Der Ex-Böhse-Onkelz-Kopf und die Charts Doppelzüngige Monster

"Wir zeugen Krieger": Auf seinem Top-Ten-Album flirtet EX-Böhse-Onkelz-Kopf Stephan Weidner mit dem Bösen.

Von Jens-Christian Rabe

Die Pop-Charts sind doppelzüngige Monster. Mindestens. Sie sind es immer gewesen. Und im Zeitalter des Musik-Downloads und Klingelton-Wahnsinns sind sie es wahrscheinlich sogar noch ein bisschen mehr.

böhse onkelz ap

Das waren die Böhsen Onkelz früher (Stephan Weidner ganz rechts) ....

(Foto: Foto: ap)

In diesen Charts, die nicht mehr, aber eben auch nicht weniger sind als eine Liste der meistgekauften Musik - in diesen Charts kann es sein, dass in der einen Woche ein Titel oder ein Album ganz oben steht, das es tatsächlich schafft, die Popmusik ein ganz klein bisschen neu zu erfinden. Einen nie gehörten Beat zu konstruieren, eine Stimme, eine Melodie, eine Band und einen Sound so clever und originell zu arrangieren, dass auf einen Schlag, den Hit, zusammenfällt, was eigentlich undenkbar scheint: Qualität und Massengeschmack. Das ist, wenn es gut läuft, das Wunder des Pop. Amerikanischen R'n'B-Produzenten etwa wie Timbaland oder den Neptunes ist dieses Wunder zuletzt immer wieder gelungen.

Wenn das Wunder ausbleibt, dann spült es braven Schlager-Pop aus der Werkstatt Bohlen nach oben, Klingelton-Vorlagen wie den ultrasynthetischen "Kuschel Song" - oder, wie in der vergangenen Woche, die deutsche Gaga-Techno-Band Scooter auf den ersten Platz der sagenumwobenen britischen Album-Charts, auf deren erste Plätze doch für alle Popologen und Zeiten die Beatles hinzugehören schienen oder wenigstens die Rolling Stones. Auf jeden Fall keine deutsche Band, deren blondierter Sänger zu stumpf hämmernden Synthie-Beats "Hyper Hyper" grölt oder: "The Question is what is the Question?" Ein Blick in die Charts erspart einem da ganze Urlaubsreisen, so viel mehr lernen kann man plötzlich über ein Land.

Wille, Waffen W zwo drei

Die kleine Schadenfreude über die seltsamen Vorgänge auf der Insel währte freilich nicht lange. In den deutschen Alben-Charts stieg nämlich gleich hinter dem neue Madonna-Album die erste Solo-Platte Stephan Weidners ein, des ehemaligen Kopfes der 2005 aufgelösten Rockband Böhse Onkelz. Der 44-jährige Bassist, Texter und Sänger nennt sich als Musiker Der W., die Platte heißt "Höher, schneller, Weidner". Dass es sie in diesem Jahr geben würde, diese Meldung ging schon vor einigen Monaten herum, aber da konnte man noch hoffen, drumherum zu kommen.

Die Böhsen Onkelz wurden in den frühen achtziger Jahren erstmal nur bekannt, weil sie im kahlrasierten Skinhead-Look Rocksongs spielte, die "Türken raus" hießen oder "Deutschland den Deutschen".

1986 wurde ihr Album "Der nette Mann" wegen neonazistischer, gewaltverherrlichender und sexistischer Inhalte von der Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Schriften indiziert. Später distanzierte sich die Band von ihrer Vergangenheit und verkaufte in den neunziger Jahren mehrere Millionen Platten. Ihren schlechten Ruf in den Medien wurde sie nie wirklich los. Musik- und Radiosender boykottierten ihre Veröffentlichungen hartnäckig. Eine letzte Aufregung gab es, als 2005 das Landeskriminalamt Brandenburg Anzeige erstattete, weil die Gruppe beim Abschieds-Open-Air-Konzert auf dem Lausitzring vor über 100 000 Zuschauern verbotene Lieder gespielt haben soll. Dann war Schluss.

Ende April diesen Jahres, pünktlich zum Solo-Album, erschien ein Interview mit Stephan Weidner im Spiegel. Eloquent präsentierte er sich da wieder als starke Stimme der Schwachen und wütender Missverstandener, dessen Distanzierungen von Rechts von der Öffentlichkeit totgeschwiegen oder gar nicht erst geglaubt worden seien: "Man wollte uns keine Bewusstwerdung zugestehen."

"Wir zeugen Krieger"

Es hätte gut sein können damit, der jüngste Verfassungsschutzbericht listet drängendere Probleme mit ideologisch unzweifelhaft fragwürdiger Popmusik. Die landet allerdings nicht auf Anhieb ganz vorne in den Top-Ten. "Höher, schneller, Weidner" schaffte es sogar ohne die eigentlich unverzichtbare Hilfe eines der vier großen Musikkonzerne beim Vertrieb.

Was dann ein Blick in die überraschend ungelenk gesungenen und gesprochenen Texte offenbart, ist doch weit ambivalenter als die im Grunde unmissverständlich unverfänglichen Interview-Aussagen des Frankfurters.

Über einer musikalischen Mischung aus professionell breitbeinigem, hartem Standard-Gitarrenrock und seichten Klavier-Balladen raunt es schwer. In "Bitte töte mich" etwa heißt es in der zweiten Strophe unvermittelt und gar nicht subtil an den Titel des Riefenstahl-Propagandafilms angelehnt: "Es triumphiert der Wille". Und um so bizarrer mutet danach im selben Song die wirre Allmachtsphantasie an: "Sind hier drin 1000 Grad / Oder ist es Fieber / Wir tauschen unsre DNA / Und wir zeugen Krieger". "Waffen & Neurosen", "Geschichtenhasser" oder "Der W zwo drei" heißen andere Lieder, gerne wird immer wieder überdeutlich das R gerollt.

Für sich genommen sind das alles Marginalien. In der Häufung denkt man allerdings bald an das spöttische Kippenberger-Bild mit den vielen wild verschachtelten Balken: "Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen".

Das eigentlich Beunruhigende daran ist aber natürlich nicht die Existenz dieses Albums. Das eigentlich Beunruhigende ist, dass das irre Lutschen am Tabu im Pop immer wieder funktioniert. The Kids are not allright.