"Diaz - Don't clean up this blood" auf DVD Vom Mechanismus der Staatsgewalt

Nach der Erstürmung der Diaz-Pascoli-Schule: Opfer des Überfalls in dem Film "Diaz - Don't clean up this blood" von Daniele Vicari.

(Foto: Universal Pictures International)

Auf dem G-8-Gipfel 2001 im italienischen Genua kam erst ein Globalisierungsgegner zu Tode, dann knüppelte die Polizei friedliche Demonstranten nieder. Über diesen Gewaltausbruch hat Daniele Vicari einen Film gemacht, der kaum zu ertragen ist. Ein Gespräch über Folter, Schuld und unkontrollierte Staatsgewalt.

Von Paul Katzenberger

In der Nacht auf den 22. Juli 2001 stürmten am letzten Tag des G-8-Gipfeltreffens im italienischen Genua circa 300 schwerbewaffnete Polizisten die Diaz-Pascoli-Schule. Dort waren Globalisierungsgegner und Journalisten untergebracht, aber auch zufällige Besucher der Hafenstadt, die wegen des Gipfels keine Unterkunft in den ausgebuchten Hotels gefunden hatten. Ohne Vorwarnung und völlig wahllos schlugen die Beamten jeden zusammen, den sie in der Schule antrafen. Das Ergebnis: 93 Schwerverletzte, davon drei im Koma. Nach einer Zwischenstation im Krankenhaus wurden die Verletzten in einer Kaserne festgehalten, wo sie weiter misshandelt, verhört und beschimpft wurden.

Ein nachvollziehbares Motiv für die Polizeiaktion konnte nie ermittelt werden. Die zwei Molotowcocktails, mit denen die Beamten später eine Provokation durch die Globalisierungskritiker zu belegen versuchten, erwiesen sich als von der Polizei eingeschleust. Die gerichtliche Aufarbeitung der Razzia führte zur Verurteilung dutzender Polizisten und Strafvollzugsbeamten wegen Körperverletzung, Urkundenfälschung und Amtsmissbrauch. Die Drahtzieher der Aktion wurden trotz einer Verfahrensdauer von elf Jahren nie ermittelt. Die Vorgänge um den Überfall auf die Schule dienten dem italienschen Regisseur Daniele Vicari als Vorlage für seinen Spielfilm "Diaz - Don't clean up this blood", der bei der Berlinale 2012 den zweiten Publikumspreis gewann und nun auf DVD erscheint.

SZ.de: Die Ereignisse, die Sie in Ihrem Film "Diaz - Don't clean up this blood" erzählen, trugen sich im Juli 2001 zu. Warum haben Sie so lange gebraucht, um diesen Film zu machen?

Daniele Vicari: Dass es so lange gedauert hat, liegt an dem Gerichtsverfahren, das sich über elf Jahre hingezogen hat. Als wir mit den Arbeiten für den Film begannen, war das Urteil der ersten Instanz gerade ergangen, und die offiziellen Dokumente aus dem Verfahren waren für uns und jeden anderen einsehbar. Erst durch diese sehr umfassenden Unterlagen konnten wir uns ein Bild von den Vorgängen machen, die zur Erstürmung der Diaz-Pascoli-Schule führten.

Umso verwunderlicher ist es, dass Ihr Film keine Schuldigen benennt.

Das stimmt. Dass wir im Film keine bestimmten Leute zeigen können, die die Erstürmung der Schule befohlen haben, liegt daran, dass es trotz des jahrelangen Verfahrens nicht gelungen ist, die Leute zu identifizieren, die den Befehl zur Erstürmung gegeben haben.

Aber Polizisten sind doch wegen Straftaten verurteilt worden.

Einzelne Polizisten sind wegen unangemessener Gewaltanwendung verurteilt worden, oder weil sie Leute zwangen, unzutreffende Erklärungen zu unterschreiben. Das waren Urteile wegen individuellen Fehlverhaltens. Aber eine Befehlskette konnte nicht nachgewiesen werden.

Diskussion über "Diaz - Don't clean up this blood" "Ein trauriges Kapitel Italiens"

Wie monströs die Gewalt war, die von der Polizei bei der Erstürmung der Diaz-Schule in Genua 2001 ausging, wird bei diesem Publikumsgespräch deutlich. Die Schauspielerin Jennifer Ulrich, der Zeitzeuge Niels Martensen und der Amnesty-Experte Alexander Bosch diskutieren über den Film "Diaz - Don't clean up this blood" und beantworten Fragen des Publikums bei einer Vorführung in Hamburg.

(Video: Universal)

Aber Sie zeigen im Film doch diese Situation, in der diese Entscheidung von hohen Funktionsträgern gefällt wird.

Sicher. Wir haben uns erlaubt, diese Szene darzustellen, weil es sehr wahrscheinlich ist, dass sie sich so abgespielt hat. Aber ich konnte keine spezifische Person als Schuldigen benennen, weil diese im gerichtlichen Verfahren nicht identifiziert wurde. Das Anliegen meines Filmes war aber auch nicht, einzelnen Menschen die Schuld zuzuweisen. Mein Film ist nicht gegen einzelne Polizisten oder gegen einzelne politische Entscheidungsträger gerichtet, sondern ich wollte zeigen, dass die Repression vom Mechanismus der Staatsgewalt ausging.