Design-Trend Willkommen in der neuen Steinzeit

Archaisch-barbarische Ästhetik im Flintstones-Look: Wenn unsere neuen Möbel aussehen wie aus Stein gemeißelt, steckt dahinter eine Utopie.

Von M. Zehentbauer

Designmessen kannte man bisher vor allem als glamouröse Orte, an denen makellose Endprodukte, auf Podesten drapiert, im gleißenden Licht der Scheinwerfer erstrahlten; oft standen die Designer dann eher unbeteiligt daneben. Neuerdings jedoch passiert es immer häufiger, dass sie ihre Möbel und Objekte hier selbst produzieren, während die Ausstellung schon läuft. Am besten, die Besucher machen gleich mit. Das sieht dann schnell aus wie auf dem Abenteuerspielplatz, und auch die Entwürfe passen dazu.

Den Titel seiner Serie "The Chankley Bore" hat der niederländische Designer Maarten Baas einem Nonsense-Gedicht entnommen. Mancher mag darüber den Kopf schütteln. Das Objekt selbst schüttelt die Faust. 

(Foto: Maarten van Houten)

Der Niederländer Maarten Baas etwa knetet aus synthetischem Ton grobschlächtige, comicartige Möbel, die bei Geröllheimers und Feuersteins im Wohnzimmer stehen könnten. Und das israelisch-japanische Duo BCXSY (Boaz Cohen und Sayaka Yamamoto) posierte mit umgehängten Lammfellen und angeklebten Bärten. "Willkommen in der neuen Steinzeit!", proklamierten sie vor ihrer Kollektion monolithischer Objekte, die aussehen wie aus Stein gemeißelt, aber aus gummibeschichtetem Schaumstoff bestehen.

Ein neuer Hang zum Atavismus

Tatsächlich fällt auf, wie viele aktuelle Möbelentwürfe klobig, scheinbar ungestaltet oder nachlässig zusammengezimmert sind, als ginge es den Designern darum, einen prähistorischen Urmoment der Gestaltung wiederzubeleben. Da gibt es Stühle, die aussehen wie Knochen; Sessel, deren Sitzflächen in Findlinge hineingefräst sind; sperrige Schreibtischleuchten aus unbehandelten Holzleisten, die von dicken Flügelschrauben zusammengehalten werden.

Woher kommt dieser neue Hang zum Atavismus? Ist er nur eine weitere, noch bizarrere Episode der sogenannten Design Art, die mit ihren konzeptionellen, ironischen Möbeln, limitierten Editionen und Unikaten längst Anschluss an den Kunstmarkt gefunden haben?

Auf den ersten Blick sieht es wirklich danach aus. Man kann die archaisch-barbarische Ästhetik durchaus auch als willkommenen Ausweg aus der perfekt glattgeschliffenen Welt verstehen, die unsere Vorstellung von Design seit den neunziger Jahren prägt. Auf den zweiten Blick allerdings zeigt sich, dass sich in diesen Steinzeitobjekten gleich mehrere, nicht notwendig miteinander verknüpfte Tendenzen des heutigen Designs vermischen: die Sehnsucht nach einer neuen Ursprünglichkeit; Konzepte der Nachhaltigkeit; die Versuche, Entwicklungsprozesse und Strukturen der Natur nachzubilden; das Do-it-yourself-Prinzip; und nicht zuletzt die Rückbesinnung auf alte handwerkliche Techniken.

Alle diese Aspekte fanden sich vor kurzem in einer Ausstellung mit dem Titel "Post Fossil" wieder, die die niederländische Trendforscherin Li Edelkoort in Tokio kuratierte. Eines der Exponate: der unförmige "Bone Chair" von Joris Laarman, der aussieht wie ein Knochengerüst und doch computergeneriert und aus Aluminium gegossen ist

Was wie Steinzeit aussieht, kann auch ein Hightech-Produkt sein

Der Niederländer nutzte dafür einen sonst beim Automobilhersteller Opel eingesetzten Algorithmus, der das naturgegeben effiziente Wachstum menschlicher Knochen in den Designprozess übersetzt und automatisch Material dort hinzufügt, wo Stärke benötigt wird, und wegnimmt, wo nicht. Was nach Steinzeit aussieht, kann eben auch ein Hightech-Produkt sein.

Dass viele von Laarmans Kollegen wieder auf archaische Materialien wie unbehandeltes Holz, Leder oder Ton zurückgreifen, ist dazu kein Widerspruch. Das holländische Studio Job entwarf gar ein Tafelgeschirr aus verrostetem Gusseisen. Noch weiter gehen die Schwedin Karin Frankenstein, die mit einer Masse aus Altpapier, Ton, Kuhmist und Kartoffelmehl Möbel baut, oder das italienische Duo Formafantasma, das für seine Gefäße Mehl, landwirtschaftliche Abfälle, Kalk und Wasser zusammenmischt, eingefärbt mit natürlichen Pigmenten wie Paprika- und Zimtpulver.

"Autarky" - so der Titel ihres Projekts - ist derzeit die Parole vieler Designer. Sie gestalten Möbel und Objekte, die als Modelle für die postfossile, postindustrielle Zukunft dienen können. "Postfossil", so heißt eine Schweizer Designgruppe, die Produkte aus besonders langlebigen und erneuerbaren Materialien entwickelt. Ihre teilweise naiv und archaisch wirkenden Entwürfe sind der sinnfällige Ausdruck ihrer Programmatik.

Dazu gehört auch der Workshop Chair des in Berlin lebenden Kanadiers Jerszy Seymour. Ein Stuhl aus einfachen Holzleisten, die mit Wachsklumpen miteinander verbunden werden. Wer möchte, kann sich die Leisten im Baumarkt besorgen, selbst zuschneiden und sich das künstliche Wachs, das bei 60 Grad schmilzt und leicht zu verarbeiten ist, zuschicken lassen.

Die Produktionsmittel sollen wieder in die Hände der Leute

"Wir wollen die Produktionsmittel wieder in die Hände der Leute geben", sagt Seymour, der wöchentlich zu Workshops in sein Studio einlädt. Das Do-it-yourself-Prinzip versteht er als Strategie, um sich von den Mechanismen der Industrie, des Marketings und des Kapitalismus zu befreien - und als Alternative zum Fetischcharakter des Designs.

Solche Konzepte sind nicht neu, wenn man an das Anti-Design der Achtundsechziger denkt, an die Matratzenlager, Holzpaletten und Apfelsinenkistenregale. Es ist kein Zufall, dass der finnische Hersteller Artek kürzlich Enzo Maris Sedia 1 wieder aufgelegt hat, einen ziemlich klobigen Entwurf aus dem Jahr 1974, der als Bausatz aus Kiefernbrettern, Nägeln und Anleitung geliefert wird.

Dennoch überrascht es, dass sich hinter den neuen atavistischen Tendenzen wieder so etwas wie eine Utopie verbirgt - und dass die von Sammlern so begehrte "Design Art" auf diese Weise eine Wendung hin zum realen Leben erfahren könnte. Nicht von ungefähr sind einige der scheinbar primitiven Möbel - etwa die von Jerszy Seymour und Max Lamb - ausdrücklich als Aufforderung zum Selbermachen gedacht.

So weisen die Designer, die sich auf die Suche nach ihren ursprünglichen Wurzeln machen, damit zugleich in eine mögliche Zukunft des Designs. Manchmal muss man erst drei Schritte rückwärts gehen, um wirklich voranzukommen.