Jan Speckenbachs "Freiheit" im Kino Politik der Liebe

Johanna Wokalek als Nora.

(Foto: dpa)

"Freiheit" ist das Porträt einer rätselhaften Frau, die ohne Vorwarnung Mann und Kinder verlässt. Er lässt sich als Plädoyer für eine radikale Öffnung Europas lesen.

Philipp Stadelmaier

An der Supermarktkasse spricht der junge Mann die Frau dann endlich an. Sie komme wohl nicht aus Wien? Richtig. Sie sei aber auch keine Touristin? Richtig. Sie sei nicht verheiratet? Richtig. Später, nachdem sie miteinander geschlafen haben, schaut der Mann in ihren Pass und liest ihren Namen: Nora. Sie erzürnt, packt ihre Sachen und verschwindet. Noch immer mit der Einkaufstüte in der Hand lässt sie sich im Auto ins slowakische Bratislava mitnehmen.

Dann sind wir in Berlin. Ein Mann fährt seine Tochter zum Cellounterricht, bringt seinen Sohn zur Großmutter. Auf einer Kommode in ihrer Wohnung steht ein Foto von Nora.

Die Frau, die durch Europa reist und dabei ihre Identität verbergen möchte, ist abgehauen. Sie hat ihren Mann Philip (Hans-Jochen Wagner) und die Kinder in Berlin zurückgelassen. Mittlerweile gilt sie als vermisst. Wer so etwas macht, hat normalerweise einen Grund: eine unglückliche Ehe, Gewalt in der Familie, Schwierigkeiten mit der Justiz.

Aber dafür gibt es keinerlei Anzeichen. Philip arbeitet als Jurist, ebenso wie Nora, bevor sie verschwand. Er wohnt noch immer mit den Kindern in ihrer Berliner Altbauwohnung, und ist allem Anschein nach ein cooler Vater, der vielleicht mal ausrastet, wenn er seine pubertierende Tochter rauchend auf dem Balkon erwischt, sich dann aber auch gleich wieder entschuldigt. Wie ihre Ehe früher war, davon erfährt man erst einmal nichts.

Nora ist eines Abends aus der Türe gegangen, ohne Vorwarnung, ohne ein Wort der Erklärung, und nicht mehr zurückgekehrt. In Bratislava angekommen, isst sie die Sandwiches, die sie eingekauft hat, schneidet sich die Haare, verkauft ihren Schmuck, gibt sich als Holländerin aus und beginnt, als Putzkraft zu arbeiten. Und während sie sich immer mehr in ein neues Leben, eine neue Identität hineinbewegt, wird die Frage immer beklemmender, was sie antreibt.

Nora (Johanna Wokalek, Mitte) war mal eine Mutter mit Mann und zwei Kindern in Berlin. Jetzt ist sie etwas anderes - und muss neue Freunde finden.

(Foto: FilmKinoText)

Nora wird von Johanna Wokalek gespielt, welche die Undurchschaubarkeit der Figur klar und schneidend hervortreten lässt, sie mit einer unbestechlichen Entschlossenheit unterfüttert. Allein schon deswegen lohnt es sich, "Freiheit" anzuschauen, den zweiten Spielfilm von Jan Speckenbach, der voriges Jahr im Wettbewerb der Filmfestspiele von Locarno lief. Der Film erinnert an "Beruf: Reporter" von Michelangelo Antonioni, wo Jack Nicholson seine alte Identität ablegt und die eines Toten annimmt, und natürlich an Henrik Ibsens "Nora", die Frau und Kinder verlässt.

Aber es geht um weit mehr als um die Austauschbarkeit von Identität, oder um den Freiheitsdrang und die Selbstverwirklichung einer jungen Frau. Bevor Nora geht, liest sie erst noch ihrem Sohn zum Einschlafen vor, dann umarmt sie ihre Tochter und sagt ihr, dass sie sie liebt. Man glaubt ihr das auch. Wenn sie danach einfach so aus der Türe geht, trennt sie sich bewusst von einer bestimmten Idee der Liebe - von der Liebe zur Familie.

Definieren wir die Liebe zu eng, nur als Gefühl für das Eigene, die Familie, die Nation?

Man kann hier den amerikanischen Philosophen Michael Hardt hinzuziehen, der über Liebe als politischen Akt nachgedacht hat. Hardt kritisiert, dass Liebe oft nur als Liebe zum Selben verstanden wird: als Liebe zu den Seinen, zur Familie, zur Nation. Er schlägt daher vor, das Konzept der Liebe auszudehnen, auf den anderen, auf das Zusammenleben in einer vielfältigen und solidarischen Gemeinschaft. Mit Hardt lässt sich "Freiheit" als ein Aufbruch verstehen, sich jenseits der Kleinfamilie mit den anderen, den Fremden zu verbinden - um die Grenzen der Liebe auszudehnen.

In der Ferne findet Nora dann auch neue Vertraute: eine slowakische Performerin, die in Livesex-Shows auftritt, und ihren Freund, einen Koch. Auch Philip beginnt nach Noras Verschwinden, sich der Welt, dem Fremden zu öffnen. Als Strafverteidiger soll er einen Jungen aus einem Plattenbau vertreten, der einen Migranten aus Afrika ins Koma geprügelt hat. Er verbringt allerdings mehr Zeit bei dem Opfer als bei seinem Mandanten. So wird nach dem Verschwinden seiner Frau ein schwarzer Geflüchteter zu seinem engsten Vertrauten - nicht etwa seine neue Freundin.

Nun hat Hardt zwar vorgeschlagen, das Konzept der Liebe zu erweitern - nicht aber, die eigenen Kinder zu verlassen. Dieser Schmerz lastet dann auch auf Nora, weswegen der Film vom Wunsch nach Vergessen getragen wird, das dem neuen Leben vorausgehen muss. Zwischen Spree und Donau wird immer wieder auf den Fluss Lethe aus der griechischen Mythologie hingewiesen: Wer aus ihm trinkt, vergisst die Vergangenheit, um als neuer Mensch wiedergeboren werden zu können. Die Voraussetzung der Erneuerung ist das Vergessen des Alten. Speckenbach macht aber deutlich, dass diese Utopie eine Utopie bleibt - völliges Vergessen ist unmöglich. Wenn das Telefon klingelt, denkt Philip, es ist Nora. Wenn Nora einen Freund beobachtet, wie er mit einem Glas eine Spinne fängt, denkt sie an den Abend, an dem sie Philip verließ. Die Vergangenheit bleibt in sie eingraviert.

Dennoch scheint uns der Film sanft, aber bestimmt zu sagen: Nun sind sie für immer getrennt und müssen zusehen, dass sie erneut glücklich werden. Und das ist besser so, da sie sich nun mit der weiten Welt verbinden müssen, die ihrerseits glücklicher werden muss. Noras Experiment kann dann auch für jenes Europa verstanden werden, das sie durchquert. Ein amerikanischer Tourist, dem sie begegnet, spricht von einem Kontinent der toten Seelen. Bezieht er das auf den Umgang mit Refugees? Am Anfang des Films steht Nora im Museum vor einem Gemälde des "Turmbau zu Babel", ein Motiv, das auch am Ende wieder auftaucht - ein Symbol der Sprachverwirrung, der Mehrsprachigkeit, des Zerspringens der Einheit der Menschheitsfamilie. So werden am Horizont ihrer Reise die Konturen eines Projekts der Vielfalt erkennbar, eines Europas, in dem die Liebe nicht nur Familien und Nationen gilt, sondern den über den Erdball Verstreuten, den Migranten und Schutzsuchenden - wie dem Afrikaner, den Philips Mandant zusammengeschlagen hat. Der Film berührt vor allem durch diese politische Dimension: In dieser Geschichte einer Frau, die abhaut, steckt die Forderung nach einer radikalen Erneuerung und Öffnung Europas.

Freiheit, D / SVK 2017. - Regie: Jan Speckenbach. Buch: Speckenbach, Andreas Deinert. Kamera: Tilo Hauke. Mit Johanna Wokalek, Hans-Jochen Wagner, Inga Birkenfeld. FilmKinoText, 100 Minuten.

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