"Der große Krieg" von Adam Hochschild Verblendet bis zum Wahnsinn

In schockierender Anschaulichkeit erzählt Adam Hochschild von der Grausamkeit des Ersten Weltkriegs. Das 500-Seiten-Werk "Der große Krieg" zeigt kein neues Bild - wühlt aber trotzdem auf und schockiert.

Von Stephan Speicher

Am Vormittag des 25. September 1915 begannen britische Truppen einen Angriff auf die deutsche Front bei Loos in Flandern. Etwa 10 000 Soldaten marschierten "in großer Breitenausdehnung" auf den Gegner zu. Ein deutscher Bericht schrieb später: "Die Richtschützen an den M. Gew. leisteten die sauberste Arbeit, die sie je geleistet haben . . . die Schlösser schwimmen im Öl . . . Von links nach rechts, von rechts nach links; 12 500 Patronen speien allein unsre M. Gew!"

Die wenigen Briten, die überhaupt bis zu den deutschen Drahtverhauen gelangt waren, mussten dort kehrtmachen. Als sie sich zurückzogen, hörten die Deutschen auf zu feuern. "Meine Maschinengewehrschützen waren so voller Mitleid, Betroffenheit und Ekel", sagte später ein deutscher Kommandeur, "dass sie sich weigerten, auch nur einen einzigen Schuss abzugeben."

Einen anderen Angriff an diesem Tag führten die Northumberland Fusiliers. Ihr Kommandeur hatte befohlen, dass "der Angriff nach echter nothumbrischer Manier mit dem Bajonett geführt wird". An die 10000 Soldaten rückten unter Hurra-Rufen vor. Noch 100 Meter von den deutschen Drahtverhauen entfernt, eröffneten die feindlichen Maschinengewehrstellungen das Feuer. Die Männer, so ein britischer Bericht, fielen "wie Getreide vor der Sense". Die Briten verloren 8000 Mann: gefallen, verwundet, vermisst.

Ein Jahr später eröffnen die Briten die große Offensive an der Somme. Am ersten Tag, dem schwärzesten der britischen Militärgeschichte, starben mehr als 20 000 Mann. Es war das gleiche grauenvolle Bild. Die Angreifer verbluteten im Maschinengewehrfeuer. Seit zwei Jahren war das die beherrschende Tatsache an der Westfront, nachdem der Krieg sich festgefressen hatte: Gegen MGs und Stacheldraht kam keine Offensive an. Und doch wurde sie Mal um Mal befohlen. Die Soldaten machten mit.

Für den ersten Tag der Sommeschlacht hatte der Befehlshaber des 8. East Surrey Battalion jedem seiner vier Züge einen Fußball spendiert und dem Zug einen Preis versprochen, der den Ball bis zum deutschen Graben träte. Ein Zug schrieb auf den Ball: "Der große Europacup / Das Finale: East Surreys gegen Bayern."

Loyalität und Rebellion

Das sind drei der Geschichten, die Adam Hochschild über den Ersten Weltkrieg erzählt. Hochschild lehrte Journalismus in Berkeley, er ist mit Büchern über den Kongo-Freistaat und über den Kampf gegen die Sklaverei bekannt geworden. Sein neues Buch ist deutsch als "Der große Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg" betitelt. Das führt ein wenig in die Irre. Hochschild konzentriert sich auf die Haltung zum Krieg, wie es der amerikanische Untertitel andeutet: "A Story of Loyalty and Rebellion". Dabei richtet er den Blick auf Großbritannien. Die anderen kriegführenden Staaten kommen nur vor, wo es unumgänglich ist.

Das Leuchten vor dem Krieg

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Die Rebellen, von denen Hochschild berichtet, sind die Kriegsgegner. Mehr als irgendwo sonst meldeten sie sich in Großbritannien, dem politisch fortgeschrittensten Land, zu Wort. Ihren Vorkämpfern - viele von ihnen waren Frauen - gehört Hochschilds Bewunderung, dies umso mehr, als sie auch unter den Briten eine kleine Minderheit waren, von der Mehrheit angefeindet, oft genug auch bedroht.

Die Arbeiterbewegung hatte sich vor dem Krieg als große Kraft für den Frieden gezeigt, während der Julikrise 1914 gab es Friedenskundgebungen in ganz Europa. Doch als die Heere sich in Bewegung setzten, da zeigten sich die Bevölkerungen in der übergroßen Mehrheit loyal mit ihren Soldaten. Ein Kongress von Gewerkschaftsdelegierten, die zwei Millionen Mitglieder vertraten, stimmte noch 1917 in Manchester mit 5:1 dafür, den Krieg bis zur völligen Niederlage Deutschlands weiterzuführen.