"In Chains" und "Wrong" sind als Eröffnungslieder zwei neue Kraftpakete. "Wrong" springt einen dabei an wie einer dieser drastischen Dinger aus der mittleren Periode, als Martin Gore besonders elektrifizierende Lieder schrieb. Gemessen daran ist das restliche analog verschachtelte Material des neuen Albums "Sounds Of The Universe" von erstaunlich altmodischer Hinterfotzigkeit, wenn auch zum Glück nicht so irre langweilig wie das neue Werk der anderen übriggebliebenen Band der 80er-Jahre, der Journalisten-Lieblingsgruppe Pet Shop Boys, die einem mit ihrem fadendünnen Getucker inzwischen arg auf die Nerven gehen kann. Von Depeche Mode kann man getrost sagen, dass sie ihre rumpelnd durchs All donnernde Künstlichkeit als eines der wenigen wichtigen Exponate der verheerenden 80er Jahre mit Würde über die Zeit gebracht haben.

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Musik für die Massen

Im Vergleich zu den Pet Shop Boys sind Depeche Mode auch immer schon Musik für die Massen gewesen, und trotz der Verankerung in der Clubszene und des ganzen Verkleidungsarsenals, das an androgyner Zeichensprache immer noch einiges zu bieten hat, war dies immer auch explizit heterosexuelle Stadionmusik. Sonderbar, wie die Musiker nun in Tel Aviv die durch Klassiker wie "Never Let Me Down" und "I Feel You" hochgepeitschte Stimmung immer wieder dämpfen: durch Songs wie "Fly On The Windscreen" etwa, der die verschachtelte Kälte früher 80er-Pioniere wie Deutsch Amerikanische Freundschaft transportiert, auch aber durch teils doch erhebliche Pausen zwischen den Liedern, die sich während der Tournee mutmaßlich verkürzen werden.

Der große Moment, der Humus für den sagenhaften Erfolg von Depeche Mode - das ist die Trance. Auf ihr beruhen Klassiker wie "Personal Jesus" oder "In Your Room", in das Martin Gore an diesem Abend seine E-Gitarre hineinfahren lässt wie beim Progressive Rock Contest. Diese explizit Depeche-Mode-artige Trance ist dabei immer eine der philosophischen Andeutung wie im zauberhaften "Walking In My Shoes", nie eine der religiösen Übertreibungen wie bei U2 und ihrem Oberschreihals Bono Vox.

Große Momente der Trance

Man merkt an diesem Abend in Tel Aviv, mit welcher Inbrunst die vielen Fans die sehnsuchtsvoll um Identität, Frieden und Freundschaft kreisenden Refrains der Band quasi entreißen und selbst anstimmen. Alleine dann, wenn Depeche Mode die Dinge zu deutlich benennen, entsteht zwischen Bühne und Publikum plötzlich ein Vakuum: "Peace will come to me" singt Gahan, einen eigentlich wirklich schönen Song der neuen CD, der aber plötzlich unterlegt wird mit Bildern berühmter Friedensdemonstationen. Da wird schnell deutlich, dass ein junges Publikum, das zu großen Teilen kriegserfahren ist und bleiben wird und überhaupt nur unter sehr erheblichen Sicherheitsmaßnahmen zu einem solchen Konzert zusammen kommen kann, dass all diese Menschen in Tel Aviv tagespolitisch gemeinte Einmischungen von einer Gruppe grundsätzlich sorgenfreier Rockstars aus England nicht besonders hilfreich findet.

Depeche Mode sollten bleiben, wo sie hingehören und auch an diesem Abend furchtbar bewegend sind: in ihren eigenen Sphären, im All. Als kauzige Londoner Astronauten schauen sie auf uns herab und senden trostreiche Signale: Wir sind nicht allein. Da oben ist Leben. Unter Helm und Astronautenschale: Anzüge von Paul Smith, Schuhe von Doc Martens, und weiter hinten müsste noch eine silberfarbene und sternförmige Gitarre schweben. Das, und nur das, macht denen keiner nach. Und das ist was? Schön natürlich.

4. und 5.6. Düsseldorf, 7. und 8.6. Leipzig, 10. 6. Berlin, 12. 6. Frankfurt, 13.6. München, 31.10. Oberhausen, 1.11. Bremen, 3.11. Hannover,7.11. Mannheim, 8.11. Stuttgart, 1.13. Nürnberg, 3.12 Wien. 4.12. Graz, 6. und 7.12. Zürich.

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  1. Da oben ist Leben
  2. Sie lesen jetzt Neue Kraftpakete
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(SZ vom 12.05.2009/bey)