Deutsche Kolonien Vergessene Schuld

Die Deutschen scheren sich kaum um ihre Kolonialgeschichte, dabei könnte die Auseinandersetzung mit ihr interessante Hinweise parat halten - etwa auf die ohnmächtige Frage, wie Hitler möglich wurde. Nun gibt die Charité Gebeine namibischer Herero zurück. Die Opfer waren Insassen der ersten deutschen Konzentrationslager.

Von Tim Neshitov

Der kamerunische Prinz Kum'a Ndumbe III. hat viele Eigenschaften, darauf wird er in seiner Rede noch kommen, aber in erster Linie ist er ein Professor - und zwar einer, der zur Not auch vor leeren Stühlen spricht.

Er steht an einem Rednerpult der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, ein etwas untersetzter Mann Mitte sechzig mit gehäkelter Mütze und würdevoller Haltung. Von der Pultfront lächelt ein junger Goethe, davor sitzen etwa zwanzig Menschen. Der Saal ist also nicht ganz leer, aber gemessen daran, worüber Kum'a Ndumbe III. sprechen will und mit welchem Anspruch, viel zu leer.

Der Prinz eröffnete eine Tagung über das Verhältnis zwischen Deutschland und dessen einstiger Kolonie Kamerun. Der Titel seiner Rede aber lautete: "Ein Appell an die europäischen und nordamerikanischen Intellektuellen zu einem Zeitpunkt, als ihre Regierungen eine konzentrierte Aggression gegen die afrikanischen Völker im Jahr 2011 führen".

Man kann sich fragen, ob der Prinz sich in der Tür geirrt hatte, ob irgendwo nebenan die Vertreter der westlichen Intelligenzija doch versammelt waren, die sich Gedanken über die Zukunft eines Afrikas im Umbruch machen und auf die Meinung eines afrikanischen Kollegen warten.

In diesem Saal besteht das Publikum jedenfalls größtenteils aus Geschichtswissenschaftlern, die ihre eigenen Vorträge halten sollten, etwa zur Historiographie deutscher Siedlungen in Kamerun. Etwa die Hälfte der Anwesenden sind kamerunische Forscher.

Wozu also der Appell an "die europäischen und nordamerikanischen Intellektuellen"? Die meisten Anwesenden haben schließlich noch nie von dem blaublütigen Professor aus Yaunde gehört, der Hauptstadt Kameruns. Der Appell geißelt zudem den Nato-Einsatz in Libyen als "Blitzkrieg" und unterstellt den westlichen Geistesarbeitern, "ihre engagierten Federn" geliehen zu haben, "um das Unsägliche zu rechtfertigen, den Verfall von Ethik und Moral".

Je länger man der Konferenz aber folgt, desto mehr erweist sie sich als eine stimmige Veranstaltung, die viel mehr Publikum verdient hätte. Das mangelnde Interesse der Deutschen an der eigenen Kolonialgeschichte, an den Spuren, welche die "Schutzmacht" von Kaiser Wilhelm II. einst in Kamerun, Namibia oder Tansania hinterließ, ist nur bedingt verständlich.

Genauso die nonchalante Weigerung, diese Geschichte aufzuarbeiten, etwa den Massenmord an dem namibischen Volk der Herero, den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Natürlich lässt die Verantwortung für den Holocaust der Nazis wenig Raum für weitere peinigende Gedenktraditionen.

Andererseits könnte die Antwort auf die ohnmächtige Frage, wie Hitler möglich wurde, zum Teil in der kolonialen Vorgeschichte liegen. Das Desinteresse an dieser Vergangenheit - in den einstigen "Schutzgebieten" spricht man von Verdrängung - macht den Vorwurf des Neokolonialismus in Afrika erst möglich. Manchmal schweift dieser Vorwurf allerdings ins Verschwörerische ab.

Wenn Kum'a Ndumbe III., eine der einflussreichen Stimmen Kameruns, den Sturz des Gaddafi-Regimes in Libyen mit der Zerstörung Karthagos durch die Römer im Dritten Punischen Krieg vergleicht oder den jüngsten Nato-Gipfel in Berlin mit Bismarcks Konferenz zur Aufteilung Afrikas von 1884, steckt darin jedoch mehr als der Wunsch, Aufmerksamkeit durch Provokation zu erlangen. Kum'a Ndumbe III. ist kein Buschkrieger, er machte einst Abitur in München und wurde in Frankreich in Geschichte und Germanistik promoviert und er unterrichtete jahrelang an der Freien Universität Berlin.

"Ich, Prinz der Bele Bele", sagt er und lässt den Blick langsam über die Köpfe seiner zwanzig Zuhörer schweifen, "Universitätsprofessor und Schriftsteller, der ich den Dialog gesucht, in dem ich zu Ihnen in Ihren europäischen Sprachen gesprochen habe, ich sage Ihnen nun: Es reicht!"

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