Von CHRISTOPHER KEIL

Die "Tagesthemen" leisteten sich einen Kommentator, der seine Kritik an der Kritik des kritisierten Rudi Völler undbedingt in einem Sakko vortragen musste, das die Farbe verfaulter Orangen angenommen hatte.

Die Tagesthemen am Montagabend begannen mit einer kleinen Alltagsgeschichte, die Ulrich Wickert erzählte. Neulich, berichtete Wickert, habe Norbert Blüm bei ihm angerufen, der frühere Arbeitsminister, und sich über einen Beitrag erregt, der sich abfällig mit der Vorruhestandsregelung beschäftigte. Nach fünfminütiger Anklage sei Blüm dann aber wieder versöhnlich gewesen - sein Zorn war wohl verraucht - und das Telefonat, schloss Wickert, habe eine therapeutische Wirkung entfaltet.

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Man dachte, es sei geklärt, wie die ARD zu Rudi Völler steht. (© Foto: dpa)

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Man dachte nun, damit sei ja geklärt, wie die ARD zu Rudi Völler steht. Zumal sich der deutsche Teamchef bereits wortreich für die Intonierung ("So einen Scheiß, den kann ich nicht mehr hören") seiner Vorwürfe ans Expertentum der Balltreterbranche entschuldigt hatte.

Doch im Bild erschien plötzlich Heribert Faßbender, Sportchef des Westdeutschen Rundfunks, und begann, das Thema "Kritik an den Kritikern" zu kommentieren. Abgesehen davon, dass Faßbender ein Sakko in der irritierenden Farbe verfaulter Orangen trug und seine Brille grundlos häufiger absetzte als Erich Böhme in einer Talk-Dreiviertelstunde, handelte es sich um den seit langer Zeit bizarrsten Wortbeitrag aus der öffentlich-rechtlichen Parallelwelt. Mit halsklosiger Stimme forderte Faßbender moralische Wiedergutmachung von Völler ("daher muss ihm das mal gesagt werden") - am besten "live in der ARD mit Netzer und Delling".

Besser hätte auch der TV-Event-Manager Hans Mahr ("Großartig, dass der Völler mal die Freunderlwirtschaft durchbrochen hat") vom Konkurrenzverein RTL seine Quoteninteressen nicht vertreten können. Auch wer es mit "no sports"hält, hat auf diese Weise erfahren, dass die ARD Mittwochabend ein Fußballspiel überträgt, das vor allem deshalb interessant ist, weil der Trainer der deutschen Elf am Wochenende namentlich ein paar Fernsehjournalisten der ARD sowie grundsätzlich alle anderen beleidigt hat ("Wechsel den Beruf, ist besser").

Bis Faßbender sich meldete, hatten die Betroffenen souverän reagiert. Gerhard Delling und Günter Netzer hatten das schlechte Gebolze der DFB-Mannschaft in Island angemessen getadelt und im Gegensatz zu Völler in der richtigen Sprache und in verträglicher Lautstärke. Es ist auch nichts Besonderes daran, dass sich ein Fußballprofi bei einem oder vielen Journalisten beschwert. Ungewöhnlich war, dass es diesmal vier Millionen Menschen direkt sehen und hören konnten.

Ursprünglich sollte Faßbender seine Predigt schon Sonntag in der Sportschau abkanzeln dürfen. Stattdessen verbrauchte Waldemar Hartmann, der noch am Samstag sattelfest alle Attacken Völlers ("Du sitzt locker bequem auf deinem Stuhl und hast drei Weizenbier getrunken") gemeistert hatte, Teile seines frischen Ruhms. Hartmann gab sich Völler gegenüber plötzlich generös-bayerisch. Man konnte darin eine überhebliche Haltung entdecken, die Völler nur bestätigt, dass die, die von Berufs wegen kritisieren, mit Kritik nicht umgehen können - nicht mal mit unsachlicher Kritik, für die sich niemand rechtfertigen müsste.

Dass Faßbender schließlich in den Tagesthemen auftrat und sich auf dieser wichtigen Plattform der Meinungsbildung in den Streit Völler/ARD zu Lasten einer professionellen Behandlung des Falles eingemischt hat, sollte die ARD-Intendanten neuerlich über Sinn und Unsinn des Tagesthemen-Pflichtkommentars diskutieren lassen.

Was ist passiert? Ein prominenter Fußballcoach hat seine Befindlichkeit zum falschen Zeitpunkt in der falschen Sprache verbreitet. Im Kern hat Völler grundsätzlich und völlig zurecht die vielen früheren Profis angegriffen, die inzwischen Millionen verdienen, weil sie von Sat1 bis ZDF ihre oft bestellte Meinung verbreiten: Beckenbauer, Breitner, früher Feldkamp, Rummenigge oder Rehhagel. Von den geliehenen Kompetenzträgern ist ARD-Mann Günter Netzer herausragend, im Urteil wie in der Fairness. Netzer hat zu Völler bislang geschwiegen. In diesem Sinne ist er ein guter Journalist, weil er weiß, dass andere nicht mögen müssen, was er über Fußball denkt und spricht.

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(SZ v. 10.09.2003)