Statt des zielstrebigen Blicks des offiziellen Porträts zeigten die Terroristen ein zutiefst verunsichertes, aufgedunsenes und schwitzendes Geschöpf. Wie schon der Genueser Richter Mario Sossi in Italien 1974 und der von der Bewegung 2. Juni entführte CDU-Politiker Peter Lorenz in Berlin 1975, so war auch Schleyer zu diesem Zeitpunkt für die Terroristen nicht mehr als eine Darstellung der Macht, die, sobald man sie ihrer Funktion beraubt, nur noch die banalste Kreatürlichkeit zum Vorschein bringt.

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Mit dieser Erniedrigung Schleyers, der in der Öffentlichkeit wegen seiner Nazivergangenheit und unnachgiebigen Haltung in den Tarifverhandlungen nicht beliebt war, hoffte man auf Unterstützung für die eigene Sache. Diese, meinte man, müsse nicht nur aus Sympathisantenkreisen kommen, sondern auch von der unentschiedenen Linken und den streikenden Arbeitern, deren Aussperrung der Arbeitgeberpräsident noch wenige Monate vor seiner Entführung erwirkt hatte.

Diese Strategie ging aber im Herbst 1977 nicht auf. Zwar war es der RAF trotz der anfänglichen Schwierigkeiten schließlich doch gelungen, die nationale Nachrichtensperre mit Hilfe der internationalisierten Medienwelt aus den Angeln zu heben. Als aber das erste Foto an die Öffentlichkeit gelangte, da löste es statt Sympathie für die Sache der RAF eine Mitleidswelle für das Opfer aus.

Nachdem die französische Nachrichtenagentur AFP das Bild am 9. September publiziert hatte, folgten die Springer-Presse und am 12. September dann auch der Spiegel und andere Zeitungen. In der rechten wie linken Presse löste das Foto Entsetzen aus. "Ein Bild, bei dem man weinen möchte" war die Schlagzeile der Bild-Zeitung.

Unmögliche Nachrichtensperre

Die RAF reagierte mit einem Strategiewechsel in ihrer Bildpolitik. Im zweiten Polaroidfoto, das die Entführer am 26. September an die französische Libération schickten, trägt Schleyer wieder einen Anzug, wirkt gekämmt und gefasst. Auch eine fast unmerkliche sprachliche Veränderung auf dem von ihm gehaltenen Schild zeugt von einem Bedeutungswandel, der merkwürdigerweise damals wie heute übersehen wird: Statt des Datums steht nun in großen Buchstaben die Anzahl der Tage seiner Gefangenschaft darauf.

Mit dieser kleinen Veränderung aber verschiebt sich die Lesart von einer Demaskierung durch ein Beweisstück der Gefangenschaft hin zu einer Anklage der Verzögerungstaktik der Regierung. Ähnlich sah das dritte Polaroid aus, das die RAF an in- und ausländische Fernsehsender und Presseagenturen verschickte.

Auf dem letzten Foto vom 13.Oktober trägt Schleyer wieder nur ein Schild mit Datum, doch ist jeder explizite Hinweis auf die Gefangenschaft zugleich entfallen. Das Bild sollte, so zeigt der hinzugekommene Schriftzug an der Wand, deutlich machen, dass die an diesem Tag unter dem Palästinenserkommando Martyr Halimeh ins Werk gesetzte Entführung einer Lufthansa-Maschine und die Schleyer-Entführung als gemeinsame Aktion zu betrachten seien.

Einen ähnlichen Wandel zeigen auch die drei Videobänder, die die Terroristen verschickt haben, immer in der Hoffnung, dass es zur Ausstrahlung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen käme. Doch lediglich das letzte Videoband von Schleyer wurde kurz in der "Tagesschau" am 15. Oktober 1977 gezeigt, nachdem es bereits über die französische Rundfunkanstalt ORTF international bekannt geworden war.

Das Videobild unterscheidet sich in der Art der Inszenierung nicht wesentlich von den späten Polaroidfotografien des Entführten. Doch Schleyers eigene Stimme zu hören, wie sie den Staat anklagt, dem er zeitlebens gedient hat und der ihn nun für die Staatsräson geopfert zu haben scheint, ist erschütternd. Selbstverständlich hat die "Tagesschau" diesen Teil der Aufnahme nicht gebracht; sie ist erst später über unbekannte Wege an die Öffentlichkeit gelangt.

Die Terroristen waren sich der Medienwirksamkeit der Schleyer-Bilder bewusst. Nachdem klar war, dass die Regierung sich mit Schleyer nicht erpressen lassen würde, konnte es nicht mehr darum gehen, Sympathie für die eigene Aktion zu wecken. Nun versuchte man die Regierung durch eine öffentliche Mitleidswelle unter Druck zu setzen.

Im zähen, schließlich erfolglosen Tauziehen mit der Regierung hat die RAF vor dreißig Jahren eine Medienstrategie zwischen Demütigung und Mitleidserregung entwickelt, in deren Rahmen sich der heutige Terrorismus noch immer bewegt. Ob das Ziel Erniedrigung eines Verhassten oder Auslösung einer Sympathiewelle für das Opfer ist, heute ist es das Internet, das jene Zirkulation der Bilder möglich macht, durch die die Entführungen erst ihre breite Wirkung entwickeln.

Die Nachrichtensperre, die die Bundesregierung über die Verbreitung der Bilder im Herbst 1977 noch mehr oder weniger erfolgreich verhängen konnte, wirkt im Licht dieser Entwicklung unwirklich: Sie wäre heute noch nicht mal im Ansatz mehr durchzuhalten.

Die Autorin lehrt Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin. Der vorstehende Text ist die gekürzte Fassung eines Vortrags, der kürzlich auf dem Kulturgeschichtetag an der Universität Linz gehalten wurde.

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(SZ v. 18.9.2007)