Deutsche Besatzer in Frankreich "Groß, gepflegt und gut gebaut"

Eine kontroverse Studie erforscht die Besatzung in Frankreich "unter der Gürtellinie": Von den deutschen Soldaten sei ein "erotischer Schock" ausgegangen.

Von C. Wüllenkemper

Als Maréchal Pétain 1940 in Frankreich die Révolution nationale ausrief, war von der "blühenden Zukunft Frankreichs" nicht viel zu spüren. Einige Wochen zuvor hatte die deutsche Armee die französischen Stellungen in den Ardennen überrannt. Nach dem dritten Angriff innerhalb von 70 Jahren regierte in Paris im Mai 1940 wieder die Angst vor den boches. Allerdings zu Unrecht, wie der angesehene französische Publizist Patrick Buisson behauptet.

Propagandaplakat der deutschen Wehrmacht im besetzten Frankreich, 1940. Es zeigt einen deutschen Soldaten mit französischen Kindern und trägt die Aufschrift: "Im Stich gelassene Bevölkerung, vertraut dem deutschen Soldaten!"

(Foto: Foto: SV-Bilderdienst)

Die Soldaten der Wehrmacht hätten sich nämlich keineswegs als rücksichtslose Sieger und germanische Barbaren entpuppt. Ganz im Gegenteil: Buisson spricht in seiner Studie "1940 - 1945 - Die erotischen Jahre" (Albin Michel, 2008, 571 Seiten) von der Faszination, die die deutschen Soldaten in Frankreich auslösten. Der Begriff der französischen Männlichkeit sei gar auf der Flucht vor den deutschen Invasoren verlorengegangen.

Die zahlenmäßig führende Militärmacht Europas hatte angesichts der kämpferischen Überlegenheit der deutschen Einheiten innerhalb weniger Wochen kapituliert, und geschätzte acht Millionen Franzosen flohen von Panik getrieben in Richtung Süden. Für Buisson wirkte die militärische Übermacht der Deutschen wie ein "erotischer Schock" auf die Franzosen: "Die nordische Körperkultur hob die französischen Moralvorstellungen gehörig aus den Angeln. Die Deutschen zeigten sich ständig mit bloßem Oberkörper, beim Waschen am Dorfbrunnen oder beim Reinigen ihrer Waffen. Die Körper der deutschen Soldaten stifteten heillose Verwirrung in Frankreich - schließlich waren sie gepflegt, groß und gut gebaut."

Buissons Geschichtsbild über die "erotischen Jahre" unter deutscher Besatzung kennt keine Tabus. Hier ist von "müden Onanisten", vom "politischen K. O. und sexuellen Chaos" der französischen Nation die Rede. Die Propagandaplakate der Révolution nationale, die die Vergnügungssucht der Franzosen brechen und der Nation ihre Virilität wiederbringen sollten, zeigten ausschließlich blonde, hochgewachsene Menschen.

Die Schnittigkeit der deutschen Soldaten und der von den Nazis betriebene Körperkult habe nicht nur französische Dichter und Minister der Kollaborationsregierung ins Schwärmen gebracht, sondern auch und vor allem die französischen Frauen erfasst. Geschätzte 200 000 Kinder sollen aus deutsch-französischen Verbindungen im Krieg hervorgegangen sein. Diese Vergangenheit wirkt noch so sehr in die deutsch-französische Gegenwart hinein, dass der französische Außenminister Bernard Kouchner bei einem Besuch in Berlin unlängst für eine grenzüberschreitende Vereinigung der enfants de boches plädierte.

Buisson untersucht erstmals auch detailliert die homoerotische Dimension der "erotischen Jahre". Homosexualität sei unter den französischen Kollaborateuren überdurchschnittlich stark verbreitet gewesen. Der einflussreiche Erziehungsminister der Vichy-Regierung, Abel Bonnard, die sogenannte "Gestapette", verzichtete in kaum einer seiner Propaganda-Reden auf vieldeutige Anspielungen auf die großen und starken Körper der zukünftigen Franzosen nach nationalsozialistischem Vorbild. Schon bald habe der homosexuelle Bonnard als lebendiges Symbol der verlorenen Virilität der Nation gegolten.

Diese Tendenzen der Kollaboration mit dem ehemaligen Erzfeind Deutschland wollte man in Vichy, das sich doch den Slogan "Arbeit, Familie, Vaterland" auf die Fahnen geschrieben hatte, freilich bekämpfen. Anfang 1942 wurde per Gesetz die Mündigkeit auf 21 Jahre heraufgesetzt, um die "widernatürlichen Beziehungen zu unterbinden". Das stellte einen Bruch in der Sozialgeschichte des Landes da: Napoleons Code Civil hatte gleichgeschlechtliche Liebe nicht sanktioniert und Frankreich galt bis dahin vielmehr als liberaler Zufluchtsort. Aber auch unter Kommunisten und in der Résistance sei Homosexualität bald mit Unterwerfung, Kollaboration und Faschismus gleichgesetzt worden. Nicht umsonst habe sich bei Kriegsende eine homophobe Grundeinstellung in der französischen Gesellschaft entwickelt, die bis heute anhält.

Buissons Thesen riefen in Frankreich heftige Reaktionen hervor: Während Le Monde gegen die "Besatzung unter der Gürtellinie" wetterte, lobte das Magazin Le Point die "brillante Studie" als "überraschende Erleuchtung". Ähnliche Reaktionen hatte zuvor Jonathan Littells preisgekrönter Roman "Die Wohlgesinnten" über einen homosexuellen SS-Offizier bewirkt. Auch der Meister der historischen Bestseller, Eric-Emmanuel Schmitt, hat in seinem jüngsten Werk "Adolf H. - Zwei Leben" intensiv über das Liebesleben Hitlers spekuliert und damit zumindest einen kommerziellen Erfolg erreicht. Nationalsozialismus und Besatzung verbunden mit Sexualität stehen in Frankreich derzeit hoch im Kurs. Dabei sind die jetzt kursierenden Thesen nicht neu. Die vergnüglichen Seiten der Invasion sind seit der Kriegszeit bekannt und spätestens seit den achtziger Jahren auch in den einschlägigen Geschichtswerken nachzulesen.

Dennoch hat unlängst eine Ausstellung des kollaborierenden Propaganda-Fotografen André Zucca, die Bilder von glücklich flanierenden Menschen in der besetzten Hauptstadt zeigte, lautstarke Proteste beim Publikum und im Pariser Rathaus ausgelöst. Trotz der öffentlichen Forderung des sozialistischen Kulturbeauftragten, Christophe Girard, die Ausstellung "Paris sous l'occupation" umgehend zu schließen, weil sie den Besuchern einen falschen Eindruck der Besatzung vermittle, entschloss sich Bürgermeister Bertrand Delanoë dafür, die Schau weiter zu zeigen. Derartige Besucherströme hatte die Bibliothèque Historique de la Ville de Paris in ihrer fast 140-jährigen Geschichte nie gesehen.

In Frankreich ist man einerseits fasziniert von der Besatzungszeit und den Besatzern. Allerdings scheinen die unliebsamen Erkenntnisse über die Dimensionen der Zusammenarbeit mit den Deutschen noch längst nicht in das kollektive Gedächtnis vorgedrungen zu sein. Während das Gruseln vor dem Bösen und die Dekadenz der Nazis immer noch en vogue sind, ist man nicht bereit, die eigene Verankerung in diesem Schauspiel anzuerkennen. Man kann also den umstrittenen Thesen Buissons durchaus etwas zugutehalten: Er spitzt gekonnt und kenntnisreich alte Bruchstellen der Historiographie zu und wirft teils neue, freilich nur schwer zu beweisende Argumente in die Debatte.

Der Tenor, in dem Buisson die Niederlage der französischen Armee, die Krise der französischen Männlichkeit und die überwältigende Wirkung der deutschen Soldaten beschreibt, grenzt dabei allerdings an Sarkasmus. Immerhin übersieht er, dass innerhalb weniger Wochen 92 000 französische Soldaten im Kampf gegen die deutsche Blitzinvasion ihr Leben auf den Schlachtfeldern ließen - ein Verschleiß von Menschenleben, wie man ihn aus dem Kampf um Stalingrad kennt. Auch die Tatsache, dass sich die Einstellung der Franzosen zu den deutschen Besatzern spätestens nach deren Einmarsch in Südfrankreich im November 1942 radikal änderte, wird nicht erwähnt. Mehr als dass er ein neues Geschichtsbild aufwirft, verrät Buisson unbewusst einiges über die französische Selbstwahrnehmung. Und liefert einen weiteren Beweis für das damals und heute gespaltene Verhältnis der Franzosen zu den deutschen Besatzern.