Deutscher Filmpreis Vielfalt statt Einfalt

In den letzten Jahren hatte man beim Deutschen Filmpreis oft den Eindruck, es stünden keine adäquaten Preisträger zur Auswahl. Beim diesjährigen Filmjahrgang gab es aber ausnahmsweise wirklich keinen Grund zur Beschwerde.

Von Anke Sterneborg

Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises am Freitag in Berlin gab es geradezu einen Erdrutschsieg für Frauen. Nach 67 Jahren, in denen zum Beispiel nur vier Mal eine Frau den Preis für die beste Regie geholt hat, sind in diesem Jahr die Hauptpreise in vielen Kategorien an Filmemacherinnen gegangen. Maren Ade wurde für ihre Komödie "Toni Erdman" als beste Regisseurin und beste Drehbuchautorin ausgezeichnet, und für den Schnitt des Films bekam Cutterin Heike Parplies eine Lola verliehen. Die silberne und die bronzene Lola für den zweit- und drittbesten Film des Jahres bekamen ebenfalls Produktionen von Regisseurinnen: das Abtreibungsdrama "24 Wochen" von Anne Zohra Berrached und der Märchenthriller "Wolf" von Nicolette Krebitz.

Eine Niederlage bedeutete dieser Frauentriumph für Chris Kraus und seine Tragikomödie über zwei Menschen, die sich beruflich mit dem Holocaust beschäftigen: "Die Blumen von gestern" war mit acht Nominierungen als zahlenmäßiger Favorit in den Abend gegangen und ging am Ende völlig leer aus. Das Beste an diesem Preisjahrgang ist aber, dass die Frage, welches Geschlecht die Filmemacher haben, letztlich zweitrangig ist, weil ganz einfach die eigenwilligsten, mitreißendsten, aufwühlendsten Geschichten ausgezeichnet wurden. Wie passend, dass just am Tag der Lola-Verleihung "Toni Erdmann" im deutschsprachigen Raum die wichtige Erfolgsmarke von über einer Million Zuschauern knackte. Denn preisgekrönte Filme sind oft genug keine richtigen Zuschauermagneten, was hier zum Glück nicht der Fall ist. Dass im zurückliegenden Filmjahrgang viele außergewöhnliche Filme dabei waren, hat eine kollektive Dynamik ausgelöst. Nicht nur "Toni Erdmann" sorgte dafür, dass man beim Deutschen Filmpreis ausnahmsweise mal nicht das Gefühl hatte, nach würdigen Preisträgern länger fahnden zu müssen, nur um die Lolas dann doch an Mittelprächtiges zu vergeben.

Die Gala selbst profitierte vor allem davon, dass die Filmausschnitte, die bei solchen Veranstaltungen von den nominierten Filmen gezeigt werden, tatsächlich einmal klug ausgewählt und komponiert waren und einen guten Schnellüberblick über das aktuelle Filmschaffen lieferten. Im Vergleich zu ihrem Vorgänger Jan Josef Liefers schlug die deutsch-iranische Schauspielerin und Sängerin Jasmin Tabatabai als Moderatorin des Abends einen recht ernsten Ton an, mit unvermeidlichen Ermahnungen zu den Werten der Demokratie, die auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters emphatisch beschwor: "Künstlerische Vielfalt ist besser als populistische Einfalt!" Gewisse Längen waren dem grassierenden Vollständigkeitswahn der Danksagungen geschuldet, unter dem Preisverleihungen generell leiden. Vielleicht sollte man die Preisträger ausdrücklich davon entbinden, allen Förderern und jedem Familienmitglied einzeln danken zu müssen. In diesem Sinne vorbildlich agierte der Schauspieler Georg Friedrich, der für seine Rolle in "Wild" geehrt wurde und sich mit einem gemurmelten "Danke an alle anderen" flugs wieder verabschiedete.

Der Ehrenpreis ging in diesem Jahr an die Editorin Monika Schindler, die eine der wichtigsten Schnittkünstlerinnen des DDR-Kinos war und seit der Wende auch das gesamtdeutsche Kino prägte. Auch das eine schöne Entscheidung, ist die Montagekunst doch ein Filmberuf, der bei Preisverleihungen sonst etwas zu oft im Schatten steht.