil sie den Mäuschengesang hier gegen alle Arten von musikalischen Mauerbildern prallen lässt, mit Jazzgewusel, Mellotron-Summen und erstaunlich gutem Collegerock amerikanische Landschaften beschwört, die man selten in dem Kontext erlebt. Großartig sind die kleinen Studien über den Grafiker Howard Finster und die Musikerin (und Star-Ehefrau) Alice Coltrane, zwei biografische Kurzfilme, denen man gebannt zuhört, bevor man ans Quellenstudium geht. Auch das waren Folksongs ja mal: Informationsmedien.

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The Civil Wars

Der düstere US-Süden, das in Songs und Filmen beschworene Land der Klapperschlangen, Sumpfpriester und gotisch Besessenen, ist vielleicht gar nicht so düster. Obwohl es einen schaudert, wenn man nur den Gruppennamen hört: The Civil Wars. Oder die zwei Protagonisten sieht, Joy Williams und John Paul White, die schwarze Witwe und den Satan mit Schnurrbart. Das Berg-und-Brachland-Folk-Duo, das vor einem Jahr die benachbarten Country-Weißbrotfabriken in Nashville im großen Stil das Fürchten lehrte - als es für sein selbstproduziertes und fast eine Million mal verkauftes Album "Barton Hollow" gleich zwei Grammy-Awards bekam, die eigentlich für huttragende Schmierlappen reserviert waren.

Im Vergleich zu Taylor Swift sind The Civil Wars verdammt harter Stoff. Doch inzwischen klingt das Duo bereits, als wäre es zu oft bei Jay Leno aufgetreten.

(Foto: Sony)

Die Nachfolgeplatte "The Civil Wars" (Sony) kommt nun zu einer Zeit, in der Williams und White erstens mitteilen ließen, sie seien mehr oder weniger heillos zerstritten. Und in der die stürmisch drückende Musik der zwei sich den Gepflogenheiten des Marktes und der Pickup-Truck-Radios weiter angenähert hat. Ab und zu schnarren die Saiten der Holzgitarren, Mandolinen und Dobros noch gefährlich nah an der Lautsprechermembran vorbei.

Oft zieht sich aber schon die Art von Western-Schmalz durch den Sound, bei der viele Roots-Musiker gelandet sind, nachdem sie zu oft bei Jay Leno aufgetreten waren. Selbst die Popblume Taylor Swift wird in den USA ja noch in den Countrycharts geführt - im Vergleich dazu sind die Civil Wars natürlich verdammt harter Stoff.

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Stromae

Nichts auf der Welt ist abgestandener als ein uralter Spätsommerhit. Erst recht, wenn man vom dem Interpreten nie wieder etwas gehört hat - was an sich ja kein schlechtes Pop-Prinzip wäre, aber der Sehnsucht nach Kontinuität und Narration zu widersprechen scheint. Weshalb eine Jugendradiowelle dafür mal den Begriff One-Hit-Wonder erfand.

Bislang fiel Stromae, der heute 28-jährige belgisch-ruandische Sänger, bürgerlich Paul Van Haver, in diese Kategorie. Im September 2009 war er mit "Alors On Danse" in halb Europa auf Platz eins der Charts gestanden, einer Art Techno-Tango mit nervenzerfetzend tutendem Saxofon. Der sommerliche Fatalismus des Stücks war allerdings hochwillkommen, und nur deshalb hören wir nun ins Comebackalbum von Stromae hinein, das vier Jahre später mehr überrascht als sein damaliges Verschwinden. "Racine Carrée" (Universal), auf Deutsch "Quadratwurzel", will mit Multiplexdisco-Beats und Ibiza-Fanfaren um jeden Preis eine Partyplatte sein.

Der Protagonist hat offenbar mehr zu sagen, obwohl schwer zu beurteilen ist, wie ernst es ihm mit seinen Themen ist, mit Vätermangel, Rassismus, Illuminaten. Dass die Produktion teilweise um interessante Ecken biegt, in Richtung Dubstep, Salsa und Baile Funk, macht das Album zu einem der erfreulicheren Produkte, die die zentrale Urlaubshit-Versorgung diesen Sommer ausgespuckt hat. Merken wird man sich ihn auch dieses Mal nicht.

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