"Der große Gatsby" im Kino Oh oh, falsche Party

Baz Luhrmann dreht Filme als Ansturm auf die Sinne. Unter seiner Regie ist aus F. Scott Fitzgeralds Sehnsuchtsroman "Der große Gatsby" ein Orkan der Bilder mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle geworden. Aber sie nehmen jeder Sehnsucht den Raum. Und genau das ist das Problem.

Von Tobias Kniebe

Overkill ist gar kein Ausdruck. Hip-Hop-Monsterbässe, die direkt in den Bauch fahren, Gedränge knapp vor der Massenpanik, Bleikristallglitzern, Konfettiwolken, Champagnerregen in 3D. Tausend Bühnen für Selbstdarsteller bietet diese Party, mit Laufstegen über dem Swimmingpool und Breitwand-Orchester und zuckenden Leibern auf den wildgeschwungenen Freitreppen. Jeder ein Performer und Gaukler und Überflieger, manche sogar wirklich an Seilen schwingend, rauschhaft über den Massen. Und zum Höhepunkt des Abends, hinter sich ein donnerndes Feuerwerk, dreht Leonardo DiCaprio sich zur Kamera um, darf endlich sein Gesicht zeigen und sein schönstes Strahlegrinsen, und sagen: "I'm Gatsby."

Okay. Hallo auch. Wenn Sie es sagen.

Wobei die Szene, schon in diesem Moment, merkwürdig auf der Kippe steht. Denn einerseits ist der australische Regisseur Baz Luhrmann natürlich ein Meister des Overkills, ein Magier der Massenchoreografie. Das war schon in "Romeo & Julia" so, seinem ersten Husarenstück mit DiCaprio: Pimp up my Shakespeare, synchronisiert zu Hip-Hop-Beats. Das ging weiter mit "Moulin Rouge", wo er das Pariser Varieté auf Festzeltformat brachte, eine Art Oktoberfest des Cancan. Im Feierwahn, im Ansturm auf alle Sinne, im Tohuwabohu der Entgrenzung ist dieser Regisseur ganz bei sich. Das kann er wie kein zweiter. Und findet dann, im Auge des Orkans gewissermaßen, auch wieder eine wunderbare Intimität. Wenn es funktioniert, funktioniert es perfekt.

Andererseits gibt es, inmitten all der Übertreibung und Übersteuerung und Ironie, hier auch eine ernstzunehmende Aufgabe: Leonardo DiCaprio muss wirklich der große Gatsby sein. Und zwar bis hinein ins Mark seiner Knochen: Enigma und Mythos und Legende, Symbolfigur für all die unerfüllbaren Hoffnungen, die im Grunde doch jeder kennt. Fällt nur der Schatten eines Hauchs eines Zweifels über diese Szene, sieht man auf einmal Bräunungscreme, unregelmäßig aufgetragen, sieht Verspannung und Nervosität in diesem Lächeln, spürt geradezu Panik in diesem Feuerwerk aufsteigen, das zur Unterstützung losballert und dann doch nicht wirklich helfen kann. Es ist der Moment der Entscheidung. Die dann, zumindest für diesen Kritiker - der wirklich glauben wollte, der alle Hoffnungen geteilt hat und unbändige Lust auf einen neuen Gatsby hatte, dazu auf Luhrmann und DiCaprio, wiedervereint - nicht gut ausgeht. Leider.

Aufwändige Mode im Mittelpunkt

"Der große Gatsby", der nächste Woche im Kino anläuft, bringt die 20er Jahre auf die Leinwand - und damit auch aufwändige Kostüme. Vier der schönsten Filmroben werden nun ausgestellt. Die Designerin darüber, wie schwierig ihre Arbeit war und warum uns die 20er so faszinieren. mehr ...

Schon bei F. Scott Fitzgerald, der auch hier der Vater aller Dinge ist, präsent in allen Voiceovers und Dialogen, die sein dünner Roman überhaupt hergibt, balanciert dieser Gatsby ja auf einem hauchdünnen Grat. Jederzeit könnte er abstürzen, ins Überdeutliche, peinlich Ostentative, in die lachhafte Obsession des Freaks. Und doch ist da diese Zartheit in allem, was man nur ahnt, was Andeutung bleibt, und Leerraum, in den man sich mit Gatsby hineinträumen kann. Robert Redford, den man jetzt auch nicht in den Olymp der Verklärung heben muss, hat gerade diese Balance in Jack Claytons Verfilmung von 1974 erstaunlich gut hinbekommen.

Luhrmann und DiCaprio dagegen machen jetzt wirklich die Räume dicht. Das grüne Licht am Bootssteg von Daisy Buchanan, das über die Bucht scheint und Gatsbys ewigem Sehnen die Richtung weist, war ja immer schon zum Greifen nah - jetzt aber greift in einer Szene Gatsby wirklich danach. Und dann rast die Kamera, digital entfesselt, wie sie inzwischen ist, doch wirklich gedankenschnell über die ganze Bucht und in das Herrenhaus der Buchanans hinein, wo eine neue Choreografie beginnt. Lässt eine Distanz, die sich so kraftmeierisch-demonstrativ überwinden lässt, noch Sehnsucht zu? Das ist jetzt wirklich eine gute Frage.

Lügner und Kontrollfreak

Und DiCaprio, der ja in letzter Zeit ohnehin mehr zum Obsessiv-Verzweifelten tendierte, als innerlich zerrissener J. Edgar Hoover oder als Gefangener auf "Shutter Island" etwa, betont diese Seite des Gatsby, wo er nur kann. "Die außergewöhnliche Gabe der Hoffnung", von der Fitzgerald schreibt, sie müsste ja doch auch etwas Leichtes, Sorgloses und Unbeschwertes haben. Davon spürt man hier fast nichts mehr. Die finsteren Seiten, die natürlich auch schon immer da waren, treten dafür umso mehr in den Vordergrund - der Lügner und Kontrollfreak, der nicht einmal mehr der geliebten Frau noch die Freiheit lassen kann, sich ohne brutalen Druck für das gemeinsame Glück zu entscheiden.

Beim "Gatsby" von 1974 war es Francis Ford Coppola, der sich für zwei Wochen in ein Pariser Hotelzimmer einschloss, um seine Fitzgerald-Adaption rauszuhauen. Er war mäßig motiviert, ein Geldjob als Drehbuchschreiber, hat er später zugegeben - der "Pate" stand gerade kurz vor dem Kinostart, sein weiteres Schicksal als Regisseur noch in den Sternen. Aber gerade der Pragmatismus und die Lässigkeit, die in Coppolas Drehbuch von damals stecken, erweisen sich jetzt dem obsessiven Gefrickel des Baz Luhrmann, der über Jahre gefeilt und dabei seine Starttermine immer wieder verpasst hat, doch als überlegen.