Deutsche Horrorfilme Jetzt fressen wir Berlin

Zombies kämpfen in Berliner Hinterhöfen mit schlecht gelaunter Bürgerlichkeit und Vampire streifen ums Berghain - ist das nicht spannender als der tausendste schlechte Highschool-Horrorfilm? Der US-Horror schwächelt - eine Chance für die Deutschen.

Von D. Kuhn

Gar nicht so lang ist's her, da verband man mit dem amerikanischen Horrorfilm nicht nur Schockeffekte und Gruseln, sondern gelegentlich auch subversive, kinoverändernde, ja politische Kraft. Davon ist nichts mehr übrig. Als Spielfeld für kreative Anarchisten ist der Horror tot - oder er befindet sich zumindest im Stadium der Schnappatmung.

Mit ihm scheint nicht gut Kirschen essen zu sein: Der deutsche Horrofilm "Rammbock" läuft am 9. September in den Kinos an. Darin fressen Zombies Berlin auf. Warum nicht?

(Foto: Filmverleih)

Trotzdem schauen nicht wenige junge Menschen immer noch die geistlos konfektionierte Gruselware an, die aus Hollywood kommt: endlose Fortsetzungen einer ohnehin schon fragwürdigen Grundidee, wie die "Saw"-Serie, oder zweite bis dritte Remakes von Genre-Klassikern à la "Nightmare on Elm Street", deren ursprüngliche Kraft mit jedem Neuaufguss unerreichbarer erscheint. Das Publikum mit dem Wunsch nach Schreckensbildern - es ist immer noch vorhanden, und es ist interessiert.

Könnten wir diese Lücke nicht füllen? Diese Frage haben sich deutsche Regisseure und Produzenten im Lauf der Jahre oft gestellt. Horror ist schließlich kein Hochglanz-Genre für teure Computereffekte, die nötigen Budgets wären aufzutreiben.

Und immer wieder macht ein Filmstudent es vor, wie man mit 15000 Dollar einen haarsträubenden Schocker hinlegt, der dann Millionen einspielt - zuletzt Oren Peli mit seinem "Paranormal Activity".

Weil es aber in den letzten Jahrzehnten bis auf vereinzelte Versuche nie einen deutschen Horrorfilm gab, traut das heimische Publikum dem deutschen Film auch keinen Horror mehr zu - ein Teufelskreis.

Warum warten?

Dieses Dilemma zu durchbrechen, sind jetzt gleich mehrere deutsche Filmemacher angetreten. In "Rammbock", ab 9. September im Kino, wird Berlin von Zombies aufgefressen. In "Wir sind die Nacht" treiben weibliche Vampire in der Hauptstadt ihr Unwesen - der Film kommt Ende Oktober. Und "2016 - Das Ende der Nacht", im Sommer großteils in Korsika gedreht, wagt sich an das philosophisch komplexeste Subgenre - den verzweifelten Überlebenskampf in einer postapokalyptischen Welt, wo der Mensch des Menschen Wolf wird.

Warum aber passiert das alles gerade jetzt? "Glück gehabt", sagt lapidar Dennis Gansel, Autor und Regisseur von "Wir sind die Nacht". "Interessierte Produzenten gefunden", sagt Marvin Kren, der Regisseur von "Rammbock". Natürlich hat es für Gansels Finanzierung eine Rolle gespielt, dass auch eine andere, überaus erfolgreiche Vampirsaga im Kino läuft. Und natürlich kennt Kren die "Angst, dass dem Kinozuschauer eine deutsche Produktion womöglich verdächtig ist, dass er amerikanische Filme vorzieht".

Aber warum sollte man dieses Vorurteil nicht überwinden können? Zombies in Berliner Hinterhöfen, umringt von schlecht gelaunter Bürgerlichkeit? Vampire im nächtlichen Clubtreiben rund ums "Berghain", wo es nicht ganz so spießig zugeht wie an amerikanischen Highschools? Schon die ungewohnte Umgebung sollte traditionelle Handlungsmuster verändern, Altvertrautes wieder exotisch scheinen lassen.

Wer den neuesten Thrill sucht, aber deutschem Horror aus Prinzip nicht traut, fällt nämlich im Zweifelsfall nur auf die aktuellste Liste aus Hollywood herein: Dort ist es Mode, originelle europäische Horrorfilme wie den spanischen "Rec" aufzukaufen und dann - schlecht besetzt und in Kalifornien nachgedreht - noch einmal neu auf die Welt loszulassen. Warum so lange warten?