Die samstägliche Alltags-Kolumne von Kurt Kister

Beamte, Beleidigungen, kein Bock: Unsere Hauptstadt wäre ein wunderbarer Ort - wenn da nicht die Berliner wären.

Es ist allgemein bekannt, dass es in Deutschland nur eine interessante Stadt gibt, und das ist selbstverständlich Berlin. Jede Menge Stuttgarter, Kölner oder Freiburger ziehen nach Berlin und benehmen sich dort alsbald so, als seien sie Berliner. Die größten Probleme Berlins sind nicht die Armut, der Bürgermeister oder die Hundekacke, sondern vielmehr die Berliner. Berlin ohne Berliner wäre eine wunderbare Stadt, ungefähr so wie Siena ohne Touristen oder der Prenzlauer Berg ohne kinderwagenschiebende Schwaben.

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Ein wichtiges Charakteristikum des eingesessenen oder zugereisten Berliners ist die stete Bereitschaft, anderen die Welt zu erklären. Wenn man in einem gottverlassenen Park mit einem unangeleinten Hund spazieren geht - eine extrem berlinerische Tätigkeit - , kommt ein Polizist aus dem Nichts, der sagt, dies sei eine geschützte Grünanlage, in der man den Hund anleinen müsse.

Er, der Polizist aus dem Nichts, sei aber nicht vom Ordnungsamt, weswegen er nur eine mündliche Verwarnung ausspreche. Auch das ist sehr berlinerisch: Der Polizist muss zwar recht behalten, aber er beleidigt gleichzeitig noch eine andere Behörde beim Rechthaben. "Bin ja nicht vom Ordnungsamt" heißt in diesem Zusammenhang: Im Ordnungsamt, lieber Unangeleinterhundsausführer, sitzen die wahren Korinthenkacker. Da hättest du jetzt 35 Euro berappt.

Nicht minder häufig trifft man in Berlin jene, die keinen Bock haben und/oder unfähig sind, das aber mit großer Entschiedenheit. Sie parken genau da in zweiter Reihe, wo der Krankenwagen überhaupt nicht durchkommt oder halten am Flughafen alles auf, weil sie diesen einen Zettel, der die Buchung bestätigt, leider nicht finden können.

Apropos Flughafen: Neulich fiel wieder mal Schnee in Berlin und man saß in einem Flugzeug in Tegel. (Die Flughafenverwaltung in Tegel ist auf dem Gebiet organisatorischer Effizienz ungefähr das, was Tennis Borussia Berlin für den europäischen Spitzenfußball ist.) Es schneite also, ein Enteisungsfahrzeug kam und enteiste die linke Tragfläche. Danach ging man zur rechten Tragfläche über, während die linke Tragfläche wieder vereiste. Dieses Spiel wiederholte sich eineinhalb Stunden lang, bevor dann jemand die flehentlichen Bitten und Morddrohungen des Piloten erhörte und ein zweites Enteisungsfahrzeug schickte. Das kam aber nicht zum Einsatz, weil aus irgendwelchen berlinspezifischen Gründen keine zwei Enteisungsfahrzeuge zur gleichen Zeit an diesem Flugzeug in dieser Position enteisen konnten.

Gut zweieinhalb Stunden nach dem vorgesehenen Termin startete man dann doch, weil es zu schneien aufgehört hatte. Der Himmel hatte ein Einsehen, und Gott ist sicher kein Berliner.

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(SZ vom 20.03.2010/rus)