"Die Armutsindustrie" Kein Ding machen

Sie tauchen nicht in der Arbeitslosenstatistik auf, haben aber trotzdem nichts Sinnvolles zu tun: ein ARD-Film über das lukrative Geschäft mit der Arbeitslosigkeit.

Von Hans Hoff

Es war ein Rekord. In nur zehn Tagen hat jemand bei der Dekra-Fortbildungsfirma Toys Company ein gespendetes Puzzle gelegt, um zu überprüfen, ob alle 5000 Teile vorhanden sind. Am Ende waren es nur 4997 Teile, das Puzzle also eine ungeeignete Spende, aber der Ein-Euro-Jobber hatte immerhin zu tun.

Man wolle die Menschen wieder daran gewöhnen, einen geregelten Alltag zu bewältigen, sagt die Dekra. "Jeden Tag aufzustehen und sein Ding zu machen", formuliert eine Anleiterin das Ziel, für das man notfalls auch mal zehn Tage lang ein Puzzle legen darf.

Belohnung fürs Stillhalten

"Im Grunde genommen ist das pillepalle", sagt einer, der bei der Toys Company beschäftigt wurde und berichtet von Arbeiten, die man in zehn Tagen erledigt, die aber eigentlich zwei Tage bräuchten. Einer, der seinen Kurs durchgestanden hat, hört von seiner Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur, dass er nun so weit sei, einen Bildungsgutschein für einen Umschulungskurs zu erhalten. Wie eine Belohnung fürs Stillhalten wirkt das.

Es sind bedrückende Beispiele, die Eva Müller für ihre Reportage mit dem nicht sehr präzisen Titel "Die Armutsindustrie" zusammengetragen hat. Beispiele, die zeigen, wo jene geblieben sind, die nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchen, die aber trotzdem nichts Sinnvolles zu tun haben.

Sinnlos Beschäftigte

Tief ist die Autorin eingetaucht in diese zweite Arbeitswelt. Sie hat mit sinnlos Beschäftigten gesprochen, mit Vertretern der Fortbildungseinrichtungen, sie war bei Beratungsgesprächen in der Arbeitsagentur dabei und hat einen Firmenchef gefragt, ob das denn in Ordnung ist, wenn etwa mit öffentlichen Geldern der Bau eines Trampolins subventioniert wird.

Der Chef bleibt die Antwort schuldig und wirkt in dieser Szene sogar ein bisschen verlegen. Es ist ein schöner Moment in der halbstündigen Reportage, weil für einen Augenblick eine gut geölte Beschäftigungsmaschine ins Stocken kommt, weil es plötzlich gar nicht mehr selbstverständlich erscheint, dass Ein-Euro-Jobber Arbeiten erledigen, die auch Vollzeitangestellte hinbekämen - wenn man sie denn ließe.

Das Elend der Bittsteller

Immer wieder stellt die Autorin die ganz einfache Frage nach der Gemeinnützigkeit der Beschäftigungsmaßnahmen, und immer wieder geraten die Antworten so verwaschen, dass man sich schnell einen Reim darauf machen kann. Es sind journalistische Grundtugenden, die Müller pflegt, und sie und die Zuschauer werden dafür mit jeder Menge Erkenntnis belohnt. Es wird nämlich ganz offensichtlich gut verdient am Elend jener, die keinen Job haben und unbedingt einen brauchen.

Ein Firmenchef sagt offen, dass er auch zwei, drei Leute fest anstellen könnte, dass er sich aber lieber Praktikanten schicken lässt. Ein Kraftfahrer, der seit 1982 auf dem Lkw Dienst tat, musste beispielsweise als Praktikant stundenlang Kartons packen und bekam doch immer wieder Ablehungen auf seine Bewerbungen. So einen alten Mann würde man nicht einstellen, hieß es unter der Hand. Auch von Firmen, deren Angebote ihn kurz danach über die Arbeitsagentur ereichten. Weil es da Zuschüsse gibt. Zu einer solchen Firma soll der Kraftfahrer nun hin und sich ein Jahr bewähren. "Zwölf Monate rum, dann werde ich wieder entlassen", sagt er.

Wenn die Arbeiten sinnlos seien, müssten sich die Arbeitslosen eben beschweren, sagt einmal eine Sachbearbeiterin der Arbeitsagentur. In den Ohren der Betroffenen klingt das wie Hohn. So etwas bringe nichts, sagen sie. Sie seien doch nur Bittsteller. Sie funktioniert also bestens, diese Industrie, die aus dem Mangel an Arbeit ein höchst lukratives Geschäft macht. HANS HOFF

ARD exclusiv - Die Armutsindustrie, ARD, 15. Juli, 21.45 Uhr.