"Deutsche Ausländer" Schlachtfeld Frau

Die Zahl der "Ehrenmorde" an türkisch-stämmigen Frauen nimmt in der letzten Zeit drastisch zu. Mit dem Islam haben sie wenig zu tun - aber viel mit Selbstausgrenzung. Von Werner Schiffauer

Die Ermordung der jungen Deutsch-Türkin Hatin Sürücü in Berlin konfrontiert uns mit einer erschreckenden Tatsache: Die Zahl der Ehrenmorde nimmt in der letzten Zeit drastisch zu, nachdem wir über die Jahre einen deutlichen Rückgang zu beobachten hatten.

Dieser Rückgang war oft nicht so deutlich, weil in der deutschen Öffentlichkeit die Tendenz existierte, jedes Familien- und Eifersuchtsdrama in türkischen Familien als Ehrenmord zu etikettieren.

Auch die Täter bringen bei derartigen Familiendramen manchmal Ehre ins Spiel, um sich zu rechtfertigen. Ehrenmorde jedoch wie derjenige in Berlin, Morde, die im Namen der Familie und unter Beihilfe von Familienmitgliedern ausgeführt wurden - in diesem Fall womöglich von den Brüdern Hatin Sürücüs -, waren selten geworden.

Bisher ging man davon aus, dass dem System der Ehre mit der Migration der Boden entzogen wurde. In den anatolischen, süditalienischen, albanischen oder arabischen Ländern war die bäuerliche Familie die entscheidende soziale, politische und ökonomische Einheit.

Sie arbeitete zusammen, hielt bei Konflikten zusammen und war bei sozialen Notlagen aufeinander angewiesen. Der Wert der Ehre reflektierte diese überragende Stellung der Familie. Er drückte ihre Unantastbarkeit aus.

Der Körper der Frauen symbolisiert die Ehre

Jeder Angriff auf die Familie verlangte Vergeltung. In besonderem Maße symbolisierte der Körper der Frauen - ihre sexuelle Integrität - die Ehre.

Jeder außereheliche sexuelle Kontakt stellte nicht nur die Ehre der Frau, sondern den ihrer gesamten Familie in Frage. Im Dorf war der Respekt vor der Ehre überlebensnotwendig: Man achtete die Integrität des anderen, denn jede Verletzung würde weitreichende Folgen haben.

Wer nicht auf seine Ehre achtete, wurde rasch ausgegrenzt - er konnte seine Kinder nicht mehr verheiraten, seine Töchter waren Freiwild und er hatte das Nachsehen in dörflichen Konflikten.

Auch im Dorf war man sich im Übrigen der Tatsache sehr bewusst, dass die Forderungen der Ehre nichts mit dem Islam zu tun hatten. Wenn Ehrkonflikte eskalierten und es Tote gab, wurde dies mit dem Satz kommentiert: "Hier ist vom Islam nichts geblieben."

Diese Bedeutung der Ehre relativierte sich mit der Migration in die türkischen Großstädte, vor allem aber mit der Migration nach Deutschland. In der urbanen Umwelt fiel der Zwang weg, sich gegen andere zu behaupten.

Ein schlechter Ruf war nach wie vor unangenehm - aber nicht mehr lebensentscheidend. Zudem waren die Einwanderer in der Stadt weit weniger auf die Familie angewiesen als im Dorf.

Mit dem größeren Spielraum des Einzelnen trat der Gedanke einer von allen Familienmitgliedern geteilten Ehre in den Hintergrund. Wenn jetzt von Ehre die Rede war, dann immer mehr in Bezug auf das Individuum.

Ein Verstoß gegen die Keuschheitsregeln fiel nicht mehr auf die Familie zurück, als ehrlos galt allenfalls das betroffene Familienmitglied.

Der Zwang, der im Dorf auf der ganzen Familie gelastet hatte, bei Ehrverletzungen aktiv zu werden, entfiel. All dies stimmt natürlich nach wie vor, was sich schon daran zeigt, dass trotz der hohen Zahl von zerrütteten Migrantenfamilien Ehrenmorde eine extrem seltene Ausnahme sind.

Allerdings geriet dabei aus dem Blick, dass es Orte gab, an denen der Ehrdiskurs - in modifizierter Weise - auch in einem urbanen Umfeld weiter lebte. Wichtig waren vor allem männliche Jugendgangs. In diesen Gruppen wurde der Gedanke der Ehre von der Familie auf die Gang übertragen. Ein Angriff auf einen war ein Angriff auf alle.