Wie schade, dass man vom Arbeiten leben muss und nicht vom Lesen leben kann. Eine Liebeserklärung an die Sprache.
Die Dunkelheit ist meistens eher widerwärtig, es sei denn, man wäre eine Eule. Besonders widerwärtig ist sie im Winter am Morgen. Wenn es sechs Uhr ist und sich der Deutschlandfunk mit seinen sehr seriösen Nachrichten - es ist praktisch immer eine Neuigkeit aus Asien dabei - im Zimmer ausbreitet, legt man das Buch weg, in dem man seit halb fünf gelesen hat. Draußen ist es finster, kein Vogel zwitschert und nicht einmal die penetranten Krähen machen Lärm. Man sieht der Dunkelheit an, dass es außerdem auch noch kalt ist, kalt genug, um die Autoscheiben abkratzen zu müssen. Gab es jemals Sommer, war es um sechs Uhr morgens jemals hell, freundlich und anheimelnd?
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Schön wäre es, fände sich ein reicher Sponsor, der einem Geld bezahlte fürs Lesen - oder zumindest dafür, dass man nie wieder schriebe. (© Getty Images)
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An solchen Wintertagen schleppt sich das Leben von Dunkelheit zu Düsternis. Fährt man zu Hause los, ist es fast noch Nacht. Dann sitzt man den ganzen grauen Tag im Büro und gegen zwei Uhr nachmittags beginnt es eigentlich schon wieder zu dämmern. Irgendwann im Herbst kommt jene Zeit, in der man das Gefühl hat, das Leben verlaufe gleichförmig, weil jeder Tag so ist wie der nächste: kurz, dämmerig, kühl, nass. Ja doch, zwischendurch gibt es auch mal Sonnenschein, aber der ist nicht mehr als eine Mahnung, dass man eigentlich Ende November mit dem Winterschlaf beginnen sollte. Gäbe es eine wirklich anständige Regierung, würde die den Winterschlaf als Rentenausfallzeit anerkennen.
Schon klar, Menschen halten keinen Winterschlaf. Das gehört zu den grundsätzlichen Defekten des Homo sapiens, zu denen auch die zweigeschlechtliche, nicht an Brunftzeiten gebundene Fortpflanzung sowie das Fehlen eines Greifschwanzes zählen. (Hätten wir einen solchen, wäre das Leben leichter. Darüber aber ein ander Mal.) Der Schlaf, findet man ihn denn, hilft einem, Unannehmlichkeiten zumindest für eine Zeit ruhigzustellen. Zwar drängen sich die Misshelligkeiten oft in Form von Träumen trotzdem in den schlafenden Menschen. Aber immerhin kann man im Traum den ekligen Chef, den grinsenden Talib oder die dolchzähnige Freundin die Hängebrücke hinunterstoßen oder im Aufzug festsetzen.
Im Winter sind die Misshelligkeiten größer als im Sommer. Das hängt damit zusammen, dass lange Dunkelheit die Leute schlechtlaunig macht. Im Winter zum Beispiel will der Wutbürger auf Augenhöhe mit der Landesregierung sein, während er im Sommer lieber mit dem Flugzeug nach Rhodos fliegt. Im Winter gibt es endlose Debatten mit dem Ehe- oder sonstigen Partner, weil man auf der Couch sitzt und es regnet und daran auch irgendwie der andere schuld ist. Der Winter, zumal der im Flachland, ist nutzlos. Man sollte ihn wirklich verschlafen.
In der Krise wird der Norden zum Zuchtmeister des Südens – dabei könnte er manches von ihm lernen. Jetzt lesen ...
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(SZW vom 04.09.2010/rus)
Doch, doch, es gibt sie noch, selbst in der bunten Grabbelkiste "Kultur-online" - eine Liebeserklärung, eine elegisch gestimmte dazu - ich bin gerührt wie Apfelmus und flüssig wie Pomade. Eigentlich gehört es zum guten Ton, daß eine solche Confessio nicht kommentiert wird - aber ehe ich mir ein Tränchen verdrücken kann, bricht der Widerspruchsgeist in mir durch. Ausgerechnet Hesse als Welterklärer und Seelenguru vom Monte Verità?! Immer wenn ich Hesse gelesen habe, hatte ich das unbestimmte Gefühl, ich erführe zuvörderst und ausschließlich alles und jedes über - Hesse, den großen Manipulator und Glasperlenspielmeister.
"Wir lassen uns vom Geheimnis erheben/ der magischen Formelschrift, in deren Bann/ das Uferlose, Stürmende, das Leben/ zu klaren Gleichnissen gerann" (Josef Knecht, Magister Ludi). Der elitäre Ludus inmitten von Musik und Mathematik wird im Orden Kastalien betrieben - und Sprachspiel gehört dazu, freilich das gezähmte, dessen Bahnen von den - wohlgemerkt: uralten - Meistern bestimmt werden. Und die ungebildete, muttersprachmordende Plebs - "warum kann sie nicht so sein wie ich?" (Stoßseufzer des Linguistikprofessors Higgins über die willige, aber unbegabte Sprachstudentin Eliza). Daher das monoton andauernde Beckmessern all dieser Oswald Säzzer, die in der sarazzinesken, somit verdrehten Aggressivität, welche der Verzweiflung innewohnt, den Untergang des Abendlandes Sprache beklagen und zugleich die Wacht über die kastalische Quelle für sich beanspruchen, in aller missionarischen, deshalb apodiktischen Keuschheit, die in die ewig gleiche Formel mündet: "Hier sinkt für sie ständig das Niveau".
Hesse läßt seinen Ordens-Knecht scheitern im unordentlichen Draußen. Lieber Kolumnist, das ist mir viel zu pessimistisch - nicht tauglich ist höchstens das paternalistische Meister-Jünger-Modell, auch wenn alle lesende Welt es glühend herbeisehnt (wie Miss Rowlings Harry-Potter-Erfolge zu bestätigen scheinen).