Ein Kommentar von Franziska Augstein

Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist auf dem Gebiet der Museumspädagogik viel Vernünftiges geschehen. Bei der Denkmalspolitik aber gab es Rückschritte.

Nichts gibt es, was heutzutage nicht ein Denkmal sein könnte, vorausgesetzt, man erklärt es dazu. Diesem Gedanken kommt das Denkmal zur Erinnerung an die homosexuellen Opfer des Nationalsozialismus entgegen: Zwei sich küssende Männer (später dann: zwei sich küssende Frauen) erinnern wohl weniger an die Verfolgung, der Homosexuelle einst ausgesetzt waren, als an die Stigmatisierung, unter der manche heute noch leiden. Alles, was die Gesellschaft angeht, kann und sollte öffentlich zur Sprache gebracht werden, und sei es in Form eines Denkmals.

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Ein Besucher der Einweihung des Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. (© Foto: ddp)

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Das Denkmal für die Homosexuellen, das am Dienstag in Berlin eingeweiht wurde, ist kein klassisches Denkmal. Traditionellerweise setzen Denkmale großen oder sich für groß haltende Gestalten ein Andenken; oder sie versuchen, dem Tod nachträglich einen Sinn zu verleihen, indem sie gefallener "Helden" gedenken.

Im Namen des Staates

1945 war es mit dieser Art Denkmal in der bundesdeutschen Kultur vorbei. Zwar erinnerten viele Ortschaften an ihre "gefallenen Söhne" und ließen die Ziffern "1939-1945" unter die Ziffern "1914-1918" in das schon vorhandene Monument gravieren. Im Namen des Staates konnte man so etwas aber nicht machen: Ein Land, das für den Tod von vielen Millionen Menschen aus aller Welt verantwortlich ist, hat nichts zu feiern.

Die deutsche Aufgabe war nun: Zu begreifen, was Deutsche getan hatten, und sich der Erinnerung anzunehmen. Das war ein langer und schwieriger Prozess. Denkmale, die Bezug auf die nationalsozialistischen Verbrechen nahmen, wurden in der Bundesrepublik sowohl von Seiten des Staates als auch von den Bürgern "bis weit in die siebziger Jahre schroff abgelehnt", wie Volkhard Knigge, der Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, es formuliert.

Erst in den achtziger Jahren gelang es Staat und Bürgern, sich mit der Vergangenheit so aufrichtig zu befassen, dass nun auch Denkmale möglich wurden. Damals kam die Idee des "Gegendenkmals" auf, eines Denkmals also, das den Betrachter zur Nachdenklichkeit anregt, anstatt ihm eine bestimmte Deutung der Geschichte aufzudrängen - möge sie der Heldenverehrung dienen oder der ritualisierten Trauer.

Ein gutes Beispiel für diese neue Form der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bietet das von der Stadt Hamburg bei dem Bildhauer Alfred Hrdlicka bestellte Monument zur Erinnerung an den "Hamburger Feuersturm" und den "Untergang von KZ-Häftlingen", das Mitte der Achtzigerjahre unmittelbar neben einem NS-Denkmal aufgestellt wurde: Man wollte die Geschichte nicht retuschieren.

In der DDR tat man sich mit der Erinnerung weniger schwer: Weil der Führerkult unter dem Stalinismus gepflegt wurde, fanden viele kommunistische Führer den Weg auf einen Sockel. Weil so viele Kommunisten in Konzentrationslagern gelitten hatten, wurde auch die Erinnerung an die Leiden im KZ gepflegt.

Fritz Cremer, der Schöpfer des Buchenwald-Denkmals, hatte in den fünfziger Jahren etwas Anderes im Sinn als das, was dann errichtet wurde. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er seine Skulptur aus Gusseisen gemacht. Gusseisen ist nach ein paar Jahrzehnten korrodiert: Wer die Botschaft bis dahin nicht begriffen habe, so fand Cremer, der müsse sein Denkmal dann auch nicht mehr sehen. Cremer betrachtete Denkmale nicht als ewig, sondern als Denkanstoß. Das sollten sie sein. Wenn sie diese Aufgabe nicht erfüllen, sollte man sie nicht errichten.

Fehl am Platz

Seit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten ist auf dem Gebiet der Museumspädagogik viel Vernünftiges geschehen. Bei der Denkmalspolitik aber gab es Rückschritte. Zum Einen liegt es daran, dass internationale Wettbewerbe ausgeschrieben werden, was der Debatte über Sinn und Zweck eines Denkmals nicht unbedingt weiterhilft. Zum Zweiten tun allerlei Leute so, als lebten wir im Wilhelminismus:

Da ist jetzt ein Einheitsdenkmal geplant, mit dem man die Vereinigung der DDR mit der Bundesrepublik feiern will. Die Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt hat gesagt, was davon zu halten ist: "Das geht nur mit einer Debatte. Viele in Ost und West fühlen sich nicht vereint. Wollen wir denen ein Denkmal hinstellen und sagen: Freut Euch, wir sind jetzt vereint!"

Die Demokratisierung der deutschen Länder, die 1848 scheiterte, musste dem Willen zur nationalen Einheit Platz machen. Darüber soll das Einheitsdenkmal offenbar hinweggehen. Es passt zum geschichtsblinden Triumphalismus, der sich jetzt geltend macht, dass man die Idee hatte, dies Denkmal auf einen riesigen Sockel zu stellen, auf dem einst ein Standbild Wilhelms I. thronte.

Ein Denkmal, das nicht zum Denken anregt, ist überflüssig. Ein Denkmal, das zu nichts Anderem dient als der nationalen Selbstbeweihräucherung, ist in einem weltoffenen Land fehl am Platz. Ein Denkmal, das die Geschichte verfälscht oder ihr zumindest nicht gerecht wird, ist ein Ärgernis. Die Bundesrepublik der achtziger Jahre hatte das begriffen. Die Deutsche Nationalstiftung, unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Horst Köhler, spendiert jetzt den Initiatoren des "Denkmals der deutschen Einheit" den mit fünfzigtausend Euro dotierten Nationalpreis.

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(SZ vom 28.05.2008/ehr)