Deutscher Künstler unter Terrorverdacht Ich hab' ihn!

Er wollte nur die zweifelhaften Reaktionen der Wachleute dokumentieren, doch nun hat er richtig Ärger durch das FBI bekommen. Wie ein deutscher Künstler zum Terrorverdächtigen wurde.

Von T. Briegleb

Eigentlich hatte Christoph Faulhaber bereits Routine mit den Men in black. Wenn er in den letzten drei Jahren in die USA einreiste und bei der Passkontrolle stand, leuchtet auf dem Bildschirm der Grenzer stets ein bestimmtes Feld auf, daraufhin erschienen Special Agents des FBI, Abteilung "counter terrorism", und verhörten ihn einige Stunden.

Einmal wurde er bereits im Flugzeug in Empfang genommen, ein Sicherheitsmann raunte in sein Headset "I got him, let's go", und dann saß er wieder stundenlang in einer weißen Zelle mit Kunstrasen beim Verhör, musste Eye-Scan, Fingerabdrücke und DNA-Probe abgeben. Das übliche Procedere halt, wenn man auf der Terrorliste der USA steht.

Mit der gleichen Routine, mit der die Sicherheitsleute ihr Fragenprogramm abspulten, konnte der Hamburger Künstler die Beamten jedesmal darüber aufklären, wie er fälschlich auf die mit über eine Million Einträgen extrem aufgequollene Liste geraten war, die auch seine freundlichen Interviewer ganz offensichtlich nicht mehr für aussagekräftig hielten. Eine Kunstaktion war schuld.

Gemeinsam mit seinem Partner Lukasz Chrobok hatte Faulhaber von 2005 an als Sicherheitsmann verkleidet Fotos von verschiedenen amerikanischen Botschaften gemacht und dabei die gereizten und rechtlich zweifelhaften Reaktionen der Wachleute dokumentiert, um die prekäre Situation des öffentlichen Raums darzustellen.

Der Aktenterrorist

Als er bei der "Mister Security" genannten Aktionsserie im Januar 2005 auch die amerikanische Botschaft in Berlin fotografierte, wurde seine Kamera konfisziert, eine offensichtlich vorgeschobene Untersuchung wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte der wachhabenden Polizeibeamten eingeleitet und wieder eingestellt - und prompt war Faulhaber ein Aktenterrorist.

Auch der Special Agent, der Faulhaber im Herbst diesen Jahres in der Künstlerresidenz Location One in New York aufsuchte, wo er als Gastkünstler mit einem Stipendium der Kunststiftung Rheinland-Pfalz arbeitete, nahm die Sache nicht übermäßig aufgeregt.

Zwar beschlagnahmte der FBI-Mann zu dem üblichen Fragenmarathon auch noch Faulhabers Arbeitsmaterialien, aber nach Auswertung der Bilder und Artikel bekam Faulhaber alles zurück, mit dem Hinweis, dass gegen ihn kein Terrorismus-Verdacht bestünde - und das, obwohl Faulhabers Material aus Kriegs- und Gewaltdarstellungen bestand, zu denen er in New York ein Projekt entwickeln wollte. "Schönen Aufenthalt in den Staaten", wünschte der FBI-Mann Faulhaber noch.

Daraus wurde dann leider nichts, denn die Leitung von Location One nahm die Sache keineswegs so gelassen. Die Direktorin Claire Montgomery erschien mit zwei jungen Männern, die Faulhaber beim "Packen helfen" sollten, kurz nach dem Besuch des Terrorismus-Experten in seinem Gastatelier und erklärte ihm, dass man in Absprache mit ihren Anwälten das Risiko seiner Anwesenheit nicht vertreten könne und er sofort das Haus verlassen müsse. Seine Vermieterin, die auf den Besuch des FBI zunächst unaufgeregt reagiert hatte, bat ihn plötzlich, sein Zimmer zu räumen.

Hysterie

Und als auch die Kulturstiftung Rheinland-Pfalz erklärte, mit dem Rauswurf sei das Stipendium hinfällig, da es an den Aufenthalt in der Institution gebunden sei, stand Faulhaber plötzlich ohne Geld in New York auf der Straße. Das Beileid des FBI-Agenten, dass er das so nicht gewollt hätte, aber leider auch nichts unternehmen könne, milderte kaum Faulhabers Anflug leichter Panik, in das Räderwerk einer hysterisierten undurchsichtigen Bürokratie geraten zu sein.

Über die Hintergründe dieser absurden Überreaktionen lässt sich nur spekulieren. Weder die Direktorin noch die Presseabteilung von Location One geben zu dem Fall ein Statement ab, aber als öffentlich geförderte und von Spendern abhängige Institution hatte die Unschuldsvermutung und die Verantwortung für ihren Gast gegenüber der Angst vor unliebsamen Gerüchten offensichtlich das Nachsehen.

Der Kulturstaatssekretär von Rheinland-Pfalz, Joachim Hofmann-Göttig, begründet die übereilte Reaktion seiner Behörde rein verfahrenstechnisch, sagt aber auch, dass ihm die Einmischung in sensible internationale Angelegenheiten zu "heiß" erschienen sei, weswegen man die Umstände des Rauswurfs bei Location One nicht nachgefragt hätte.

Auf eine Klage Faulhabers hin einigte sich Hofmann-Götting mit dem Künstler immerhin außergerichtlich auf die nachträgliche Zahlung von 7000 Euro. Und beim teuersten Sicherheitsapparat der Welt kann man sich zu Recht fragen, warum es so wenig Behördenabstimmung gibt, dass man einen Besucher diverse Male seine terroristische Unverdächtigkeit bestätigen muss.

Obwohl so keineswegs beabsichtigt, stellen die Vorgänge in New York in gewisser Weise den realistischen Abschluss von Faulhabers ursprünglichem Kunstprojekt dar. Die Herausforderung des Sicherheitsapparates bringt die Kunst in so engen Kontakt mit der Wirklichkeit, dass das angespannte Verhältnis zwischen Freiheit und Überwachung umso klarer zu Tage tritt. Aber weiter treiben möchte Christoph Faulhaber dieses Experiment dann doch nicht. Von weiteren Reisen in die USA hat er erst einmal Abstand genommen.