Reiz der Platte

Die Berlinale und ihre Markenzeichen /
Von Paul Katzenberger, Berlin
/ Veröffentlicht am , im Berlinaleblog

Die ganz spezielle Kino-Architektur der Sechzigerjahre: Die Berlinale profitiert noch immer von Lichtspieltheatern wie dem Kino International in der Karl-Marx-Allee.

(Foto: Paul Katzenberger)

Zum Glück kann die Berlinale auf die früheren DDR-Festspielhäuser im Osten der Stadt zurückgreifen. Wäre es nicht so, würde dem Festival die ganz eigene Note abgehen.

Viele Filmfestivals haben ihr ganz eigenes Markenzeichen: Cannes und Venedig sind allein schon durch ihre Lage am Meer besonders reizvolle Veranstaltungsorte. Diesen Trumpf können auch San Sebastián und Mar del Plata ausspielen. Das Filmfestival in Locarno entfaltet durch seine sommerlichen Vorführungen unter freiem Himmel auf der Piazza Grande mit seiner riesigen Leinwand und bis zu 8000 Zuschauern einen besonderen Reiz. Der Charme des Internationalen Filmfestivals in Karlsbad liegt wiederum in dem Zusammenspiel aus der landschaftlich wunderschönen Lage im tief eingeschnittenen Tepla-Tal und der Pracht von Neo-Renaissance und -Barockbauten aus der Habsburgerzeit. Ganz anders sind die Attraktionen der Filmtage Hof gelagert, dort sind die Rostbratwürste der Metzgerei Schimmel vor dem Central-Kino Kult.

Die ganz besondere Magie der Berlinale erschließt sich hingegen nicht sofort. Sicher: Es ist eine große organisatorische Leistung, ein Großfestival für Filmemacher aus der ganzen Welt auf die Beine zu stellen, das auch das ganz "normale" Publikum viel herzlicher empfängt als die Konkurrenz am Mittelmeer. So toll das ist - es macht die Berlinale auch zu einem hektischen Massenereignis.

Klar, der Potsdamer Platz, an dem das Herz der Berlinale schlägt, ist ein besonders geschichtsbefrachteter Ort. Doch all die Cinemaxx- und Cinestar-Kinos, die dort nun den größten Teil des Berlinale-Publikums aufnehmen, könnten überall stehen. Sie unterscheiden sich in keiner Weise vom modernen Multiplex-Standardkino, sagen wir in Cottbus oder in Kiel.

Glücklicherweise gibt es auf der Berlinale trotzdem Orte, die dem Festival sein ganz eigenes Charisma geben. Zurzeit liegen diese Lokalitäten vor allem im Ostteil der Stadt: Der Friedrichstadtpalast ist beispielsweise als Edel-Plattenbau schon etwas ganz besonderes. Denn mit ihm demonstrierte die DDR sechs Jahre vor ihrem Untergang, welche Vergnügungspaläste sie dem Volk bauen konnte. Die spezifischen Umstände seiner Entstehung atmet der Bau immer noch und ist alleine deswegen eine Attraktion.

Der Hauch der Geschichte umweht auch das Kino International in der Karl-Marx-Allee. Das frühere DDR-Premierenkino ist eines der wenigen verbliebenen Lichtspieltheater, das in der speziellen Berliner Kino-Architektur der Sechzigerjahre erbaut wurde. Das ganze Gebäude-Emsemble, in dem der eigenwillige Bau wenige Schritte entfernt vom Alexanderplatz platziert ist, vermittelt bis heute den Eindruck von DDR pur - die Dimensionen sind immer noch für eine Mai-Parade geeignet.

Aber das ist es nicht allein. Denn das Kino International ist zu Recht denkmalgeschützt und die im Lauf der Zeit vorgenommenen Renovierungen eines damals ultramodernen Kinos sorgen bis heute dafür, dass es auf der Höhe der Zeit geblieben ist. Trotzdem herrscht keine Multiplex-Atmosphäre, vielmehr ist beim Durchschreiten der Ausgangsflure die DDR förmlich noch zu fühlen und zu riechen. So schlechte Erinnerungen das bei manchem wecken mag.

Das Pendant zum Kino International im Westen Berlins war der Zoo Palast, das zentrale Kino des Berlinale-Wettbewerbs bis 1999. Er wird gerade umgebaut und der Berlinale im nächsten Jahr wieder zur Verfügung stehen. Dann hat das Festival auch im Westteil der Stadt wieder seine ganz besondere Note. Davon gehe ich zumindest aus, denn zum Glück herrscht auch hier Denkmalschutz!