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Schlafräume und Schlafzeiten: Die Soziologie des Schlafs

Denn sobald die Leute ihrem Beruf mit Eifer hingegeben sind, liegt ihnen am Essen und Schlafen weit weniger, als daran, dass sie's weiter bringen in dem, was ihres Amtes ist.

Heutzutage findet man in den meisten Wohnungen und Häusern separate Schlafzimmer. Das ist freilich eine relativ neue Errungenschaft. Noch im späten Mittelalter schliefen viele Menschen gemeinsam in einem Raum, der nicht nur zum Schlafen diente. Die Dienstboten schliefen häufig in der Nähe ihrer Herrschaft, um jederzeit zur Verfügung zu stehen. Ein eigentliches Schlafzimmer finden wir erstmals an königlichen Höfen. Berühmt ist der Schlafraum des französischen Königs Ludwigs XIV., der nicht nur die räumliche Mitte des Palastes, sondern so etwas wie das Herrschaftszentrum des Königreichs bildete. Das morgendliche "Lever du Roi" - der Empfang durch Seine noch im Bett ruhende Majestät - war das wichtigste gesellschaftliche Ereignis des Tages.

Die Einrichtung eines eigentlichen Schlafzimmers wurde dann von der adligen Oberschicht übernommen und erschien erst später in den bürgerlichen Häusern.

Schlafgelegenheiten waren früher sogar in Gaststätten zuweilen ein Problem. So wird von deutschen Badeorten des 17. Jahrhunderts berichtet, wo "aus Mangel an Schlafstellen die Hälfte der Gesellschaft nur bis Mitternacht schlief, während die andere Hälfte, die bis dahin den Vergnügungen nachging, alsdann zur Ablösung erschien".

Auf dem Land blieben die alten Schlafgewohnheiten noch lange erhalten. Es gibt einen Bericht über bretonische Bauern im 19. Jahrhundert, in dem unter anderem beschrieben wird, dass alle Familienmitglieder und Bediensteten in einem einzigen großen Bett schliefen. Durchreisenden Besuchern habe man gastfrei einen Platz im gemeinsamen Bett angeboten.

Die im 19. Jahrhundert zunehmende Distanzierung von Frauen und Männern ist auch aus den Schlafgewohnheiten ersichtlich.

In vornehmen Häusern hatten nun der Herr und die Dame des Hauses ein eigenes Ankleidezimmer, die Kinder ein Kinderzimmer. Es gab "das Zimmer der Söhne" und das der Töchter.

Waren die Schlafräume in älterer Zeit leicht zugänglich gewesen, so wurden sie nun abgeschlossener und gehörten immer mehr zum Intimbereich. Die sich ändernde Einstellung spiegelt sich auch in den Gasthäusern und Spitälern wider, wo Massenlager seltener und Einzelzimmer immer häufiger wurden.

Doch war nicht nur der Schlafort, sondern auch die Schlafzeit weniger starr festgelegt als heute. Es sind Abbildungen aus dem ausgehenden Mittelalter überliefert - beispielsweise Gemälde der flämischen Schule -, auf denen häufig Menschen zu sehen sind, die tagsüber neben Häusern, an Wegen oder auf Feldern schlafen.

Noch heute zeigen sich Reisende in Ländern wie Indien beeindruckt von den vielen Menschen, die tagsüber schlafend im Freien zu sehen sind. In Europa verbreitete sich hingegen immer mehr die Auffassung, dass sowohl zu gewissen Tageszeiten als auch an gewissen Orten nicht geschlafen werden sollte. So wird zum Beispiel das Schlafen auf Straßen und anderen öffentlichen Orten als ordnungsstörend empfunden.

In Großstädten wie Paris wird der Schlaf der Clochards unter den Brücken oder in Metrostationen gerade noch geduldet. Dagegen ist es aber auch für "feinere" Leute durchaus akzeptabel, in öffentlichen Verkehrsmitteln, wie in der Eisenbahn oder im Flugzeug, einzunicken.

Der Schlaf tagsüber, der für uns zum Inbegriff der Faulheit und Arbeitsscheu geworden ist, hat im 19. Jahrhundert in Iwan Alexandrowitsch Gontscharows berühmtem Roman "Oblomow" ein bleibendes literarisches Denkmal erhalten: "Das Herumliegen war für llja lljitsch weder eine Notwendigkeit, wie für einen Kranken oder für einen Menschen, der schlafen möchte, noch eine Zufälligkeit, wie für einen Müden, noch ein Genuss, wie für einen Faulpelz: es war sein normaler Zustand. Wenn er zu Hause war (und er war fast immer zu Hause), lag er stets im Bett und stets in dem gleichen Zimmer, wo wir ihn vorfanden, das ihm gleichzeitig als Schlafgemach, Kabinett und Salon diente."

Diese Übersicht entstand unter Zuhilfenahme von: A. Borbély, Der Schlaf im Wandel der Zeit. © 1984 Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, Stuttgart

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