Deutscher Alltag Indizien des Lebens

Ego-Archäologen sind jene Menschen, die sich nicht von Dingen trennen können. Denn sie brauchen die drei uralten Sakkos im Kleiderschrank oder die blauen Karl-Marx-Dinger im Bücherregal, um ihr Leben zu rekonstruieren. An dessen Details erinnert man sich schließlich mit zunehmendem Alter nicht mehr so recht, weil man die eigenen Erzählungen für wirklich Geschehenes hält.

Von Kurt Kister

Es gibt Menschen, die können sich problemlos von allem Möglichen trennen. Erst stellen sie fest, dass sie zu wenig Platz haben oder sonst wie eingeschränkt werden. Dann verkaufen sie ihre Bücher bei Ebay, geben ihre Klamotten in den Caritas-Container oder schicken dem Partner eine SMS, dass es jetzt eigentlich reicht.

Andere Menschen wiederum können das nicht. Gewiss, der Schrank ist zum Bersten voll. Aber wie soll man die nahezu historischen T-Shirts wegschmeißen - zum Beispiel das von 1987 mit dem Spruch "Ollie für President" und dem Konterfei von Oliver North? (Keine Ahnung, wer das war? Mal googlen, Rüdiger.)

Und ja, diese drei grauen Anzüge sind auch älter, aber sie waren damals schon cool, deutlich bevor die mittlerweile selbst grau gewordenen Kulturstiesel in Helmut-Lang-Sakkos herumliefen. Man hebt sie lieber noch etwas auf. Vielleicht passen sie einem später, wenn man altersdürr wird, noch einmal. Oder man kann sie dem Sohn . . . Ach, nein, im Schrank hängen noch drei Sakkos, die man selbst vor 20 Jahren vom Vater bekam, selten anzog und trotzdem nicht wegwirft.

Und die Bücher? Braucht man die 30 Zentimeter Herodot von Goldmann noch? Wie ist es mit der Schlachten-des-Weltkriegs-Sammlung, jeder Band grün mit vielen Karten, herausgegeben in den zwanziger Jahren vom Reichsarchiv, als man den Weltkrieg noch nicht mit einer Ordnungszahl versehen musste? Soll man Karl May behalten, ganz zu schweigen von den blauen Karl-Marx-Dingern, gekauft in der Basis-Buchhandlung oder mit dem Zwangsumtausch in der Zone? Nein, braucht man nicht mehr. Gibt man aber auch nicht her.

Ein Leben besteht nicht nur, aber auch aus dem, was man nicht weggeworfen hat. Im Zeitalter der Ego-Shooter und der Ego-Googler ist man gern der Ego-Archäologe, der Stunden damit zubringen kann, Schubladen zu leeren, alles zu begutachten und es dann fast vollständig wieder einzuräumen.

Die Nerds haben es einfach

Beim nächsten großen Aufräumen, in drei Monaten oder in drei Jahren, wird man konsequenter sein, bestimmt. Andererseits: Wie soll man wissen, was der Ego-Archäologe unbedingt braucht, um ein Leben, sein Leben, zu rekonstruieren, an dessen Details man sich mit zunehmendem Alter nicht mehr so recht erinnert, weil man die eigenen Erzählungen für wirklich Geschehenes hält?

Die Elektro-Quallen und Nerds haben es da einfach, sie können sich in der Cloud abspeichern. Aber auf welchen Wolken soll man die bunten Einbände der nie verstandenen Suhrkamp-Bücher ablegen? Und wo jene nicht ganz verflogene Hoffnung, die sich manifestiert hat in ein paar Fotos, echten Briefen und zwei, drei Hotelrechnungen?

Zum Ersten, zum Zweiten und ... zum Auto!

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