Interview von Sonja Zekri

Kommunistische Marken - entpolitisiert und kommerzialisiert: Im Interview spricht der russische Philosoph Boris Groys über den osteuropäischen Denkmalstreit, proletarische Ästhetik und Russlands Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit.

Was für ein Déjà-vu. In Osteuropa werden sowjetische Denkmäler geschleift - wie damals, als die Sowjetunion kollabierte. Estland hat den Bronzenen Soldaten demontiert, Polen möchte seine Kriegerdenkmäler bald per Gesetz abräumen. Der Streit wird andauern, sagt der russische Philosoph Boris Groys, denn er ist nur Ausdruck einer tieferen, grundlegenderen Umdeutung der Geschichte.

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SZ: Wir erleben einen zweiten postkommunistischen Bildersturz. Warum gerade jetzt?

Boris Groys: Jede große Umwälzung führt zu einem gewissen Ikonoklasmus. Das geht in Wellen. Man toleriert noch eine Weile bestimmte Zeichen, aber auch diese werden zerstört. Während des kommunistischen Ikonoklasmus zog sich die Zerstörung der Kirchen und Monumente noch viele Jahrzehnte nach der Oktoberrevolution hin. Und auch der aktuelle Bildersturz wird weitergehen.

SZ: Es ist noch nicht vorbei?

Groys: Nein. Vielleicht ist man so effizient, dass man diesmal alles ausradiert. Aber das würde mich wundern. Die ganze Auseinandersetzung hat damit zu tun, dass in allen Ländern Osteuropas ein wachsender Nationalismus zu verzeichnen ist. In Estland und Polen etwa wird dafür die kommunistische Vergangenheit herangezogen, die als Okkupation durch Russland gesehen wird. Alles wird in den Termini eines ethnischen Konfliktes zwischen Esten und Russen formatiert. Ich würde diesem Geschichtsbild nicht zustimmen, aber so ist es. Und je weiter diese Ethnisierung des Kommunismus geht, die meist zur Selbstentlastung praktiziert wird, desto mehr Spannungen müssen wir erwarten.

SZ: In Moskau wurde das monströse Ensemble im Siegespark erst 1957 in Auftrag gegeben und erst 1995 fertiggestellt: Ein Jelzinsches Projekt im Breschnjew-Look. Die Brisanz der Historie wächst mit dem Abstand zum Ereignis. Welche Rolle spielen die Denkmäler heute?

Groys: Der Nationalismus wächst auch hier. Jedes Element, das nicht im Sinne eines russischen Nationalismus gedeutet werden kann, alles Internationale des Kommunismus, wird eliminiert. Das sind parallele Prozesse. Gerade in Russland war das Kosmopolitische sehr ausgeprägt. Deshalb feiern viele heute eine neue Freiheit der nationalen Selbstbehauptung.

SZ: Die Bildsprache dieser Denkmäler ist ziemlich einheitlich.

Groys: Es ist meist die konventionelle Ästhetik des sozialistischen Realismus. Sie stammt direkt aus der revolutionären Ästhetik des proletarischen Sieges.

SZ: Würde man die Gewehre gegen Ährengarben auswechseln, ähnelten viele Figuren den Skulpturen "Arbeiter und Kolchosbäuerin" von Wera Muchina.

Groys: Muchina, Tomski, es gab sehr viele, die diesen proletarischen Stil gepflegt haben und die Rote Armee als eine revolutionäre Armee begriffen, die den Sieg des Proletariats über den Faschismus vorbereitete. Daher auch dieses Pathos. Die Denkmäler zeigen fast immer einfache Soldaten, ähnlich den Soldaten des Bürgerkrieges, niemals Generäle. Die wohl einzige Ausnahme war das spät und mit viel Propaganda errichtete Schukow-Denkmal am Roten Platz.

Seite 2: Groys über weiße Schrift auf rotem Grund und russischen Pragmatismus und Positivismus.

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