Der Sturz der Statue Saddamt in alle Ewigkeit

Halb zog man ihn. Halb fiel er hin. Es wurde ein Lehrstück in politischer Ikonographie: Wie stürzt man eine Statue so, dass nur der Diktator symbolisch fällt? Von Bernd Graff

Es war einer der Augenblicke, in denen man schon zu sehen meint, wie der Mantel der Geschichte weht.

Hätte folgende Botschaft signalisieren können: Amerika schlägt die schreckliche Fratze der Diktatur. Wurde nicht so: Erst war diese Fahne drauf, dann war sie wieder weg. Dann kam eine andere Fahne. Aber auch sie musste wieder abgenommen werden.

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Und er sollte auch wehen.

Um ihn aber auch angemessen wahrnehmen zu können, braucht man allerdings einen gleichfalls historischen Akt.

Und weil der kriegerisch herbei geführte Sturz eines Diktators kaum in einem aufgeladenen Augenblick dargestellt werden kann, wenn man den gestürzten Diktator nicht mit aufs Bild bekommt, entlädt man das historische Muss der Situation stellvertretend in einem Symbol.

Da der ganze Irak, so auch Bagdad, mit Saddam-Konterfeien und -Statuen möbliert zu sein scheint, bietet es sich an, in eben jener Vertretung für den leibhaftig ausbleibenden Kriegsverlierer eine dieser metallenen, überlebensgroßen Saddam-Statuen zu stürzen.

Und dazu wählt man eines der ganz großen Saddam-Bildnisse - am besten im Zentrum der Stadt Bagdad.

Am Firdosplatz, in der Nähe des Journalisten-Hotels Palestine, haben einige, nicht wenige, aber auch nicht allzu viele Iraker in einer halsbrecherischen Aktion ein dickes Hanfseil um den stählernen Kopf der Diktatoren-Statue geknüpft.

Saddam, den Kopf in der Schlinge, das ist schon sehr bildmächtig. Doch wäre diese Schlinge vermutlich zerrissen, wenn man größere Kräfte, wie man sie zur Bewegung von Stahl und Eisen nun einmal benötigt, auf das Seil hätte einwirken lassen.

Darum kam der amerikanische Bergungspanzer sehr gelegen, der den symbolischen Sturz Saddams nun mit schwerem Gerät anging und darum die symbolische Strahlkraft dieses Ikonoklasmus´ empfindlich störte.

Warum und was störte?

Zum einen: Symbole, zumal in historischen Augenblicken, vertragen keinen Einsatz von Technologie. Wer sich etwa an den Berliner Mauerfall erinnert, denkt zuerst an die Bilder von den Menschen, die die Schreckens-Mauer erklimmen und überwinden oder an die Mauerspechte, die den Beton in Handarbeit abtragen. Man denkt erst danach an die Kräne, die den Mauer-Abriss zwar wesentlich effizienter, aber eben nicht symbolträchtig bewerkstelligen und nur aposteriori vollstrecken. Wir aber w/sollten ja live dabei sein.

Zum anderen: Das irakische Trauma, da kann man wetten, wird schon bald darin bestehen, dass die Amerikaner und nicht die Iraker selber die Insignien der verhassten Saddam-Macht beseitigten.

Denn wenn symbolische Handlungen einen kathartischen Effekt haben, dann nur für die Handelnden selber. Oder um es drastisch zu sagen: Iraker, die sich sozusagen von Amerikanern vormachen lassen müssen, wie man den Diktator, unter dem der Irak mehr als ein Vierteljahrhundert litt, professionell entsorgt, werden in ihrer künftigen Geschichte dieses Befreiungsdefizit bitter verspüren. Denn nicht sie, so die Botschaft, haben den Sturz dieses Regimes bewirkt, ja, es gelang ihnen nicht einmal symbolisch.

Die Amerikaner legten also zur schlaffen Hanfschlinge eine weitere aus Drahtseil um den Hals des stählernen Diktators, banden das andere Ende an einen Panzer und ...

... sie zurrten nicht fest. Der Panzer fuhr erst einmal nicht an. Denn irgend jemand hatte die Idee, dem ganzen Ensemble noch eine Amerika-Fahne mit zu geben.

Nur: wie befestigen?

So sah man also einen GI, der das nationale Tuch über das Gesicht Saddams band. Das sah allerdings aus wie das Leichentuch für eine schon kalte Leiche.

Und außerdem: Welche Botschaft vermittelt man denn der Welt und vor allem den Irakern, wenn man die Befreiung fahnentechnisch amerikanisiert, dabei aber in Kauf nimmt, dass der Stahlkoloss, wenn er denn einmal fällt, nun auch noch gemeinsam mit dem Amerika-Bandana im Orkus der Geschichte verschwindet.

Und das, wie gesagt, während die ganze weite Welt live mit zusieht.

Diesen absehbaren Fauxpas muss man auch bei den Amerikaner bemerkt haben. Denn der GI erklomm erneut die Büste und nahm das Sternenbanner wieder ab.

Dafür aber legte er nun eine irakische Flagge in die Hanfschlinge, die die Iraker zuerst angebracht hatten.

Darin erkannte man jetzt aber nur eine ebenso unglückselige Mischung aus Schlabberlätzchen und Krawatte - und die Welt durfte sich fragen, warum man US-seits Saddam erst noch auf Chevalier schminkt, bevor man ihn zu stürzen gedenkt.

Abgesehen davon, dass man jetzt - spiegelbildlich - den Irakern analog vermittelt hätte, dass mit dem Koloss auch ihre Nation gekippt würde.

Das aber sollte nicht die Botschaft dieses Sturzes sein.

Also musste der GI wieder ans Kinn der Büste, um wieder ein Nationentuch abzunehmen.

Dann aber ging´s los.

Der Panzer zog und Saddam knickte. Seltsam weich, fast gummimäßig dehnte sich das Erz, der Diktator stürzte, zuerst nicht ganz, aber beim zweiten Anlauf.

Einhelliger Jubel in der Menge, man betrampelte das gefallene Material.

Ein Glück, dass die Welt dabei zusah. Ein Glück auch, dass man auf alle Nationaltextilien zur Steigerung dieses historischen Aktes verzichtet hatte.

Ach so, letzte Erkenntnis: Der Diktator war dann doch sehr hohl!