Deutsches Kino "Man kann sich auch mal trauen, auf die Fresse zu fliegen"

Jakob Lass dreht seine Filme, auch "Tiger Girl", nach dem "Fogma-Prinzip".

(Foto: imago/Future Image)

Das deutsche Kino hat keinen Grund, ängstlich zu sein, findet Jakob Lass - und verpasst ihm mit seinem neuen Film "Tiger Girl" eine Adrenalinspritze.

Von David Steinitz

Jammern ist unsexy, findet der Regisseur Jakob Lass. Anstatt sich zu beschweren, dass das deutsche Kino zu brav ist, könne man ihm doch einfach eine Adrenalinspritze verpassen. Seit seinem Indie-Hit "Love Steaks" vor drei Jahren gehört der 36-Jährige zu den spannendsten deutschen Filmemachern. In dieser Woche kommt sein neuer Film "Tiger Girl" ins Kino. Es geht um zwei Mädchen, das eine schüchtern, das andere frech, die sich zu einer Art Zwei-Frauen-Streetgang zusammenschließen und das Berliner Nachtleben unsicher machen - wenn nötig auch mit dem Baseballschläger.

Beim Gespräch in einem Neuköllner Café erzählt Jakob Lass, warum er seine Filme nach dem "Fogma-Prinzip" dreht: "Die Abkürzung steht für "Fuck Dogma". Es geht darum, sich beim Drehen von Konventionen zu befreien, festgefahrene Regeln zu hinterfragen. Dazu gehört zum Beispiel, dass professionelle Schauspieler auf Laiendarsteller treffen, die sich selbst spielen. Und dass wir kein klassisches Drehbuch verfasst haben." Stattdessen gibt es bei ihm nur ein sogenanntes Skelettdrehbuch. "Diese Skelettszenen sind die Wirbel des Films, die den dramaturgischen Bogen vorgeben. Die Dialoge entstehen zwischen den Schauspielern am Set."

Kino fernab des Rotweinpublikums

Lass findet, dass viele Akteure in der deutschen Filmindustrie, die Produzenten, die Verleiher, die Kinobetreiber, oft zu mutlos sind, sich ein neues, junges Publikum zu erobern. "Die setzen auf das sogenannte Rotweinpublikum, das sich französische Kunstfilme in der Matineevorstellung anschaut. Darüber, wie sie auch jüngere Leute ins Kino holen könnten, machen sie sich kaum Gedanken, und das hat mich sehr wütend gemacht, weil ich es so resigniert fand."

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Dabei gibt es für Lass überhaupt keinen Grund, so ängstlich zu sein. "Wir haben keinen Diktator, der Filmemacher wegen ihrer Werke ins Gefängnis wirft, wir haben durch die öffentlichen Förderungen ein finanzielles Sicherheitsnetz. Eigentlich gibt es keine Ausreden, man kann sich auch mal trauen, auf die Fresse zu fliegen."

Immerhin war jetzt ausgerechnet der traditionsreiche Schwabinger Verleih Constantin Film so mutig, mit ihm und seiner Neuköllner Filmcrew für "Tiger Girl" zusammenzuarbeiten. Bei der Constantin setzt man sonst eher auf Mainstreamkost wie "Fack Ju Göhte", aber Verleihchef Martin Moszkowicz mochte Lass' letzten Film "Love Steaks" so gerne, dass er sich auf einen Deal einließ. "Wir haben ihn angesprochen, und die Constantin hat sich deutlich mutiger gezeigt als andere Verleiher, weil sie auf unsere Fogma-Arbeitsweise vertraut hat. Aber ohne "Love Steaks" wäre diese Kooperation vermutlich nicht möglich gewesen, das war schon eine gute Visitenkarte. Zumindest einige Filmförderungen haben offen zugegeben, dass sie uns mit der Idee zu "Tiger Girl" hochkant rausgeschmissen hätten, wenn es "Love Steaks" nicht gegeben hätte."

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