Von Fritz Göttler

Über die Liebe eines Triebtäters zu einem Vergewaltigungsopfer erzählt das Psychodrama von Matthias Glasner. Der Film mit Jürgen Vogel und Sabine Timoteo in den Hauptrollen startet am Donnerstag.

Ausgerechnet Theo. Den Namen eines der beliebtesten Helden des jungen deutschen Kinos, eines Inbegriffs filmischer Dynamik, muss der Held dieses Films von Matthias Glasner tragen. Ausgerechnet Theo, und dann auch noch Theo Stoer.

Der aus der Haft entlassene Vergewaltiger Theo (Jürgen Vogel) trifft auf Nettie (Sabine Timoteo), die Zeit ihres Lebens missbraucht wurde. Ihre wachsende Liebe zueinander stoesst immer mehr an die Grenzen des eigenen Willens. (© Foto: ddp)

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Theo hat einen Job als Küchenjunge, in einer kleinen deutschen Stadt an der Ostsee. Er ist denkbar frustriert, unbeherrscht, erregbar, gewalttätig. Das alles zeigt sich gleich in den ersten Minuten des Films. Theo schmeißt hin, rast hinaus ins Freie, trifft eine einsame Radlerin in den Dünen, packt sie, bindet sie, schlägt sie, vergewaltigt sie. Die Kamera bleibt viele Minuten lang nah dran.

Es ist eine harte Szene, die den Film prompt ins Gespräch gebracht hat - damals im Februar, als er auf der Berlinale im Wettbewerb lief, und eigentlich auch schon Tage davor. Der erwartete Skandal blieb aus, aber seine Da-muss-man-durch-Attitüde trägt der Film seitdem energisch vor sich her - was für die Zuschauer gilt, einerseits, aber auch für die Filmemacher.

Die Einsamkeit des Treibtäters als Horrotrip

Immer wieder ist, wenn sie von diesem Projekt sprechen, von Entschlossenheit die Rede, vom Mut, eine Vergewaltigungsgeschichte zu erzählen und die Opfer darin zu ignorieren, ihre Bereitschaft, sich auf den Täter zu konzentrieren und den Blick dabei keinesfalls abzuwenden.

Das ist ein wenig wie das Singen im Wald, um eigene Bedenken zu vertreiben - eine merkwürdige Unsicherheit angesichts dessen, was das Kino kann und soll. Gerade weil jeder sich hier vor Spekulation hüten will - die doch wesentlich zum Kino gehört -, fällt der Film immer wieder ins Spekulative.

Theo muss in den Maßregelvollzug, wo er neun Jahre behandelt wird. Danach wird er wieder freigelassen, wird einem Betreuer zugeteilt, versucht sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, das heißt vor allem seinen Körper - durch Krafttraining, Kampfsport, Klimmzüge. Er kriegt einen neuen Job, in einer Druckerei, wo er dann Nettie begegnet, der Tochter des Chefs. Die sieht sich von ihrem Vater stark unter Druck gesetzt, in einer Beziehung zu Theo sieht sie die Möglichkeit einer Befreiung.

Für Theo könnte es eine Chance sein, seinen Trieb zu beherrschen. Aber die Phantome werden nicht verschwinden, sie lauern überall, übergroße laszive Plakate mit Frauen an den Wänden. Am Ende bleiben viele Fragen offen: Soll man nun Verständnis haben für den Täter, sein Getriebensein, seine Masturbationsexistenz? Was sagt uns der Film über Liebe, die Freiheit des Willens, Erlösung? Und welche Rolle spielen die Frauen in dieser Welt - schlagen sie am Ende eines Tages zurück?

Die Einsamkeit des Triebtäters ist inszeniert als ein Horrortrip. Aber dieser Inszenierung fehlt die Präzision und eine klare Vorstellung, wie Kinoerzählen funktioniert, deshalb schwankt er immer wieder von der Analyse einer gesellschaftlichen Situation ins schrecklich allgemein Menschliche - wo sich Jürgen Vogel dann völlig verausgabt.

Schlimme Momenten der Selbstdarstellung

Ein Film, der sich am Ende hinter Parolen und Ankündigungen versteckt, einem Dickicht des Gutgemeinten. Und der ein wenig frivol das Prinzip der Unmittelbarkeit preist, den instinktiven Zugang. "Instinktiv fühlte ich: Reines Handwerk führt jetzt nicht weiter, aber wenn wir das durchleben, dann kommen wir näher ran." Nicht durch seine Exzessivität verliert "Der freie Wille" seine Glaubwürdigkeit, sondern durch solche Sätze seines Regisseurs. Kein amerikanischer B-Film-Regisseur würde derart respektlos von seinem Handwerk reden.

Das Handwerk des Erzählens, das ist auch eine Frage der Distanz und Diskretion. Die beiden Hauptakteure sind viel zu nah dran am Geschehen, Jürgen Vogel als Theo und Sabine Timoteo als Nettie, und ihr emotionales Involvement führt schließlich ins Heulen und Schluchzen, zu schlimmen Momenten der Selbstdarstellung. Jürgen Vogel ist mit Leib und Seele dabei - die Effekte solchen Aus-dem-Bauch-Spielens kann man gerade auch in "Emmas Glück" erleben, und ein paar weitere Filme stehen in diesem harten Herbst noch bevor.

Mit Method -Acting - wie es bisweilen zu lesen war - hat das ziemlich wenig zu tun, das ist eine sehr konzentrierte, im Grunde sehr artifizielle Angelegenheit. Man kann den Unterschied ganz gut beobachten in den Szenen mit Manfred Zapatka - er spielt Netties Vater, mit kühlem Verstand und Interesse an der Figur. 1983 hat er einen knallharten Zuhälter verkörpert in "Utopia" von Sohrab Shahid Saless, das war ein wirklich verstörender, kluger Film über die Unterdrückung der Frauen, über Gewalt gegen Frauen und unseren Blick darauf.

DER FREIE WILLE, D 2006 - Regie: Matthias Glasner. Buch: Matthias Glasner, Judith Angerbauer, Jürgen Vogel. Kamera: Matthias Glasner. Schnitt: Mona Bräuer, Julia Wiedwald. Mit: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, Manfred Zapatka, André Hennicke, Judith Engel, Frank Wickermann, Andreas Laurenz Maier, Anna Brass, Bernadette Büllmann, Anna De Carlo. Kinowelt, 163 Minuten.

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(SZ vom 24. August 2006)