Deutsche Literatur Kind der Verdunkelung

Jan Himmelfarb: Sterndeutung. Roman. C. H. Beck Verlag, München 2015. 394 Seiten, 21,95 Euro. E-Book 17,99 Euro.

Jan Himmelfarb, 1985 in der Ukraine geboren, lebt im Ruhrgebiet. In seinem Romandebüt "Sterndeutung" erzählt er die Geschichte seiner jüdischen Familie.

Von Meike Feßmann

Was zählt mehr, die Vergangenheit oder das Hier und Jetzt? Die Frauen in der Familie des Übersetzers Arthur Segal sind sich da völlig einig. Man muss in der Gegenwart leben, es hat keinen Sinn, ständig zurückzuschauen. Arthur Segal selbst aber will sich das Vergangene vor Augen führen, um es aufzuschreiben - auch Dinge und Ereignisse, von denen er gar nichts wissen kann. Es ist ein ambitioniertes Debüt, das der 1985 in der Ukraine geborene und im Ruhrgebiet lebende Jan Himmelfarb mit seinem Roman "Sterndeutung" vorlegt. Und es ist zunächst einmal erfreulich, wenn ein Debütant mehr wagt, als nur aus dem eigenen Leben zu berichten.

Arthur Segal ist das, was man einen unzuverlässigen Erzähler nennt. Der Leser weiß nicht, was er für bare Münze nehmen kann. Arthurs Mutter war auf der Flucht vor den Deutschen, als er im Oktober 1941 auf schwankendem Boden geboren wurde, in einem Zug von Charkow nach Stalingrad. Er kann sich, so behauptet er, noch ganz genau daran erinnern, dass er diese unwirtliche Erde gleich wieder verlassen wollte und nur seiner Mutter zuliebe am Leben blieb. Der Verdunkelung des Zuges wegen durfte kein Licht brennen.

Also konnte auch kein Falter mit seinen Flügeln gegen eine Glühbirne trommeln: ein Fingerzeig für den Leser. Denn ein solcher Falter ist das erste, was Oskar Matzerath sieht, Paradebeispiel eines unzuverlässigen Erzählers, der die "Blechtrommel" mit dem Bekenntnis eröffnet, er sei "Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt".

Die Anspielungen in diesem Roman sind zahlreich, und sie reichen von Günter Grass und Goethe über Kafka, Majakowski und Sergei Jessenin bis zu Imre Kertész und Primo Levi. Das Buch, dem Jan Himmelfarb vermutlich am meisten verdankt, dürfte aber "Die Vernichtung der europäischen Juden" sein, das Standardwerk des amerikanischen Historikers Raul Hilberg, dessen Name gegen Ende einmal fällt.

Arthur Segal ist Jude, so zweifelsfrei, nämlich bis in sämtliche Glieder sowohl der mütterlichen als auch der väterlichen Linie, dass er keinerlei Schwierigkeiten hat, Anfang der neunziger Jahre als einer der ersten Kontingentflüchtlinge aus der Ukraine nach Deutschland einzuwandern. Er landet mit Mutter, Frau und gerade flügge werdender Tochter zunächst in einem "Übergangslager" (eine Bezeichnung, die schlimmste Assoziationen weckt) und dann in einer geräumigen Wohnung irgendwo im Ruhrgebiet. Von den deutschen Behörden fühlt er sich zuvorkommend behandelt, vom Sozialamt bestens alimentiert. Verschiedene Nebenjobs, darunter ein reger Autohandel nach Russland und Kasachstan, erhöhen die Einkünfte.

Doch nicht nur die Anschläge auf von Türken bewohnte Häuser in Solingen nähren seine Unruhe. Er will wissen, was es bedeutet, Jude zu sein. Um dies zu erkunden, schreibt er die Geschichte seiner Familie auf, die sich zum Roman auswächst. Vier Geburtstage, von Arthurs einundfünfzigstem bis zu seinem fünfundfünfzigsten, bilden dabei den roten Faden. Die Familie kommt zusammen, man trifft sich mit Freunden, erzählt sich die neuesten Entwicklungen.

Hier konnte kein Falter gegen die Glühbirne trommeln

Die gemeinsame Tochter Anna studiert Wirtschaftskunde an einer Privatuniversität, benannt nach einem Mäzen, von dem bekannt ist, dass er in der Waffen-SS war (man denkt an Otto Beisheim). Anna hat keine Lust, sich von den Skrupeln ihres Vaters den Erfolg verderben zu lassen. Auch ihren deutschen Freund Max müssen die Eltern hinnehmen. Dass es nicht nur Übersetzungen sind, die ihn fast den ganzen Tag an den Schreibtisch fesseln, hält Arthur vor seiner Frau verborgen. Seine Mutter lacht ihn aus, wenn er von Notizen für die "Nachkommen" spricht. Ihrer einzigen Enkelin könne sie ihre Erinnerungen auch mündlich erzählen. Allerdings tut sie das nicht, und auch Anna ist kaum an den alten Geschichten interessiert.

Arthur, der seinen im Krieg gefallenen Vater nie kennengelernt hat, schreibt die Geschichte einer Familie, in der nicht viel erzählt wird. Es war David Grossman, der in "Stichwort: Liebe" (1991) zum ersten Mal deutlich machte, wie das Schweigen der Eltern und Großeltern die Nachkommen traumatisiert und die Phantasien der Kinder wuchern lässt. Arthur fühlt sich nur durch Zufall verschont. Jude sein, bedeutet für ihn "mitgemeint" sein und "Gesehen-haben-Müssen". So imaginiert er, was er nicht gesehen haben kann: Die Sammlung der Berliner Juden am S-Bahnhof Grunewald, die Zustände in den Ghettos, allen voran im Warschauer Ghetto, Transporte in Vernichtungslager, den Aufstand in Treblinka und vieles mehr.

Jan Himmelfarb, der Betriebswirtschaftslehre studiert hat, findet oft einleuchtende Bilder, etwa die Bewegung von West nach Ost und von Ost nach West als eine Art Pendel der Geschichte. Auch die Geburt des Erzählers in einem Zug ist ein treffendes Symbol seiner Heimatlosigkeit, es verbindet ihn mit all den Zügen, die ihm erspart blieben und in die er sich hineinversetzt. Oft erzählt er konkrete Ereignisse rund um den Judenstern und den Sowjetstern. Gelegentlich tut er des Guten zu viel. Im Deutungsüberschwang verbindet er die "Sterne" allzu pathetisch mit Himmelsmetaphorik, auch wenn das angesichts des Namens "Himmelfarb", den sein Autor trägt, verzeihlich sein mag. Der Roman, der die optischen Metaphern des Sehens und Deutens überstrapaziert, hat auch deshalb einen etwas irren Ich-Erzähler, um den Autor zu entlasten. Ein Trick, dessen Anwendung literarisches Geschick zeigt.

Jude sein bedeutet für Arthur, nur durch Zufall verschont zu sein

Hat es nicht etwas zutiefst Unheimliches, als Jude freiwillig ausgerechnet in das Land zu ziehen, von dem die Vernichtung der europäischen Juden ihren Ausgang nahm? Diese Überlegung liegt dem Roman zugrunde. Sie dürfte auch dazu geführt haben, dass der Autor einen Erzähler gewählt hat, der eine Generation älter ist als er selbst. "Früher war alles andersherum. Da wollte man alles sein, nur nicht Jude. Und jetzt wollen wegen der Deutschen alle Juden sein. Oder Wolgadeutsche."

Gleichaltrige Kolleginnen wie die aus Aserbaidschan stammende Olga Grjasnowa thematisieren die jüdische Herkunft ihrer Heldinnen nur noch als eine Zuschrei-bung unter anderen - ein Etikett, das mal nützlich ist, mal hinderlich. Jan Himmel-farb nimmt die Frage noch einmal grundsätzlich Ernst. Seine eigene Stimme hat er noch nicht gefunden, dennoch ist "Sterndeutung" ein beachtliches Debüt.