Deutsche Gegenwartsliteratur:Big Lebowski und Klein-Vev

Monika Helfers Roman "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!" beginnt mit einer starken U-Bahn-Szene. Und damit, dass die Ich-Erzählerin sich in die Filmwelt der Brüder Coen hineinträumt. Das aber misslingt.

Von Meike Fessmann

Eine Szene in der U-Bahn bildet den Auftakt des Romans. Sie ist so etwas wie die Initialzündung, um die Handlung in Gang zu bringen, wobei Handlung nicht ganz der richtige Ausdruck ist. Monika Helfer entwirft einen Bilderbogen, lauter kleine Szenen einer imaginierten Familie. Als die Ich-Erzählerin voller Scham mit ansehen muss, was sich im U-Bahn-Waggon vor ihren Augen abspielt, kommen ihr sofort Film-Bilder und Schauspieler in den Sinn. Eine Mutter demütigt ihr Kind in Grund und Boden, sie fragt es aus: Wie es zugehe im neuen Haushalt des Vaters, ob es ihm dort besser gefalle als bei ihr, ob es seinen Vater überhaupt noch möge. Wobei das eigentlich völlig egal sei. "Die Frage lautet ja wohl, ob er dich immer noch mag. Jetzt, wo du noch zwei Halbschwestern hast, giltst du sicher gar nichts mehr."

Der kleine Roman, den die 1947 geborene österreichische Autorin Monika Helfer daraus entwickelt, hat nicht allzu viel zu tun mit einem Film der Brüder Ethan und Joel Coen, in deren Regie sich ihre Erzählerin die Geschichte vorstellt, weder mit "The Man Who Wasn't There", aus dem sie am liebsten die Nebendarstellerin Scarlett Johansson für die Rolle der Mutter besetzen würde, noch mit "The Big Lebowski", von dem sie den Namen des Helden übernimmt. "The Dude", so nennt sich auch der Mann, der irgendwann auftaucht, um die Mutter, der sie den Namen Sonja gibt, zu retten. Dass sie Rettung braucht, ahnt man schon in der U-Bahn-Szene. Ihre Not dürfte kaum kleiner sein als die des Kindes. Gleich zwei Mal zischt sie es mit der Aufforderung an, die dem Roman den Titel gibt: "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!"

Die Erzählerin nennt das Kind Vev, als Abkürzung von Genoveva, so hieß ihre eigene, blinde Großtante. Der Vater bekommt den Namen Milan, ein "verzweifelter Name", wie sie findet, er klingt nach "Greifvogel". Er ist ein kränkelnder Typ, hat nie länger gearbeitet, seine Mutter kommt aus vermögenden Verhältnissen und schickt ihm monatliche Zuwendungen. Fünf Jahre sind Milan und Sonja bereits geschieden, wenn die Geschichte beginnt.

Da ist sie längst mit The Dude zusammen, der sie eines Tages aufgelesen hat. Ab nun sei sie "seine Lady". Er bringt sie von den Tranquilizern und Antidepressiva weg und verordnet ihr Marihuana, das er selbstverständlich auch besorgt. Wie er sich überhaupt von morgens bis abends um alles kümmert, was Sonja braucht. Dafür wirft er sogar seine Kumpels aus der Wohnung, erpresst einen Bauunternehmer und bezieht eine schicke Dachgeschosswohnung mit ihr. Seinen Wunsch, sie zu retten, nennt er eine "Erleuchtung", dafür brauche man keine Religion.

Wie heißt Natalie, die "nette Brünette"? Richtig, sie heißt "Nati"

Monika Helfer, die Romane, Kinderbücher, Erzählungen publiziert, spielt erkennbar mit religiösen Motiven; mit dem Akt der Namensgebung, mit Franz von Assisi und Maria Magdalena, mit der Idee der Erlösung. Anders als ihr Mann, der Schriftstellerkollege Michael Köhlmeier, in dessen Schatten sie immer ein wenig steht, bettet sie in ihrem Roman die alten Mythen und Märchen in keinen historischen Kontext ein. Während er in seiner jüngsten Novelle, "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet", vom heiligen Antonius von Padua erzählt, entwickelt sie eine Gegenwartsgeschichte im Legendenton.

Es ist eine moderne Legende, die zwischen kurzen Momenten der Einfühlung und Formen der Distanzierung schwankt. Mal mit der Geste des Film Noir, mal mit dem Versuch, von der krachenden Komik des "Lebowski"-Chaos etwas Coolness abzustauben, mal in Ödön von Horváths Manier der Heroisierung der "kleinen Leute". Vev, die sich einmal im Monat mit der Mutter treffen muss, für die sie sich schämt, kommt mit ihrer neuen Familie gut zurecht. So wie ihr auch The Dude gefällt. Einmal bilden sie sogar zu dritt ein Familien-Idyll im Wiener Stadtpark. Und prompt läuft ihr ein Hund zu, der in ihrer anderen Familie für Ärger sorgt. Dem Vater nämlich geht er gehörig auf die Nerven.

Seine neue Frau ist Krankenschwester. Nach einer Nervenkrise hat sie ihn im Krankenhaus versorgt und sofort den idealen Hausmann in ihm entdeckt. Sie ist eine "nette Brünette", heißt Natalie, genannt Nati, und verhält sich so umsichtig, wie es sich ihre Töchter und der neue Mann nur wünschen können. Selbst, wenn sie mit dem Chefarzt ins Bett geht, hat er keinen Ärger zu erwarten, aus eigennützigen Gründen allerdings. Sie will sich ein Kind machen lassen, um es dem zeugungsunwilligen Milan unterzuschieben.

Vermutlich aus Sorge, zu gefühlig zu erscheinen, macht Monika Helfer mit der Einfühlung auf halber Strecke halt. Während die U-Bahn-Szene ihre Stärke gerade im überwältigenden Gefühl von Scham und Hilflosigkeit hat, verwässert der Bilderbogen die Wucht der Beobachtung. Gerade die Distanzierungsgesten erzeugen den Kitsch, den sie verhindern sollen. "Schau mich an, wenn ich mit dir rede!" ist sprachlich ohne Schnitzer, bedauerlicherweise aber auch ohne Dramaturgie. Man wünscht sich, die Autorin hätte auch in dieser Hinsicht etwas von den Coen-Brüdern übernommen.

Monika Helfer: Schau mich an, wenn ich mit dir rede! Roman. Jung und Jung Verlag, Salzburg und Wien 2017. 180 Seiten, 20 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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