Denzel Washington wird 60 Der gute Mensch von Hollywood

In "The Equalizer" ist Denzel Washington ein Mann, der zu warten versteht. Eine Rolle, die ihm liegt.

(Foto: dpa)
  • Denzel Washington wird 60 - die Kritiker schätzen ihn für seine unaufgeregte Arbeit, die Zuschauer für sein unverkrampftes Spiel.
  • In seinem neuesten Film "The Equalizer" spielt er einen Kämpfer. Er kommt zum Zeitpunkt der Proteste gegen weiße Polizeigewalt in die Kinos.
  • In "Safe House" lässt sich Washington auf eigenen Wunsch waterboarden.
  • Washington versteht sich selbst als "arbeitenden Schauspieler", sein Schaffen zeichnet die Integrität aus, die er ganz natürlich auszustrahlen scheint.
Von Fritz Göttler

Denzel Washington ist der gute Mensch von Hollywood. In seinen Rollen hilft er den Schwachen und Unterdrückten, den Erniedrigten und Beleidigten, und bestraft die Brutalen und Korrupten. Er tut das mit Selbstverständlichkeit und Selbstvertrauen. Manchmal leistet er es sich aber auch, auf die andere Seite zu wechseln, ins Feld der Korruption. Oder in den trüben, undurchsichtigen Bereich zwischen Gut und Böse. In jedem Fall sind Denzel Washingtons Figuren ebenso ritterlich wie realistisch.

Die Kritiker schätzen ihn für seine unaufgeregte Arbeit - und weil er sich aus den Schlagzeilen heraushält. Die Zuschauer lieben ihn für die Art, wie er seinen Figuren Kontur und auf der Leinwand Leben verleiht. Für sein unverkrampftes Spiel. Für die Stimme, die lässig ist und sanft und doch stets suggeriert, wie ernst er es meint (man sollte ihn auf DVD immer im Original sehen, mit Untertiteln). Am 28. Dezember wird Denzel Washington 60 Jahre alt.

Kämpfer in "The Equalizer"

Hier ist ein Mann, der zu warten versteht. Er sitzt auf einem Stuhl, man spürt seine Gelassenheit, aber auch: Entschlossenheit. Der letzte Kampf steht bevor. Es ist eine noble, großbürgerliche Atmosphäre, die Villa eines russischen Mafiabosses, in Moskau. Denzel Washington ist Robert McCall, ein ehemaliger CIA-Mann, der allein gegen den kriminellen russischen Untergrund in Amerika antritt, bis zur letzten Konsequenz. "The Equalizer", sein neuester Film. Ein Kämpfer. "I didn't know how to fight", hat er über seine Jugend gesagt, "but I knew how to win". Das gilt für alle seine Rollen. Seine Filme sind auf ihn zugeschnitten, echte Starvehikel, wie sie selten geworden sind im Kino heute.

Denzel Washington fühlt sich in seinen Rollen wohl im öffentlichen Raum. Jede Nacht verlässt Robert McCall sein Apartment und setzt sich ins leere Diner um die Ecke, ans Fenster, und liest. Eines Nachts kommt ein Mädchen, setzt sich an den Tresen. Es handelt sich um eine junge Prostituierte, schikaniert, terrorisiert von einem russischen Zuhälter und seiner Gang. Denzel Washington spricht sie an, kümmert sich um sie, will sie freikaufen. Damit eskaliert der Kampf zwischen ihm und der Mafia.

Eine schöne Alterslosigkeit geht aus von Robert McCall, auch mit 60 hat Denzel Washington nichts von der Besserwisserhaftigkeit, die das Alter Hollywoodianern oft beschert. Nicht die geringste Lust auf den Eindruck von Väterlichkeit. Seine Ritterlichkeit ist von der Action geprägt, sehr pragmatisch, mit einem Zug ins Böse-Sarkastische. Tagsüber arbeitet er im Baumarkt, dort versorgt er sich mit den Geräten für seine Aktionen. "The Equalizer" kam in Amerika in die Kinos, als sich in den USA die Proteste nach den tödlichen Schüssen in Ferguson aufheizten, angesichts des Gefühls einer Ohnmacht der schwarzen Bevölkerung gegenüber der weißen Polizeigewalt. 35 Millionen hat "The Equalizer" am Startwochenende im Herbst in den USA eingespielt.

Geschundener Held in "Man on Fire"

Außergewöhnliche Freundschaft: Denzel Washington und Dakota Fanning in "Man on Fire".

(Foto: )

Washingtons Filme erzählen von Einzelgängern, sie wechseln in den Orten, Genres, Stimmungen, viele sind von großer Traurigkeit und Düsterkeit erfüllt. Als ein buddy movie der ungewöhnlichen Art kann man "Man on Fire" von 2004 sehen. Washington spielt auch hier einen ehemaligen CIA-Mann, Alkoholiker, depressiv, heruntergekommen. Er verdingt sich als Leibwächter in Mexico City. Er soll das Mädchen eines Geschäftsmanns schützen, Dakota Fanning, und dabei werden die beiden echte Freunde. Sie wird entführt, er angeschossen bei dem Versuch, sie zu retten. Daraufhin zieht er los, begibt sich auf einen brutalen Feldzug gegen die Entführer-Clique, auf dem er wirklich hässliche Sachen macht.

"Man on Fire" ist eine Selbsthilfe-Phantasie aus den Jahren nach 9/11, den Attacken vom 11. September 2001. Washington spielt einen geschundenen Helden, der mit dem Tod für seine Brutalität zahlt. Auch in diesem Fall mit aktuellem Bezug: Zu der Zeit, als der Film entstand, hat die CIA angefangen, Terrorverdächtige zu verschleppen und gezielt zu foltern.

Verkappter Westerner, wie in "Safe House"

Washington weiß, was Waterboarding heißt. In "Safe House", 2012, spielt er einen abtrünnigen CIA-Agenten, der mit geklauten Informationen handelt. Er gerät in die Hände der früheren Kollegen und wird der Folterpraxis unterzogen. Washington hat bei den Aufnahmen darauf bestanden, dass er die Szene selbst spielt, dass die Foltermethode möglichst realitätsgetreu angewandt wird.

Die Gnadenlosigkeit des Einzelgängers, in einer Welt, in der nur das Recht des Stärkeren gilt: Washington ist in vielen seiner Filme, mehr noch sogar als der legendäre Clint Eastwood, ein verkappter Westerner, und die Regeln des Western geben ihnen die Dynamik vor. Eine klassische Beschreibung des großen amerikanischen Kulturkritikers Robert Warshow: "Der Westerner ist eine Figur der Ruhe. Er ähnelt dem Gangster in der Einsamkeit und bis zu einem gewissen Grad in der Melancholie. Aber seine Melancholie rührt aus der schlichten Einsicht, dass das Leben gnadenlos ernst ist, nicht aus seinem maßlosen Temperament. Seine Einsamkeit liegt in ihm, sie ist ihm nicht von seiner Situation auferlegt, sondern gehört ganz zu ihm und zeugt von seiner Ausgeglichenheit."

Im kommenden Jahr will Denzel Washington in "The Magnificent Seven" mitspielen. Es ist der Klassiker der Selbsthilfegeschichten, ein amerikanischer Urwestern, inspiriert von der Ritterlichkeit japanischer Samuraikrieger.

Manisch und magisch durchgeknallt in "American Gangster"

Denzel Washington als New Yorker Drogengangster in "American Gangster":

(Foto: Universal)

In "American Gangster" von Ridley Scott spielt Washington einen Drogengangster in New York, Frank Lucas. Er vereint Brutalität und Eleganz und wirkt ein wenig wie eine der manisch und magisch durchgeknallten Scorsese-Figuren. Russell Crowe ist sein Gegner bei den Cops, hemdsärmelig und manchmal eher glücklos, aber am Ende zwingt er Frank schließlich zur Zusammenarbeit.

Rassenfrage nur in historischen Filmen wie "The Hurricane"

Denzel Washington in "The Hurricane".

(Foto: REUTERS)

Washington hat in wenigen seiner Filme die Rassenfrage offen angesprochen oder den amerikanischen Rassismus und die Traumata, die er hervorruft. Das Thema kommt eigentlich erst dann ins Spiel, wenn er historische Figuren spielt, den Nation-of-Islam-Führer Malcolm X im gleichnamigen Film von Spike Lee, oder Rubin Carter im Film "Hurricane" von Norman Jewison - einen Boxer, der wegen Mordes für Jahre zu Unrecht ins Gefängnis gesteckt wurde.

2007 dreht Washington in Eigenregie den Film "The Great Debaters". Er spielt einen Professor, der in den Dreißigern ein paar schwarze Studenten im Argumentieren und Debattieren trainiert, so dass sie schließlich gegen die weiße Übermacht aus Harvard antreten können. Ein ritterliches Turnier, im intellektuellen Uni-Milieu.

Integrität, schreibt Filmkritiker Gavin Smith, das ist die Qualität, die Washington oft in seinem Spiel verkörpert, 30 Jahre lang. Sie liegt im Herzen seiner Leinwandwirkung, er scheint dies ganz natürlich auszustrahlen.

Flugkapitän in "Flight" - die wohl beste Rolle

Vielleicht seine beste Rolle: Denzel Washington als Whip in "Flight".

(Foto: Robert Zuckerman)

Die Integrität erlaubt es Washington, sehr frei mit seinen Heldenrollen umzugehen. Auch im Alter hat Denzel Washington noch etwas Jungenhaftes, etwas Lausbübisches gar. Eine Selbstsicherheit und Überheblichkeit, die nur die Jugend sich erlauben kann. Das Privileg, sich auch mal als Arschloch aufzuführen.

Washington gehört zu den wenigen, die damit durchkommen beim Publikum, ohne dessen Sympathien zu verlieren. Sein Flugkapitän Whip Whitaker im Film "Flight" von Robert Zemeckis ist von der ersten Szene an auf Koks und Alkohol, und Sex mit den Flugbegleiterinnen aus. Auch im Flugzeug trinkt er weiter, aber im entscheidenden Augenblick schafft er es durch einen verrückten Trick seine defekte Maschine sicher auf einem Feld zu landen und die meisten Passagiere und Mitarbeiter zu retten. Er reagiert ungnädig, als man tatsächlich die näheren Umstände seiner Großtat zu untersuchen beginnt. Ein überheblicher, unbeherrschter Macho, ein Übermensch, bei dem einem immer wieder mulmig wird, dem man aber dennoch durch all seine Turbulenzen zu folgen bereit ist. Am Ende stößt er selbst ein "God help me" hervor. Es ist vielleicht die beste Rolle des bekennden Christen Washington.

Loser in "Pelham"

Gegenstück zum Überflieger Whip: Denzel Washington in "Pelham".

(Foto: )

Das Gegenstück zum Überflieger Whip spielt Denzel Washington in dem leider sehr unterschätzten Film "Die Entführung der U-Bahn Pelham 123", 2009 von Tony Scott (Ridleys Bruder, mit dem er insgesamt fünf Filme machte). Washington ist Walter Garber, einer der Dispatcher im New Yorker U-Bahn-System, der gefordert wird, als eine Erpresserband eine U-Bahn entführt und Millionen Dollar will. "An ordinary guy in an extraordinary situation", nennt es Washington. Ein gewöhnlicher Kerl in einer außergewöhnlichen Situation.

John Travolta spielt den Boss der Entführer, und mit Washington liefert er sich großartige Konfrontationsszenen. Zwei Loser, die sich plötzlich gefunden haben, Washington ist ein Maulwurf, in seinem Innern köchelt Rebellion. Zur Vorbereitung hat er sich im Diners Gewicht angefuttert, hat Kaffee auf seinen Pulli verschüttet, den er dann beim Dreh trug.

Flight und Pelham, das sind die zwei Extreme im Versteckspiel, das der Kinostar Denzel Washington mit uns - und auch mit sich selbst - spielt. Aber was ist schon ein Star. Einem Reporter des Guardian hat Washington mal gesagt: "Paris Hilton ist eine Berühmtheit. Ich bin nur ein arbeitender Schauspieler." Ein Mann, der zufällig im richtigen Beruf gelandet ist. Mehr nicht.