Deutsche Literatur Eine Welt für alle

1979 starb Nicolas Born, einer der großen Autoren seiner Generation. An diesem Silvester wäre er achtzig geworden. Sein schmales, reiches Werk wartet auf eine Neuentdeckung.

Von Hilmar Klute

Es gibt Sätze von Nicolas Born, von denen man sich wünscht, sie mögen uns heute als poetische Ordnungsrufe zur Hand sein, dann zum Beispiel, wenn wir vergessen, dass die meisten Realitäten, in denen wir uns täglich einrichten, eben von uns eingerichtete Realitäten sind: "Du kannst nicht davon leben, mit der Wirklichkeit zu konkurrieren/ noch kannst du von der Wirklichkeit leben/ aber du kannst einen Eingriff überleben.../ und durch Das Leben gehen/ durch schnell verfallende Bilder."

So wagemutig hat Nicolas Born geschrieben; so gefährlich an der Bruchstelle zwischen Zustandsskepsis und der großen Utopie, ein besseres, wahrhaftiges Leben in der Sprache zu finden, bewegt sich sein schmales, von rauer Schönheit und politischer Radikalität geprägtes Werk. Born, der Alltagsverzauberer, Born, der wilde Wortefuchtler, dessen Poesie in der deutschen Literatur der Nachkriegszeit wie ein heller, vertrackter Zukunftsfilm läuft. Der mit seinem Roman "Die Fälschung" uns Journalisten vor Augen führt, was man in sich selbst und in der Welt anrichtet, wenn man Krieg und Katastrophe auf das gut lesbare Konsumentenstück zurechtschneidert. Und dessen Gedichte radikale Projektionen sind und zugleich schöne, zum Zitieren einladende Poesie: "Meine Fenster blicken noch in die Welt/ nicht unähnlich der Welt / wie sie in meine Fenster blickt."

In den Siebzigerjahren gehörte Nicolas Born, der am kommenden Silvestertag achtzig Jahre alt geworden wäre, neben Peter Handke und Botho Strauß zu den Erneuerern in Poesie und Romankunst. Neue Subjektivität lautete das - gelegentlich unbotmäßig lächerlich gemachte - Schlagwort für diese entschiedene Hinwendung zum Ich, zur radikal unzuverlässigen Weltsicht. Born stammte aus dem Ruhrgebiet und war wohl das, was 1968 jeder mehr oder weniger radikale Student gerne gewesen wäre: ein Kind der Arbeiterklasse, gelernter Chemigraf, ohne höhere Schulbildung, nur mit dem Wunsch ausgestattet, der Welt seine Wirklichkeit mit einer eigenen poetischen Sprache beizusteuern.

Im West-Berlin der frühen Siebzigerjahre wurde Born schnell berühmt. Mit seinem Gedichtband "Das Auge des Entdeckers", geschult an den Texten der amerikanischen Avantgarde um Frank O'Hara, erfand Born eine Form der Alltagslyrik, die nah am Leben und doch in weltenferner Distanz dazu steht: "Worte aus purem Fleisch/ unberechenbare Erschütterungen von Kunst und Leben". Empfindliches Weitermachen, so nannte Born sein Schreiben. "Die erdabgewandte Seite der Geschichte" erzählt davon, wie sich einer in Liebe, Politik und Freundschaft auflöst. Der Roman hat ihm Ehrungen eingebracht, die meisten Literaturpreise verteilte Born aber selbst an andere, als Jurymitglied und umtriebige Figur des Betriebs. Mitte der Siebziger zog er - wie viele stadtmüde Berliner Künstler - ins Wendland, kurz bevor die niedersächsische Landesregierung Gorleben als Standort für eine Atommüll-Enddeponie auswies. Born, der die Elbaue als seine Lebenslandschaft erkannt hatte, wurde zum lauten Widerständler, die so ungewohnte direkte Protestnote ging dem Zornigen vielleicht auch deshalb leicht von der Hand, weil er die Schönheit des Bedrohten in seinem anderen, zurückgenommenen Sprechen feiern konnte: "Hier bin ich wo die gestanzten Horizonte nicht sind - eiskalter Bleistift/ zum Jauchzen fehlt uns innere Stimme."

Für sein letztes Buch, den erfolgreichen, später von Volker Schlöndorff verfilmten Roman "Die Fälschung" (1979), fuhr Born selbst nach Beirut. Bei einer der Straßenschlachten entging er knapp dem Erschießungstod. Was Born dann schrieb, war mehr als ein Kriegsroman. Das Buch ist eine Geschichte der Krankheit am Leben: Ein Journalist sucht im Schreiben das Authentische und verliert dabei den Bezug zu sich und zur Welt. Während der Arbeit am Roman musste Born zur Kenntnis nehmen, selbst unheilbar an Lungenkrebs erkrankt zu sein. Im Krankenhaus sprach er mit brüchiger Stimme einen erschütternden Text aufs Tonband, die Aufnahme wurde erst vor wenigen Tagen im Saarländischen Rundfunk veröffentlicht. Sie ist ein Zeugnis der Fassungslosigkeit über das nahende Ende und der Wut über die gestohlene Zukunft.

Der Born-Kenner Axel Kahrs hat einen schmalen Band mit Erinnerungen an Nicolas Born vorgelegt (Unter Freunden. Nicolas Born. Leben, Werk Wirkung. Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 108 S., 14,90 Euro). Das Buch ist ein schönes Dokument der Zeitgenossenschaft Borns, der seine Freunde gern namentlich in Gedichten auftauchen ließ und ein freundlich-geselliger Mann war. Sein Nachlass ist inzwischen erschlossen, am 21. Januar wird das Born-Archiv in der Berliner Akademie der Künste mit einer Matinee eröffnet.

Nicolas Born starb mit 41 Jahren, Anfang Dezember 1979. Doch es scheint, als müsste sein Werk erst jetzt richtig aufgehen, weil es genau dort steht, wo wir Heutigen mehr oder weniger hingestellt wurden: zwischen der täglich nach uns greifenden Hand der Megamaschine und der Sehnsucht nach einer "Welt, in der jeder jeder ist".