Hatte er sich geirrt mit seinen Plänen? Würde die städtische Bürokraft ohne Word und Excel verzweifeln? In dieser Lage kam Hilfe von Ehefrau Dagmar, die mit Computern nichts am Hut hat, außer dass sie täglich damit arbeiten muss. Sie war bereit, im hauseigenen Hobbykeller einen Test zu fahren. Mit "Open Office", den kostengünstigen, Linux-basierten Büroprogrammen, die Hoegner als Alternative zu Microsoft auserkoren hatte. Sie arbeitete schon nach kurzer Zeit damit, als ob nie was gewesen sei. Da nahm, sagt Hoegner, "eine neue, Microsoft-freie Welt zum ersten Mal konkrete Gestalt an".

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Die Kunde der geplanten Rebellion kam bald auf verschlungenen Wegen auch bei Microsoft Deutschland an. Die Manager des Software-Giganten rechneten nach und stellen fest, dass hier 30 Millionen Euro auf dem Spiel standen. Da mussten sie, bei einem Jahresumsatz von weltweit 32,2 Milliarden, einmal kurz lachen. Jedoch hatte der Plan - und da wurde die Sache schon heikler - das Potenzial zum symbolischen Akt: als ein Wendepunkt, ein Vorbild für tausend Nachahmer, ein Fanal von unkalkulierbarer Bedeutung.

Also lachten sie dann lieber doch nicht, sondern schlugen im Hauptquartier in Redmond Alarm. Microsoft-Boss Steve Ballmer, der wilde Stier unter den US-Konzernchefs, entschloss sich zu einem dramatischen Schritt: Ende März 2003 unterbrach er seinen Skiurlaub in den Alpen, um sehr plötzlich und ohne größere Voranmeldeprozeduren bei Oberbürgermeister Ude persönlich vorzusprechen, drastische Rabatte anzubieten und vor unüberlegten Schritten zu warnen.

Hoegner war, Gott sei's geklagt, an diesem Tag im Urlaub. So verpasste er den historischen Tag, als der Goliath zum David kam und damit, ohne es zu wissen, seine eigene Niederlage besiegelte.

Der Blitzbesuch war so ungewöhnlich, dass er den Medien nicht verborgen blieb: Plötzlich blickt die ganze Welt auf den Münchner Stadtrat, eine kleiner Haushaltsbeschluss nahm die Dimensionen einer Schicksalsentscheidung an, und die Gegner von Microsoft, von denen es genug gibt, brachten im Internet die Foren zu Glühen: Sollte die Einschüchterungstaktik des Riesen wieder funktionieren? Oder würden wenigstens die tapferen Münchner durchhalten?

In jenen Tagen konnte es passieren, dass man als beliebiger Stadtbürger von fremden Amerikanern in der U-Bahn angesprochen wurde: Großartig, was ihr da vorhabt, ein Vorbild für uns alle, lasst euch nicht unterkriegen! Hoegner und sein Team waren mit einem Mal Hoffnungsträger geworden, was wiederum den Stadträten nicht verborgen blieb - und einen gewissen Stolz weckte. Hoegners Plan, vorher noch eine wacklige Angelegenheit, passierte die entscheidende Sitzung mit wehenden Fahnen.

"Ohne den Auftritt von Steve Ballmer bei Ude", grinst er heute, "wären wir wohl nicht durchgekommen."

Seitdem hat im Büro am Stachus ein neues Leben begonnen. Mit einem hüfthohen aufblasbaren Pinguin, dem Maskottchen der Linux-Software, tourte Hoegner den Sommer über durch die Abteilungen der Münchner Stadtverwaltung, um für die neue Software werben, Ängste zu zerstreuen, den menschlichen Faktor in den Griff zu bekommen.

Außerdem empfängt er jetzt regelmäßig Besuch von Firmenchefs und Computervisionären aus aller Welt, die ihn als einen der Ihren betrachten: Scott McNealy, Gründer, Präsident und Chief Executive Officer des Microsoft-Erzrivalen Sun etwa, oder Chris Stone, Vice Chairman von Novell Inc.

Zu sagen, dass jeder von Hoegners Schritten, Erfolgen und Rückschlägen seitdem unter verschärfter Beobachtung steht, wäre eine Untertreibung. Er hält Vorträge auf Computermessen wie der "Systems", er pflegt Kontakt mit der Stadtverwaltung von Paris, die gerade dabei ist, dem Münchner Beispiel zu folgen, auch in Frankfurt, Wien oder Bergen in Norwegen hat man Rat bei ihm geholt.

In München kann immer noch viel schief gehen - aber jetzt ist der Punkt erreicht, von dem an es kein Zurück gibt.

Vielleicht, aber das ist jetzt pure Spekulation, fühlt sich Hoegner ein wenig so wie sein Großvater am 11. Juli 1933. An diesem Tag wusste Hoegner sen., dass er mithelfen würde, ein neues, besseres Deutschland zu schaffen - aber nicht mehr in Deutschland selbst.

Über einen steilen Gamspfad war er bei Mittenwald aufgestiegen, der letzte Weg, der für die Flucht nach Österreich noch blieb. Ein Gewitter überraschte ihn und seinen loyalen Bergführer. Aber schließlich hatten sie den Grat erreicht, die Grenze, die Freiheit. "Wir sandten den Verderbern des Vaterlandes kräftige Flüche hinüber", schreibt Hoegner sen. in seiner Autobiographie. Dann stiegen sie Richtung Österreich ab, die Nacht brach herein, der Weg war gefährlich, aber Hoegner dachte nur daran, dass Machtverhältnisse nicht ewig währen, dass die, die noch unbesiegbar erschienen, nicht für immer triumphieren durften, dass er zurückkehren werde, um wieder alles besser zu machen.

Zwölf Jahre, zwei Monate und siebzehn Tage später wurde er, auf direkten Befehl von General Dwight D. Eisenhower, bei Nacht und Nebel zum bayerischen Ministerpräsidenten ernannt.

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(SZaW. v. 20./21.2004)